Trump, Frankreich-Wahl und die Notenbanken: Nie waren die Börsen so politisch wie heute

Trump, Frankreich-Wahl und die Notenbanken: Nie waren die Börsen so politisch wie heute

, aktualisiert 14. April 2017, 17:38 Uhr
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US-Präsident Trump ist nur ein vermeintlicher Risikofaktor für die Börsen.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Türkei-Referendum, Wahlen in Frankreich, das sich verschlechternde Verhältnis zwischen den USA und Russland sowie die Politik der Notenbanken – spannende Zeiten, auch für Aktionäre. Die Börsen sind so politisch wie nie.

DüsseldorfDie Börse im Sog der Politik. Krisenherde und Wahlen sowie Abstimmungen, deren Ausgang in eine Krise führen könnten, gibt es derzeit reichlich. An diesem Wochenende stimmt die Türkei über ein Verfassungsreferendum ab. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kann sich jüngsten Umfragen zufolge bis zuletzt nicht sicher sein, dass die Türken dem von ihm angestrebten Präsidialsystem zustimmen. Bisher hat das Referendum die Börsen kalt gelassen, ob das so bleibt, wird sich zeigen, wenn das Ergebnis feststeht.

Auch der US-Angriff auf einen syrischen Fliegerhorst in der vergangenen Woche bewegte die Märkte kaum. Allerdings verlief die Karwoche wegen der politischen Unsicherheiten von Syrien bis Nordkorea eher verhalten. Der US-Angriff auf Syrien kam überraschend, auch für die internationalen Finanzmärkte. Ein Einschreiten der USA in den Krieg und eine Konfrontation mit Russland könnte die Börsen wieder sehr politisch machen.

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Das muss aber nicht unbedingt ein Problem sein, denn eine alte Börsenweisheit besagt: Politische Börsen haben kurze Beine. Übersetzt heißt das, dass politische Ereignisse die Kurse nur sehr kurz beeinflussen. Die Experten von Sal. Oppenheim sind Anhänger dieser Aussage, und das obwohl sie Börsenweisheiten ansonsten eher kritisch gegenüber stehen. „Politische Börsen haben in der Tat kurze Beine, derzeit besonders viele davon“, sagt Jördis Hengelbrock, Portfoliomanagerin bei der Kölner Privatbank. „Aber erst wenn politische Entscheidungen die Einflussgrößen für die Börsen nachhaltig verändern, passt die Weisheit nicht mehr zur Realität, die ‚Beine‘ werden länger.“

Spannend sind in naher Zukunft vor allem die Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Im Falle eines Wahlsiegs der Rechtsradikalen Marine Le Pen dürfte es zu heftigen Reaktionen an den Märkten kommen. Experten erwarten für diesen Fall deutlich negative Kursausschläge. Zwar sieht es derzeit nicht nach einem Sieg für sie auch, aber ausgeschlossen ist er auch nicht. Deshalb warnt Hengelbrock davor, dass die Aktienmärkte das Risiko eines Siegs Le Pens derzeit kaum einpreisen. Sollte die umstrittene Politikerin doch gewinnen, würde eine Debatte über den Ausstieg Frankreichs aus der Euro-Zone definitiv zu sehr politischen Börsen führen. „Wenn es Le Pen dann allerdings nicht gelingt, eine Mehrheit für den Austritt Frankreichs aus der EU und dem Euro zu bewegen, dürften auch die europäische Kapitalmarktentwicklung nach wenigen Wochen bis Monaten wieder von anderen Themen dominiert werden“, sagt die Sal.-Oppenheim-Expertin.

Anders sähe die Lage im Falle eines „Frexit“ aus. Eine solche Zäsur würde die EU in ihre größte Krise stürzen und könnte zu einer Auflösung der Gemeinschaftswährung führen. „Damit hätte eine politische Entscheidung längerfristige Auswirkungen auf die europäische Geldpolitik, Zinsen, Wechselkurse, Konjunktur und die Gewinnaussichten der Unternehmen – und damit auf wesentliche Determinanten der Finanzmarktentwicklung“, so Hengelbrock. In diesem Falle hätte die politische Börse sehr, sehr lange Beine. Doch darauf spekulieren Investoren derzeit nicht.

Die Geldpolitik ist aber natürlich auch ohne den „Frexit“ ein extrem wichtiges Thema für die Märkte. Die Politik der Notenbanken rund um den Globus treibt Börsianer um und bewegt die Kurse. Die Leitzinsen in der Euro-Zone sind nach wie vor auf einem Rekordtief. Während die Fed bereits drei Mini-Zinserhöhungen hinter sich hat, hält die EZB am Nullzins fest. Doch wie lange noch? Immer wieder gibt es Spekulationen, nicht zuletzt weil die Inflationsrate zum Jahresbeginn angezogen hat. EZB-Direktor Benoit Coeure hat zuletzt die Regierungen aufgefordert, sich auf ein Ende der Nullzins-Phase einzustellen. „Es ist offensichtlich, dass der Finanzsektor und andere Wirtschaftsakteure, vor allem Regierungen, sich vorbereiten müssen", sagte er. „Ich hoffe, dass die Regierungen in der Euro-Zone wissen, dass die Zinsen nicht auf dem aktuellen Niveau bleiben werden.“ Doch noch ist es nicht so weit.

 


Die Wahrscheinlichkeit einer Konsolidierung könnte markant steigen

Zwar werden die Forderungen aus Deutschland nach einer Zinswende lauter, doch bei EZB-Präsident Mario Draghi finden sie kein Gehör. Der oberste Hüter des Euro hält die Zeit für eine Kursänderung noch nicht für gekommen. Weil die Konjunkturerholung noch auf unsicheren Füßen steht, will die EZB vorerst an ihrer Politik der extrem offenen Geldschleusen festhalten. Allerdings werden in der Notenbank-Führung erste zögerliche Diskussionen über Änderungen am Zinsausblick erkennbar.

Mindestens genauso genau wie die Geldpolitik von Fed und EZB wird die Politik von US-Präsident Donald Trump. Auch er ist für die ein oder andere negative Überraschung gut ist. Könnte die Rally der vergangenen Monate also auslaufen? Oder droht sogar das Ende der jahrelangen Hausse? Ein wesentlicher Teil der Kursanstiege an den Aktienmärkten basierte in den vergangenen Monaten auf großen Hoffnungen in den USA. „Die hohen Erwartung könnten enttäuscht werden“, sagt Michael Winkler, Leiter Anlagestrategie der St. Galler Kantonalbank Deutschland. „Die Zweifel an Trump nehmen zu.“ Kein Wunder: Die bisherige Bilanz von Donald Trump ist bescheiden. Selbst das scheinbar einfachste aller Projekte („Abschaffung Obamacare“) scheiterte bereits daran, dass die Republikanische Partei nicht geschlossen hinter Donald Trump stand. Die geplante Abstimmung im Senat musste abgesagt werden. „Ein guter Deal sieht anders aus“, so Winkler.

Es wird immer fraglicher, inwieweit und vor allem wann die weitaus wichtigeren Vorhaben Unternehmenssteuerreform und Infrastrukturprogramm umgesetzt werden. „Damit steigt das Enttäuschungspotenzial an den Aktienmärkten, vor allem vor dem Hintergrund einer inzwischen sehr teuren Bewertung des amerikanischen Marktes“, sagt Winkler. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt im S&P 500 aktuell über 18. Nur selten waren amerikanische Aktien in der Vergangenheit noch teurer bewertet. Die Erwartungen an die beginnende Berichtssaison der US-Unternehmen sind sehr hoch. Das letzte Quartal soll das beste seit 2011 werden. „In diesem Umfeld ist kein Platz für Enttäuschungen vorhanden“, so Winkler. „Damit ist die Wahrscheinlichkeit einer Konsolidierung oder Korrektur an den Aktienmärkten markant angestiegen.“ Schon jetzt tendieren die amerikanischen Märkte eher seitwärts.

Das Beispiel Trump unterstützt aber auch die Überzeugung von Jördis Hengelbrock, dass die Politik einen zwar medienwirksamen, aber – zumindest mittel- und langfristig – untergeordneten Einflussfaktor für die Börsenentwicklung darstellt. Kapitalmärkte würden sich über mittlere und lange Zeiträume an Fundamentaldaten orientieren. Kurz nach Amtsantritt zeigte sich bereits, dass es ohne die Unterstützung des Kongresses auch für Donald Trump schwer ist, diese Fundamentaldaten nachhaltig zu beeinflussen. „Die politischen ‚Checks and Balances‘ funktionierten und so verpuffen die ersten Trump-Effekte an den Börsen“, sagt die Portfoliomanagerin. „Die Zweifel an der Umsetzbarkeit von Trumps Plänen wuchsen und der US-Aktienmarkt ist von seinem Jahreshöchststand Anfang März knapp zwei Prozentpunkte zurückgekommen.“

Sal.-Oppenheim-Expertin Hengelbrock ist überzeugt: „Aufgrund der Unsicherheiten über den Kurs der USA, aber auch der Europäischen Union wird es auf absehbare Zeit politische Risiken und politische Börsen geben“, sagt sie. „Aber nur wenn sich die Einflussfaktoren auf die Preisentwicklung an den Aktienmärkten wie Gewinnwachstum und Zinsentwicklung nachhaltig verändern, billigen wir diesen ‚längere Beine‘ zu.“ Die Börsen bleiben also sehr politisch. Doch wenn die alte Börsenweisheit auch dieses Mal wieder stimmt, werden Wahlergebnisse nur kurzfristig für Schwankungen sorgen. Langfristig zählen die Fundamentaldaten und solange die sich nicht merklich verändern, droht wenig Gefahr.

Quelle:  Handelsblatt Online
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