Daniel Stelter: Was ist dran am Gerede vom „Melt-up“-Boom?

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Bullen und Bären sehen den wahren Boom noch vor sich

Kolumne von Daniel Stelter

Die Märkte sind teuer. Egal: Bullen und Bären sehen den wahren Boom noch vor sich: den „Melt-up“. Der ist möglich - und wäre fatal. Was Anleger erwartet und wie sie sich darauf einstellen.

Je höher die Marktbewertungen steigen, desto größer die Notwendigkeit neue Käuferschichten für die Börsen zu begeistern. Dies erfordert eine hohe mediale Aufmerksamkeit und die richtige Geschichte. Die Geschichte des Jahres 2018 geht ungefähr so: Obwohl die Märkte seit dem Tief 2009 schon eine beeindruckende Entwicklung hinter sich haben, steht uns das Beste noch bevor. Die Weltwirtschaft wächst so stark und synchron wie lange nicht mehr, die Zinsen bleiben tief und die politischen Risiken namentlich in Europa sind nicht eingetreten. Zunehmend wird deshalb klar, dass an der Anlage in Aktien kein Weg vorbei führt. Sie ist alternativlos. 

Wem dies nicht genügt, dem stellen die Auguren einen „Melt-up-Boom“ in Aussicht. Gemeint ist ein dramatischer und unerwarteter Preisanstieg, der durch einen Run der Anleger ausgelöst wird, die Angst haben etwas zu verpassen und nicht durch eine wirkliche Verbesserung in der Realwirtschaft. Letzteres kann einem egal sein, Hauptsache man ist mit dabei.

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Melt-ups haben es erfahrungsgemäß in sich. Kurssteigerungen von 50 Prozent und mehr sind keine Seltenheit. Kein Wunder also, dass mit ihnen gelockt wird, um jene, die angesichts der schon hohen Bewertungen zweifeln, doch noch in die Märkte zu bekommen.

Bitcoin, Börse, Gold Stelters Prognosen für 2018

Vor einem Jahr hat unser Kolumnist zehn Prognosen zum Kapitalmarktgeschehen abgegeben - wider besseren Wissens. Er war zumindest so erfolgreich, dass er es für 2018 gleich nochmal versucht.

Bitcoin, Börse, Gold: Das bringt die Märkte 2018 in Bewegung. Quelle: imago

Geschichte der Blasen spricht für den Melt-Up

Eines der wesentlichen Argumente für den finalen Börsenboom liefert der Vergleich mit früheren Blasen. Jeremy Grantham vom Bostoner Vermögensverwalter GMO hat sich die Mühe gemacht und die Charaktermerkmale früherer Blasen analysiert und auf die heutige Situation übertragen. Kernergebnis: obwohl die Börse schon heute so teuer ist wie vor dem Börsenkrach 1929 – nur in der Dot.com-Blase war die Bewertung an der Wall Street noch höher – könnte es durchaus sein, dass die Märkte in den nächsten 21 Monaten nochmals 60 Prozent zulegen. Kursziel wären damit bis zu 3700 Punkte im S&P 500 (aktuell: 2786 Punkte). Allen Blasen ist nämlich gemein, dass sie mit einem Melt-up enden.

Diese Aussage ist umso bemerkenswerter, weil sie von einem anerkannten Bären, also einem Börsenpessimisten kommt. Schon seit Jahren warnt der Vermögensverwalter vor der zu hohen Bewertung an faktisch allen Finanzmärkten und prognostiziert auf lange Sicht nur noch maue Renditen. Für ihn als Value Investor ist schon heute alles zu teuer, er räumt aber ein, dass die Märkte sich länger und deutlicher vom fairen Wert entfernen können. Es wäre immerhin die dritte Blase innerhalb von zwanzig Jahren.

Bären müssen sich eindecken

Durch die Kombination mehrerer Faktoren kommt es zum Boom: die Märkte steigen trotz mahnender Rufe weiter. Deshalb geben immer mehr Akteure ihre Zurückhaltung auf und kaufen in der Erwartung, dass es diesmal wirklich anders ist. In der Folge kommen jene, die auf fallende Kurse gesetzt haben unter Druck und müssen ihre Position schließen – also ebenfalls kaufen – was den Kursen zusätzlich Auftrieb verleiht. Damit entfaltet sich eine selbstverstärkende Dynamik, in der die Kurse nur eine Richtung kennen.

Die Medien berichten und verleiten damit die breite Öffentlichkeit dazu, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Nur so kann es zu Steigerungen um 50 Prozent und mehr kommen. Erst, wenn diese Phase eine Weile läuft, kommt es zur – meist ebenso raschen und deutlichen – Trendwende. Die spät zur Party Kommenden erlauben den frühen Investoren, ihre Gewinne zu sichern und begleiten die Märkte dann mit schmerzlichen Verlusten nach unten – bis sie entnervt aufgeben und verkaufen, was dann wiederum die Trendwende nach oben signalisiert.

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