Therapie für den Euro: Schockgefrieren oder Wadenwickel?

Therapie für den Euro: Schockgefrieren oder Wadenwickel?

, aktualisiert 06. Dezember 2011, 14:54 Uhr
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Alle reden darüber: Was ist, wenn der Euro nicht mehr ist?

von Oliver StockQuelle:Handelsblatt Online

Unternehmen spielen längst das Ende des Euro durch. Zwei prominente Ökonomen taten das jetzt öffentlich: Ulrich Kater und Michael Hüther. Der eine schreibt den Euro ab, der andere hält ihn für rettungswürdig.

DüsseldorfAlle reden drüber. Nicht nur in der Politik, auch in den Unternehmen, in den Banken, bei den Versicherern: Das Thema: Was ist, wenn der Euro nicht mehr ist, rückt ganz oben auf die Tagesordnung. Die Deka-Bank beispielsweise hatte jetzt Kunden und Führungskräfte eingeladen und ein Streitgespräch inszeniert. Die Kontrahenten: Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank  - in Wahrheit nicht ganz so pessimistisch, aber für diese Diskussion hatte er sich festgelegt. Seine These: Der Euro wird scheitern. Sein Gegenüber ist Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft und damit einer der führenden Ökonomen des Landes. Sein Votum lautet: Die Rettung des Euro funktioniert, aber mit Verstand.

Die Thesen liegen auf dem Tisch, Kater ist der erste, der seinen Standpunkt verteidigt. Der Euro, sagt er, werde scheitern, weil sich die Teilnehmer der Euro-Zone nicht an die vereinbarten Regeln halten. Die Regeln lauteten ursprünglich, dass sich die Länder nur bis zu einem gewissen Maß verschulden dürfen. Und: Dass bei Ungleichgewichten die betroffenen Länder selbst Anpassungsmaßnahmen vornehmen müssen.

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Beides habe nicht funktioniert. Deutschland selbst war einer der ersten Defizitsünder. Dazu kommt: „Die Politik hat bei der Lösung der Krise bisher nicht viel zustande gebracht. Die Erkenntnisperiode dauert bereits zwei Jahre und ist dadurch gekennzeichnet, dass man sich Maßnahmen ausgedacht hat, die, wenn sie unterschrieben wurden, bereits überholt waren“, sagt Kater. 

Was auf der Strecke blieb, sei atemberaubend: Staatsanleihen seien generell dem Verdacht des Ausfalls ausgesetzt mit dem Erfolg, dass die europäischen Staaten sich entweder gar nicht mehr oder nur zu höheren Preisen refinanzieren können. „Wir sind dabei, einiges niederzutrampeln“, sagt Kater. Die Ansteckung, die von Griechenland ausgegangen sei, zu verhindern, sei auf voller Linie missglückt. Die Hebelung des Rettungsschirms  durchgefallen, die Europäische Zentralbank überfordert und auf dem besten Weg eine Bad Bank zu werden. Der Erfolg: Weltweit machten die Investoren einen Bogen um Europa, weil sie nicht wissen, ob der Euro hält.

"Wozu sollen wir uns den Euro länger antun?"


Das Hauptproblem des Euro sei aber, dass vorhandene Ungleichgewichte zwischen den Ländern nicht durch Anpassungsmechanismen ausgeglichen werden. Denn: Wanderung finde nicht statt. Transfers seien nicht gewollt und am eigenen Schopf können sich die Länder nicht aus der Krise ziehen. Es habe noch nie eine Volkswirtschaft gegeben, die tatsächlich spare – im Sinne von weniger ausgeben. Nicht einmal Privatisierungen funktionierten, wie das Beispiel Griechenland bisher zeigt. „Wozu sollen wir uns dann den Euro länger antun?“, fragt Kater. „Wozu das Ganze? Deutschland kann mit der D-Mark genauso gut leben, wie mit dem Euro. Das bisschen Wechselkursrisiko, das es dann gibt, wird uns nicht umbringen.“

Hüther widerspricht. Aber er macht es vorsichtig, holt seine Zuhörer da ab, wo Kater sie etwas verwirrt stehen gelassen hat. Es  habe, sagt der Professor, drei Illusionen zu Beginn der Währungsunion gegeben: Erstens glaubte man, dass die Finanzmärkte zeitnah finanzpolitisches Fehlverhalten sanktionieren. Das zweite Mal habe man mit Zitronen gehandelt, bei der Frage der Stellung der Staatsanleihen in Bankbilanzen - nämlich ohne Eigenkapitalbedarf. Der dritte Irrtum bestand darin, Geld immer billiger zu machen. „Niedrige Zinsen haben zu falschen Investitionen geführt. Das war eine Fehlsteuerung“, stellt Hüther kritisch fest.

Die Anpassung gehe jetzt nur über die Lohnstückkosten. Das werde auf jeden Fall Schmerzen erzeugen. Die Frage sei nur, ob innerhalb oder außerhalb der Währungsunion. „Durch die Krise erleben wir eine Herstellung von Funktionalität der Eurozone, die wir eigentlich schon hätten haben müssen. Wir bekommen jetzt die Sanktionskraft der Finanzmärkte, die eine Wirtschaftsregierung überflüssig machen.“

Das Euro-Regelwerk muss geändert werden

Die Frage sei, so meint Hüther: „Nehmen wir den Fieberpatienten und gefrieren ihn Schock, dann ist er tot. Das ist das Modell Kater. Oder verteilen wir Wadenwickel, dann könnte der Patient langsam sein Fieber loswerden.“ Er selbst plädiert für Wadenwickel. Denn der tote Patient nütze keinem. Einzelne Länder auszuschließen, mache die Betroffenen nicht wettbewerbsfähiger.  Außerdem wären die Systemeffekte haarsträubend: Was wäre denn mit einem deutschen Unternehmen, das in Griechenland investiert habe?

Das einzige Land, das ein Interesse am Austritt aus der Euro-Zone haben könnte, sei Deutschland, stellt Hüther fest. Und ausgerechnet hier sei die Neigung am wenigsten ausgeprägt. Eurobonds lehnt der Ökonom ab. Damit würde eine Vergemeinschaftung  von Risiken ausgelöst. Auch Anleihegarantien der Europäischen Zentralbank wären nichts weiter, als einen Ausgleichsmechanismus durch die EZB organisieren zu lassen. Das sei nicht besser als Euro-Bonds.

Sein Vorschlag deswegen: Eine Reform des Euro-Regelwerks. Darein gehören: eine Schuldenbremse für die Staaten und höheres Eigenkapital für Staatsanleihen, die in Bankbüchern stehen. „Wir brauchen“, sagt Hüther, „Beharrlichkeit“.   

Quelle:  Handelsblatt Online
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