Stelter strategisch: Der Bluff mit Banken erhöht das Verlustrisiko

kolumneStelter strategisch: Der Bluff mit Banken erhöht das Verlustrisiko

Kolumne von Daniel Stelter

„Der Ausblick ist unverändert“ lautet die aufmunternde Botschaft der Analysten. Falsch, sie bewerten den „Worst Case“ höher. Alleine dies spricht für tiefere Kurse.

Der Einbruch der Märkte seit Jahresbeginn wird in vielen Kommentaren mit Kopfschütteln betrachtet. Es habe sich doch nichts Grundlegendes geändert, ist da zu lesen: Zinserhöhung in den USA, weniger Wachstum in China, anhaltende lockere Geldpolitik in Europa. Nichts Neues. Die Unternehmen stehen gut da, und angesichts der Tiefst- bis Negativzinsen bleibt einem ohnehin nichts anderes übrig, als in Aktien zu investieren. Mit 2008 habe das alles schon gar nichts gemein, schließlich stehe das Finanzsystem auf einem besseren Fundament, von einigen Problembereichen wie in Italien abgesehen. Fazit deshalb: unverständliche Panik, die eigentlich nur eine Kaufgelegenheit bietet.

Zum Autor

  • Daniel Stelter

    Dr. Daniel Stelter ist Makroökonom und Gründer des Diskussionsforums „Beyond the Obvious“. Von 1990 bis 2013 war Stelter Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG), wo er von 2003 bis 2011 weltweit das Geschäft der BCG Praxisgruppe Corporate Development (Strategie und Corporate Finance) verantwortete. Als Autor wurde er mit dem getAbstract International Book Award 2010 ausgezeichnet. Im April 2013 erschien sein Buch „Die Billionen-Schuldenbombe“ über die Schuldenkrise, im Mai 2014 „Die Krise – 77 Bilder zum Selberdenken und Mitreden“. Mit dem zuletzt erschienenen Buch „Die Schulden im 21. Jahrhundert“ (Frankfurter Allgemeine Buch, ISBN 978-3-95601-077-4) lieferte er eine Replik auf Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“.

Regelmäßige Leser dieser Kolumne wissen, dass auch ich die Situation nicht wie 2008 sehe –  sondern schlimmer. Wohin man auch blickt, hat sich die Problemlage verschärft. Über 50 Billionen mehr Schulden in einer Welt, die davor schon unter zu vielen Schulden litt, kann man nun wahrlich nicht als ein Entspannungssignal werten. Das Bankensystem in Europa wurde – im Unterschied zu den USA – nicht saniert und dreht immer noch mit viel zu wenig Kapital ein viel zu großes Rad. Auch in den Schwellenländern sind unsere schwachbrüstigen Banken wieder ganz vorne mit dabei. Kein Wunder, dass die Aktionäre aus den Bankaktien fliehen, ist doch diesmal die Drohung ernster zu nehmen, bei der nächsten Schieflage zur Kasse gebeten zu werden.

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So richtig dies ist, so krisenverstärkend ist es naturgemäß. Bis jetzt ist es Notenbanken und Politik noch gelungen, die Illusion aufrecht zu erhalten, dass die Banken sicher sind. Dabei haben sie das Glück, dass bisher noch niemand wie im Märchen laut ausgerufen hat: „Der Kaiser ist nackt!“ Sollte sich in den aktuellen Turbulenzen die Erkenntnis der mangelnden Kleidung des Bankensystems breiter durchsetzen, genügt es nicht, auf Banken im Portfolio zu verzichten, wie das Profis schon lange tun. Dann ziehen diese den ganzen Markt mit nach unten.

Natürlich werden die Notenbanken dann die letzte Hemmungen fallen lassen und „all-in“ gehen, um die Inflation nicht nur bei den Vermögenspreisen zu befeuern. Spannend wird sein, wie diese Intervention aufgenommen wird. Als Auftakt zu einer weiteren Börsenhausse getragen von der Inflationshoffnung? Oder als endgültiger Beweis für das Scheitern der Politik der letzten Jahre mit einer Flucht aus allen Finanzassets? Ohne Zweifel hat das (Ur-)Vertrauen in die Allmacht der Notenbanken in den letzten Monaten erheblich gelitten.

Doch selbst wenn es nicht so schlimm kommt, gibt es durchaus rationale Gründe selbst bei unveränderten Annahmen zu Gewinnen und Wachstum, Aktien tiefer zu bewerten als noch vor Jahresfrist. Ein Leser dieser Kolumne – ja, liebe Leser, wenn sie richtig gute Sachen haben, immer an mich schicken! – hat mich auf einen Kommentar von Harlyn Research hingewiesen, der verdeutlicht, dass der Wunsch, Verluste zu begrenzen, bei gestiegenem Risiko zwangsläufig zu tieferen Kursen führen muss. Dies liegt an unserem Verhalten und den Gesetzen der Mathematik.

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