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Totalverluste möglich: Schiffbruch mit Schiffsfonds

Quelle: Handelsblatt Online

Über 275.000 Deutsche müssen hohe Verluste fürchten, denn um viele ihrer Schiffsbeteiligungen ist es nicht gut bestellt. Das Problem: Als „Mitreeder“ sind sie nicht nur an den Gewinnen der Schiffe beteiligt.

Wie profitabel Schiffsfonds sind, hängt vor allem vom Reederei-Management der einzelnen Schiffe ab. Quelle: dpa
Wie profitabel Schiffsfonds sind, hängt vor allem vom Reederei-Management der einzelnen Schiffe ab. Quelle: dpa

HamburgZigtausende Privatanleger mit geschlossenen Schiffsfonds im Depot steuern auf immense Verluste zu: Im Sog der weltweiten Krise steht ein Großteil der gut 1.430 Schiffsbeteiligungen vor dem Kentern. Wer zu den über 275.000 Deutschen zählt, die insgesamt gut 32,4 Milliarden Euro in Containerschiffe, Tanker oder Frachter investiert haben, müsse schlimmstenfalls den Totalverlust befürchten, warnt der Hamburger Rechtsanwalt Peter Hahn.

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Das Ausmaß der finanziellen Schäden sei immens, die Lage brisant, sagt Hahn, einer der führenden Kapitalanlegerschützer. Viele Anleger ahnten noch gar nicht, dass ihnen ein Totalverlust droht.

„Die Schadenswelle wird jetzt so richtig anrollen“, befürchtet auch Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW). Sylvia Beckerle von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz hält die Wahrscheinlichkeit für sehr hoch, dass zahlreiche Bürger angeschlagene Schiffsfonds im Depot haben, ohne es zu wissen.

Früher galten die spekulativen Schiffsfonds wegen ihrer steuerlichen Vorteile als Geheimtipp für Spitzenverdiener. Seit 2005 sind die Abschreibungsmöglichkeiten aber stark eingeschränkt. Banken und Finanzvermittler begannen daraufhin, die riskante Geldanlage auch an unerfahrene Normalverdiener zu verkaufen.

Zwischen 2005 und 2007, also bis zur Finanzkrise, habe der Verkauf von geschlossenen Schiffsfonds über die Schalter von Sparkassen und Banken regelrecht geboomt, sagt Anwalt Hahn. „Davon wurden mehr vertrieben als offene Immobilienfonds.“ Renditen von bis zu zwölf Prozent und mehr klangen verlockend. Wer kräftig verdient hat, waren erst einmal die Verkäufer: Sie strichen oft um die acht Prozent des Anlegerkapitals als Provision ein.


Viele Fonds in wirtschaftlicher Schieflage

Viele der unerfahrenen Kleinanleger müssen dagegen jetzt um ihre Ersparnisse fürchten. Nach den ersten Pleiten im Jahr 2009 geht ein Schiffsfonds nach dem anderen unter. Viele befinden sich schon seit Monaten in wirtschaftlicher Schieflage. Hilft die Bank bei der Sanierung nicht mit, ist das Scheitern kaum mehr aufzuhalten. Erst im Mai hatten mit der MS „Pride of Madrid“ und der MS „Pride of Paris“ erneut zwei große Fonds Insolvenz angemeldet.

Infolge der weltweiten Finanzkrise waren die Fracht- und Charterraten seit 2008 dramatisch in die Knie gegangen, der Containerverkehr auf den Weltmeeren eingebrochen. Verschärft wurde die Lage durch das Überangebot immer neuer Containerschiffe. Bei vielen Fonds reichen die Einnahmen nun nicht mehr aus, um die Kosten zu decken.

Die meisten Privatanleger wussten gar nicht, welche Risiken sie sich mit dem Produkt ins Depot holten. Denn als „Mitreeder“ sind sie nicht nur am Gewinn „ihrer Schiffe“, sondern auch an Verlusten beteiligt. Aus den geschlossenen Verträgen mit bis zu 20 Jahren Laufzeit gibt es kein Entkommen.

Bei der Verbraucherzentrale Sachsen meldeten sich in den vergangenen Wochen schon jede Menge Senioren, die viele Tausend Euro investiert hatten, aber bei Renteneintritt erst feststellen mussten, was sie da im Depot haben, wie Finanzexpertin Andrea Heyer berichtet. Bundesweit seien Betroffene durch Banken falsch beraten worden. Auch Spezialanwälte wie Peter Hahn haben alle Hände voll zu tun.

Viele Investoren haben noch gar nichts vom bevorstehenden Desaster bemerkt. Meist werden sie erst stutzig, wenn versprochene Ausschüttungen nicht wie geplant auf dem Konto landen. „Das Problem kommt schleichend daher, nicht mit einem großen Knall wie bei der Lehman-Insolvenz“, sagt Hahn.


Gute Chancen für Geschädigte bei Falschberatung

Wachgerüttelt werden viele auch erst dann, wenn Gesellschaften in akuter Finanznot ihre Investoren auffordern, Geld nachzuschießen. Erschreckende Folge bei Insolvenz: Ist das Schiff in die Pleite gefahren, kann der Insolvenzverwalter Ausschüttungen auch zurückverlangen.

Was tun? Einen allgemeinen Ratschlag gibt es nicht. Jede Beteiligung kann anders gestaltet sein, jeder Vertrag unterschiedlich. Verbraucherzentralen bieten Unterstützung beim ersten Sondieren der Lage an. Der Erstcheck kostet in der Regel 35 Euro. War die Widerrufsbelehrung beispielsweise fehlerhaft, kann womöglich der Kauf noch heute ohne Verlust rückgängig gemacht werden. Außergerichtliche Schadenersatzangebote von Sparkassen und Banken sollten ohne anwaltliche Prüfung lieber nicht angenommen werden, rät Heyer.

Gute Aussicht auf Erfolg hat, wer eine Falschberatung nachweisen kann. Oder wenn der Anleger nicht umfassend über die Provisionen aufgeklärt wurde, die sogenannten Kick-Backs, die die Verkäufer einstrichen. Der Bundesgerichtshof hatte bereits entschieden, dass Investoren über Provisionen im Bilde sein müssen.

Mit vielen Banken seien außergerichtliche Einigungen möglich, betont Hahn. Ende vergangenen Jahres erstattete eine Kreissparkasse auf dem Vergleichsweg einer Rentnerin 200.000 Euro. Die Frau hatte 250.000 Euro in drei Schiffsfonds investiert. Die Sparkasse kassierte bei dem Geschäft 23.000 Euro als Provision, ohne ein Wort darüber zu verlieren.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 09.07.2012, 00:05 UhrJens

    Nun ja, was soll das Gezeter? Wie war das Sprichwort, Gier frißt Hirn? Nicht an allem Unglück sind die böhsen Bankster schuld. Auch ein Rentner kann noch was lernen (Man wird alt wie eine Kuh und lernt...).

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