US-Notenbank: Die Fed wagt die Zinswende

US-Notenbank: Die Fed wagt die Zinswende

, aktualisiert 16. Dezember 2015, 21:24 Uhr
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Fed-Chefin Janet Yellen.

von Saskia Littmann

Die US-Notenbank Fed hat erstmals seit 2006 den Leitzins wieder erhöht und damit die Zinswende gewagt. Für die Finanzmärkte ist die Entscheidung von weitreichender Bedeutung.

Sie hat es getan. Erstmals seit 2006 erhöht die US-Notenbank Fed wieder den Leitzins und wagt sich damit an das Experiment Zinswende. Die Fed unter Janet Yellen erhöht den Zins um 0,25 Prozentpunkte auf eine Spanne von 0,25 bis 0,5 Prozent. In Kürze wird Yellen weitere Details zur Entscheidung bekannt geben.

Für die Märkte ist das ein historischer Schritt, erstmals seit 2006 steigen die Zinsen wieder. Damit geht ein bisher nie dagewesenes expansives geldpolitisches Experiment zu Ende. Bleibt die Frage, wie das billige Geld, welches in die Märkte gepumpt wurde, wieder eingefangen werden soll. Das ist in diesem Fall nämlich nicht so einfach wie gedacht. Ihre bisherigen Zinserhöhungen steuerte die Fed über den Verkauf von Wertpapieren. Sie verkaufte so viele kurzlaufende Anleihen, bis der gewünschte Wert erreicht war. Nun ist das aufgrund der hohen überschüssigen Liquidität, die im Markt ist, aber nicht so einfach möglich.

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Der Erfolg der Zinswende wird also entscheidend davon abhängen, wie die Fed dabei vorgeht. Experten betonen, wie wichtig ein behutsames Vorgehen ist. Zwar scheint die Zinserhöhung mittlerweile weitestgehend eingepreist zu sein, dennoch besteht die Gefahr, mit einem zu großen Zinsschritt die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft abzuwürgen. Der Blick auf die einzelnen Märkte zeigt, welche Risiken und Nebenwirkungen die Zinsentscheidung der Fed hat.

Stimmen zur Zinswende der Fed

  • David Folkerts-Landau, Chefvolkswirt Deutsche Bank

    "Die heutige Entscheidung der Fed, die Zinsen zum ersten Mal seit fast zehn Jahren zu erhöhen, ist ein historischer Moment. Die Zinsanhebung markiert das offizielle Ende der globalen Finanzkrise für die USA und bildet den Auftakt zu einer Normalisierung der amerikanischen Geldpolitik. Dieser Schritt wurde allgemein erwartet. Vor dem Hintergrund, dass auf dem US-Arbeitsmarkt nahezu Vollbeschäftigung herrscht und im kommenden Jahr ein Anstieg der Inflation erwartet wird, war eine Anhebung der Zinsen längst überfällig. Diejenigen, die die Zinsanpassung kritisch sehen, lassen außer Acht, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durchaus Zinssätze zwischen zwei und drei Prozent und eine Fed-Bilanz ohne Überschussreserven rechtfertigen - eine Zinspolitik, die weit entfernt vom Krisenmodus ist, der selbst heute noch dominiert."

  • Martin Wansleben, DIHK-Hauptgeschäftsführer

    "Diese Entscheidung der Fed war fällig. Angesichts der guten wirtschaftlichen Situation können die USA einen langsamen Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes gut verkraften. Die Auswirkungen auf die Schwellenmärkte dürften begrenzt bleiben, solange die Notenbank nur moderat an der Zinsschraube dreht. Insgesamt wird die Erhöhung zwar nicht ganz ohne kurzfristige Folgen bleiben. Allerdings sind diese leichter verkraftbar als die Risiken neuer Finanzmarktblasen.
    Die Entscheidung der Amerikaner dürfte es zudem der EZB erleichtern, ihren übertriebenen Aktionismus der letzten Monate zu überdenken. Denn Geld zum Nulltarif allein lässt die Unternehmen hierzulande nicht investieren, dazu brauchen sie vielmehr bessere wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen."

  • Stefan Kooths, Institut für Weltwirtschaft

    "Klar ist, dass sich im Zuge der Normalisierung des Zinsniveaus die Preisblasen an Anleihe-, Aktien- und Immobilienmärkten zurückbilden werden. Bei diesem Prozess lauern erhebliche Gefahren eines sprunghaften Verlaufs, nicht zuletzt auch für die Devisenmärkte und die in US-Dollar verschuldeten Schwellenländer. Es nützt aber nichts, aus Furcht davor den Ausstieg aus der ultra-expansiven Zentralbankgeldversorgung immer weiter hinauszuzögern. Je länger die künstlich niedrigen Zinsen bestehen bleiben, umso mehr Verzerrungen entstehen und desto schmerzhafter würde eine noch spätere Korrektur. Von einer Normalisierung ist die US-Geldpolitik immer noch meilenweit entfernt. Entscheidend wird jetzt sein, wann die Marktteilnehmer den nächsten Schritt erwarten."

  • Jörg Zeuner, KfW-Chefvolkswirt

    "Wir sind auf dem Weg in die Normalität. Die US-Konjunktur läuft solide, der Arbeitsmarkt hat Vollbeschäftigung erreicht und die Kerninflation ist jetzt schon hoch genug, um mit dem Zinserhöhungszyklus zu starten. Mit dem Zinsschritt beginnt die Fed, Handlungsspielraum für neue Herausforderungen zurückzugewinnen. Denn ein langfristig starker Dollar und ein dauerhaft niedriger Ölpreis bringen durchaus Schwierigkeiten für die US-Wirtschaft."

  • Michael Menhart, Chefökonom Münchener Rück

    "Mit der Zinsentscheidung der Fed ist der lange erwartete Einstieg in eine restriktivere Geldpolitik da. Für nächstes Jahr ist mit weiteren Zinsschritten zu rechnen. Gleichwohl wird die US-Zentralbank unter den Notenbanken der großen Volkswirtschaften wohl erst mal alleine bleiben - die EZB hat ja jüngst sogar ihre expansive Politik noch zeitlich ausgeweitet. Angesichts der Risiken für die Finanzstabilität wäre eine Abkehr von der Politik des billigen Geldes wünschenswert."

  • Holger Sandte, Europa-Chefvolkswirt Nordea Bank

    "Ich finde die Zinserhöhung angemessen, im Grunde überfällig. Der Pfad der Zinserhöhungen im kommenden Jahr dürfte relativ flach bleiben. Gegenwind von den Finanzmärkten, etwa auch ein stärkerer Dollar, dürften das Tempo der Zinserhöhungen drosseln. Für die EZB heißt der Schritt der Fed erst einmal nicht viel."

  • Franck Dixmier, Anleihechef Allianz Global Investors

    "Die Zinserhöhung spiegelt ein begründetes Vertrauen der Mehrheit der US-Notenbanker in die Beschäftigungslage und die Aussichten auf eine mittelfristige Rückkehr der Inflation zur Zielmarke von zwei Prozent wider. Die Fed dürfte jedoch mit einem zweiten Zinsschritt warten, bis sich die Inflation erhöht hat."

  • Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank Group

    "Letztlich möchten die US-Währungshüter die Nullmarke bei den Zinsen hinter sich lassen, um beim nächsten Abschwung über die nötige Zinsmunition zu verfügen. Janet Yellen wird im kommenden Jahr sehr behutsam mit weiteren Zinserhöhungen vorgehen. In Anbetracht der fragilen Lage im verarbeitenden US-Gewerbe bleiben weitere Zinsschritte aber eine Gratwanderung."

  • Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank

    "Man könnte sich jetzt darüber streiten, ob die sehr kleine Zinsveränderung tatsächlich die große Wende ist - oder nur ein kleines geldpolitisches Trostpflaster für die angespannte Weltwirtschaft. Wie geht es jetzt weiter? Drei Faktoren stehen im Fokus: die US-Inflation, die US-Konjunktur und die Weltwirtschaft."

  • Klaus Wiener, Chefvolkswirt des GDV

    "Für die EZB hat der Zinsentscheid der Fed keine Signalwirkung - dazu sind auch die konjunkturellen Rahmenbedingungen zu unterschiedlich. Die Kapitalmarktzinsen im Euroraum werden wohl noch für sehr lange Zeit auf ihrem extrem niedrigen Niveau verharren."

  • Frank Hübner, stellv. Leiter Volkswirtschaft Sal. Oppenheim

    "Unstrittig ist (...), dass der Startschuss für die Leitzinserhöhungen das Ende eines historisch einmaligen geldpolitischen Experiments darstellt. Da es keine Blaupausen für die Rückabwicklung einer solch ultraexpansiven Kurssetzung gibt, ist diese per se mit Unsicherheit verbunden und dürfte für Schwankungen an Kapital- und Devisenmärkten sorgen. Anfällig sind dabei traditionell die Volkswirtschaften und Währungen der Schwellenländer."

  • Marcel Fratzscher, DIW-Chef

    "Die Entscheidung war längst überfällig. Allerdings hat die US-Notenbank signalisiert, dass sie nur sehr langsam die Zinsen in den kommenden Jahren erhöhen wird. Die Geschwindigkeit der erwarteten graduellen Zinserhöhung könnte sich als zu langsam erweisen und die Risiken für die Finanzstabilität in den USA erhöhen. Die Prognose für die US-Wirtschaft ist gut, die Geldpolitik der USA jedoch für die kommenden Jahre weiterhin sehr expansiv."

  • Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverband BDB

    "Die Zinserhöhung der US-Notenbank ist eine gute Nachricht: Sie zeigt, dass die Fed dem konjunkturellen Aufschwung in den USA vertraut und die Folgen der Finanzkrise zum größten Teil als überwunden ansieht. Die amerikanische Notenbank hat die Marktteilnehmer sorgfältig auf den Zinsschritt vorbereitet."

  • Stefan Kreuzkamp, Chefanleger DWS

    "Die Fed betritt mit ihren Zinsschritt ganz klar Neuland: Noch nie hat sich eine US-Notenbank auf den Weg in einen Zinserhöhungszyklus gemacht, wenn die Raten für das Wirtschaftswachstum so niedrig waren und die eigene Bilanz so aufgeblasen. Die Tatsache, dass die Rücklagen von Finanzinstituten bei der Zentralbank seit 2007 von 15 Milliarden auf 2,5 Billionen Dollar angestiegen sind, macht den Weg für die Fed nicht einfacher. Wir erwarten aber nicht, dass die Fed ihre Bilanz zurückfahren wird, bevor sie nicht noch einige Zinsschritte gegangen ist.

    Dass die Fed ihren Zinserhöhungszyklus startet, so kurz nachdem die EZB ihre Geldpolitik noch weiter gelockert hat, unterstreicht unseren positiven Ausblick für den US-Dollar, von dem wir glauben, dass er im kommenden Jahr die Parität zum Euro erreichen und auch unterschreiten wird."

  • Nick Peters, Fonds Manager Fidelity International

    "Die Entscheidung der Fed ist eindeutig ein Zeichen der Zuversicht in die US-Wirtschaft. In den kommenden Monaten wird die US-Notenbank genau beobachten, wie die Wirtschaft und die Märkte reagieren werden. Ein entscheidender Faktor wird die Reaktion des US-Dollar sein. Viele Beobachter erwarten, dass höhere Zinsen zu einem festeren Dollar führen. Diese Einschätzung teile ich nicht unbedingt: Sollten wir 2016 nur wenige, beispielsweise zwei Zinsschritte sehen, gehe ich von einem schwächeren US-Dollar aus."

  • Luke Bartholomew, Investmentmanager Aberdeen Asset

    "Die Fed hat endlich damit begonnen, die Zinsen anzuheben. Nachdem jetzt diese eine Unsicherheit aufgelöst wurde, werden sich die Fragen nun um die Geschwindigkeit der Erhöhungen im nächsten Jahr drehen. Die Fed hat für das kommende Jahr vier Erhöhungen in Aussicht gestellt, was bedeutend mehr ist als der Markt erwartet hat. In den vergangenen Jahren, waren es die Vorhersagen der Fed, die falsch waren, und der Markt hatte Recht behalten. Wir könnten letztlich am Wendepunkt stehen, an dem der Markt beginnt, die Vorhersagen der Fed ernster zu nehmen."

Aktien

Es scheint, als wolle sich der deutsche Aktienmarkt von der Zinserhöhung nicht verunsichern lassen. Der Dax schloss am Tag der Zinsentscheidung mit 0,18 Prozent im Plus. Laut Marktexperten hofften Anleger auf eine "Zinswende light". Die Entscheidung dürfte einiges an Unsicherheit aus den Märkten nehmen, welche die Börsen in den vergangenen Monaten fest im Griff hatte. Immer wieder bereiteten sich Händler auf eine Zinswende vor und wurden dann wieder von der Fed enttäuscht. Die Fed hat ihre Entscheidung so lange angekündigt, dass die Märkte die sinkende Geldmenge bereits eingepreist haben dürften. "Die Chancen, dass die Kurse mittelfristig weiter steigen, sind groß", sagt Commerzbank-Experte Andreas Hürkamp. Im Gegenteil: hätte die Fed den Zins nicht erhöht, hätte sich vermutlich Angst an den Märkten breitgemacht. Denn damit hätte die Fed signalisiert, dass es um die Weltwirtschaft deutlich schlechter steht als bisher angenommen. "Das wäre ein Schock", sagt ein Händler im Vorhinein.

Auch die Aktienmärkte in den USA notierten zuletzt positiv. Die Zinswende dürfte das endgültige Signal sein, dass es mit der US-Konjunktur aufwärts geht, die Fed stärkt damit das Vertrauen in die US-Wirtschaft und den Dollar. Das dürfte sich mittelfristig auch auf die Nachfrage nach den US-Papieren auswirken.

Insbesondere für die Aktienmärkte ist es wichtig, dass die Fed bei ihrem Versuch, die Geldmenge schrittweise wieder zurückzufahren, bedacht vorgeht. Hürkamp erinnert an das Beispiel aus dem Jahr 1994, als die US-Notenbank ihre Zinsen zu schnell und für die Märkte unerwartet erhöhte und damit Tumulte auslöste. Vor allem für kleinere Volkswirtschaften wie Mexiko wurde der Dollar zu teuer, sie gerieten in eine Krise. Auch der Dax brauchte rund anderthalb Jahre, um sich von dem Schock zu erholen.

Weltwirtschaft und Schwellenländer

Im Oktober wurde die Zinserhöhung mit Blick auf die labilen Volkswirtschaften der Schwellenländer zunächst verschoben. Umso mehr setzt die Fed mit der Zinserhöhung ein wichtiges Signal, in dem sie die Sorgen wieder etwas relativiert. Zuletzt hatten auch positive Konjunkturdaten aus China die künftig weniger expansive Zinspolitik der US-Notenbank unterstützt. Zudem signalisiert die Fed, dass sie sich bei ihren geldpolitischen Schritten nicht nur vom Gusto der Märkte lenken lässt, sondern die Entscheidungen unabhängig trifft.

Dennoch wird die Reaktion der Schwellenländer-Währungen von Analysten mit großer Spannung erwartet. Grundsätzlich ist damit zu rechnen, dass der Dollar gegenüber Währungen wie dem brasilianischen Real oder Südafrikas Rand deutlich aufwertet. Analysten sind sich allerdings nicht ganz darüber einig, inwiefern die Zinswende auch an den Devisenmärkten eingepreist ist. Lutz Röhmeyer, Schwellenländer-Experte von LBB-Invest, geht beispielsweise davon aus, dass Investoren einen großen Teil ihres Kapitals bereits aus den Schwellenländern abgezogen haben, als die Fed 2013 verkündete, mit dem Tapering, also dem reduzieren der Anleihekäufe, zu beginnen. Stimmt das, dürfte sich der Devisenmarkt nach einem kurzen Zucken schnell wieder beruhigen.

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