Sturz der Bundesanleihen: Aktienkurse auf schwankendem Boden

kolumneSturz der Bundesanleihen: Aktienkurse auf schwankendem Boden

Kolumne von Manfred Gburek

Bisher hat vor allem die EZB Börsianer bei Laune gehalten. Doch allein schon der jüngste Kurseinbruch der Bundesanleihen ließ die Stimmung schlagartig umkippen – ein erstes Warnsignal.

Der Sturz der deutschen Aktienkurse zu Beginn der Woche war ungewohnt heftig. Dennoch ist er recht einfach zu erklären: Großanleger nehmen Kursgewinne mit. Was sie dazu bewegt, ist zunächst  die Höhe der Gewinne. Nach weit über drei Jahren Aufwärtstrend ist da einiges stark angeschwollen. Darüber hinaus wirkt sich der Schock am Anleihemarkt negativ auf die Aktienkurse aus. Dazu nur dieses Beispiel: Zehnjährige Bundesanleihen, bislang so etwas wir ein Symbol für Sicherheit, haben von Ende März bis zum Mittwoch dieser Woche nach dem tiefen Fall von gut 108 auf etwas unter 100 Punkte rund 7,5 Prozent an Wert verloren. Während dieser kurzen Zeit ist ihre Rendite um ein Vielfaches auf zuletzt 0,52 Prozent gestiegen. So etwas lässt nicht nur jeden Manager von Rentenfonds hyperaktiv werden, sondern auch die meisten Aktienfondsmanager.

Ökonomen zu den Staatsanleihenkäufen der EZB

  • Hans-Werner Sinn, ifo Institut

    "Die EZB sollte keine Staatspapiere kaufen, denn dann würde sie die Zinsen der Wackelstaaten weiter drücken und sie anregen, sich noch mehr zu verschulden. Der Kauf wird von Artikel 123 des EU-Vertrages zu Recht verboten, weil er einer verbotenen Monetisierung der Staatsschulden gleichkommt. Man sollte auch bedenken, dass selbst die US-Notenbank Fed keine Staatspapiere von Gliedstaaten kauft. Kalifornien, Illinois oder Minnesota stehen am Rande der Pleite, und doch hilft die Fed ihnen nicht mit Krediten. Es ist schlichtweg unakzeptabel, dass die EZB meilenweit über die Fed hinausgeht, obwohl Europa den gemeinsamen Bundesstaat noch gar nicht gegründet hat. Die EZB-Politik treibt die Staaten Europas in Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse und wird längerfristig nichts als Streit und Spannungen erzeugen."

  • Marcel Fratzscher, DIW

    "Die EZB verfehlt ihr Mandat der Preisstabilität und ist dabei, ihr wichtigstes Gut zu verlieren: ihre Glaubwürdigkeit. In letzter Instanz ist der Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB ein notwendiges Übel, um ihrem Mandat gerecht zu werden. Je zögerlicher die EZB handelt, desto weniger effektiv ihre Geldpolitik und desto höher die Risiken."

  • Michael Heise, Allianz Group

    "Ich sehe derzeit keine Deflationsgefahren, die Staatsanleihekäufe rechtfertigen könnten. Ohne die notwendigen Anpassungsprozesse in den Peripherieländern und dem ökonomisch vorteilhaften Ölpreisrückgang läge die aktuelle Inflationsrate in etwa um einen Prozentpunkt höher, als es derzeit der Fall ist. Die Jagd nach Rendite und die Risikobereitschaft an den Finanzmärkten würden weiter erhöht, der Anreiz, fürs Alter langfristig zu sparen, würde weiter vermindert."

  • Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

    "Seit Anfang 2009 ist der Zuwachs der Geldmenge M3 mit durchschnittlich 1,7 Prozent weit hinter dem Referenzwert von 4,5 Prozent zurückgeblieben, den einst EZB und Bundesbank für sinnvoll hielten. Entsprechend schwächelt die Konjunktur, während der Preisauftrieb auch ohne Öl gefährlich nah an die Deflation herankommt. In dieser Lage muss die EZB mit einer Offenmarktpolitik gegenhalten, also mit dem Kauf von Anleihen auf dem offenen Markt, der auch Staatsanleihen umfassen sollte."

  • Volker Wieland, Sachverständigenrat

    "Es ist nicht notwendig, nun auch noch mit breit angelegten Staatsanleihekäufen auf den Ölpreisverfall zu reagieren. Die EZB sollte nicht nur auf Deflationsrisiken schauen, sondern auch berücksichtigen, dass sie als Käufer von Staatsanleihen den Regierungen zusätzlichen Anreiz gäbe, notwendige Strukturreformen aufzuschieben."

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Bei der weiteren Ursachenforschung stößt man schnell auf so ungleiche Zwillinge wie Grexit, den viel diskutierten denkbaren Austritt Griechenlands aus der Eurozone (der allerdings schon etwas angestaubt wirkt), und Brexit, den noch staubfreien eventuellen Austritt Großbritanniens aus der EU – aber nur, falls die Tories die jetzt anstehende britische Parlamentswahl gewinnen und eine Koalition bilden, die den Volksentscheid zum Austritt durchsetzen kann. Das sind dann doch wohl zu gravierende Einschränkungen, als dass der Brexit für die Kursentwicklung deutscher Aktien wirklich relevant werden dürfte. Dennoch geht von ihm fürs Erste noch Unsicherheit aus. Das drückt auf die Stimmung, und die ist bekanntlich ein wichtiger Kurstreiber – nach oben, aber eben auch nach unten.

Höhere Inflationserwartungen

 Es gibt noch ein ganzes Spektrum an Ursachen für den Rückgang der Aktienkurse. Haken wir einmal bei den Renditen der Bundesanleihen nach. Sie sind zweifellos in die Höhe geschossen, weil Großanleger auch hier in größerem Umfang sehr hohe Kursgewinne mitgenommen haben. Warum? Aus Börsenkreisen ist unter anderem die folgende Begründung zu hören: Weil sowohl in Deutschland, wo die Inflationsrate zuletzt auf 0,3 Prozent gestiegen ist, als auch in der Eurozone, wo sie immerhin aus dem Minus kommend 0 Prozent erreicht hat, höhere Inflationserwartungen die Runde machen. Man mag dieses Argument teilen oder nicht, auf jeden Fall wird es in den kommenden Monaten weiterhin Kreise ziehen.

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Sparreserven sind nichts wert Quelle: Getty Images, Montage

Unsicherheit befällt Anleger speziell auch aus dem Ausland. Beispiel Schweiz: Hatte die Schweizerische Nationalbank (SNB) noch vor gut zwei Jahren fast die Hälfte ihrer Anlagen in Euro gehalten, so ist der Anteil bis Ende März dieses Jahres auf etwa 42 Prozent gefallen. Und weil die SNB auch in Aktien investieren darf, macht an der Börse bereits das Gerücht die Runde, sie könnte einen Teil der Aktien verkaufen. Beispiel Japan: Die dortige Zentralbank, die Bank of Japan, investiert ebenfalls in Aktien. Und wie! Sie zieht die Kurse derart in die Höhe, dass es sogar den Börsenprofis schwindlig wird. Ein Ende dieser Geldpolitik ist nicht abzusehen. Nebenbei schwächt sie den Yen – mit negativen Folgen auch für europäische und speziell deutsche Aktien: Erstens, weil japanische Aktien wegen der von der Zentralbank vorgezeichneten Aufwärtsbewegung in internationalen Portfolios einen immer höheren Anteil haben, und zweitens, weil der schwache Yen japanische Exporte begünstigt, wodurch deutsche Exporte mittelbar benachteiligt werden.

 

Radikale Japaner

 Damit sind wir bei den fundamentalen Faktoren im weiteren Sinn angekommen, und da gilt es abzuwägen: Solange die Bank of Japan und die EZB die Börsen gleichermaßen mit Geld überschütten würden, ergäben sich weder für japanische noch für deutsche Aktien Vor- oder Nachteile. Doch allein schon die bisherigen Maßnahmen der Japaner einschließlich der Absichtserklärungen sind derart radikal, dass bis auf Weiteres nicht an ein Umschwenken zu denken ist. Die Geldpolitik der EZB ist zwar auch nicht ohne, kann aber selbst mit monatlich rund 60 Milliarden Euro Quantitative Easing, wie man ihre extrem lockere Geldpolitik jetzt zu nennen pflegt, mit den Japanern nicht mithalten.

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Was die fundamentalen Faktoren angeht, stellt sich auch noch die Frage, ob sie im jetzigen Kursniveau deutscher Aktien angemessen berücksichtigt sind. Oder konkret gefragt: Ist der Konjunkturimpuls durch die zwischenzeitliche Euro-Abwertung gegen den Dollar und durch den gefallenen Ölpreis nach dem Dax-Sprung über 12.000 Punkte in den Kursen enthalten? Falls ja, wären weitere Impulse erforderlich, damit die Aktienkurse sich wieder erholen können.

 

Spielgeld allein genügt nicht

 Spätestens bei dieser Überlegung kommt das Euro-Drama ins Spiel. Nicht wegen der EZB-Geldpolitik im Allgemeinen oder wegen des viel diskutierten Grexit im Besonderen, sondern wegen der von vornherein zum Scheitern verurteilten Konstruktion der Gemeinschaftswährung: Weil man starke und schwache, große und kleine Länder in ein System gepresst hat, das einfach nicht funktionieren kann. Wenn uns allein schon die griechischen Probleme seit nunmehr fünf Jahren beschäftigen, ohne dass eine Lösung in Aussicht ist, muss man sich einfach mal die Frage stellen, was alles geschehen kann, sobald zum Beispiel die deutschen Exporte zurückgehen, weil der chinesische Markt nicht mehr genug deutsche Autos aufnehmen kann und der amerikanische wieder mal gesättigt ist.

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Es sind solche Überlegungen, die derzeit die Börsianer und unter ihnen besonders die Großanleger beschäftigen, die zuletzt in größerem Umfang Aktien verkauft haben. Am Ende der Überlegungen wird die wichtige Frage stehen: Wie viele Arbeitsplätze fallen in Deutschland weg, wenn unsere Autokonzerne ihre Fertigung immer mehr nach China oder in die USA verlagern? Die EZB-Geldpolitik, die den Aufschwung der Aktienkurse maßgeblich bewirkt hat, mag dann noch so expansiv bleiben, an den fundamentalen Daten wird sie kaum etwas ändern können. Oder auf die Aktienkurse bezogen: Sie können eine ganze Weile vom vielen Spielgeld profitieren, doch schon ein einziges Störfeuer – wie jetzt zum Beispiel vonseiten der Bundesanleihen – kann sie kräftig ins Wanken bringen. Stellen Sie sich vorsorglich auf unruhige Zeiten ein!

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