Vom Drogenloch zur Boomstadt: Wie die EZB die Stadt Frankfurt aufpoliert

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Vom Drogenloch zur Boomstadt: Wie die EZB die Stadt Frankfurt aufpoliert

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Luxus an der Grenze zur Realsatire: Immobilienentwickler Daniel Korn auf dem Onyx-Rohbau

von Cornelius Welp, Mark Fehr, Angela Hennersdorf, Saskia Littmann und Heike Schwerdtfeger

Aus der abgewrackten Drogenstadt ist längst eine glänzende Metropole geworden. Auch die EZB macht Frankfurt internationaler, bunter – und reicher. Wie tickt die Stadt, in der über unser aller Geld bestimmt wird?

Krachend kraxelt der Baustellenaufzug am Gerippe des ehemaligen Bürogebäudes in die Höhe. Im zwölften Stock hält er an, zwischen den nackten Wänden weitet sich der Blick über die Türme des Bankenviertels auf die sanften Hügel des Taunus. „Wer hier wohnt, ist oben angekommen“, verkündet Daniel Korn stolz. Der Mann im dezent blauen Anzug ist Immobilienentwickler und will die kleine Schar gepflegter Damen und Herren bei Häppchen und Hochglanzbroschüren überzeugen, ihr Geld in Frankfurts ambitioniertestes Wohnprojekt zu stecken. Die Vorzüge des fertigen „Onyx“ flimmern neben Korn über einen Fernseher, den der Veranstalter ganz unbescheiden den größten der Welt nennt.

Hundewaschplatz inklusive

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Bescheidenheit wäre fehl am Platz. Hier herrscht Luxus am Rand der Realsatire. Die Einfahrt zur Tiefgarage ist beheizt und garantiert breit genug für ausladende Limousinen, Videoüberwachung und Alarmmelder entsprechen den Standards des Bundeskriminalamts und dank Hundewaschplatz hinterlässt Fiffichen keine Schlammspuren auf dem Eichenparkett. Ein Concierge-Service zwischen 6 und 22 Uhr bringt die Wäsche zur Reinigung, besorgt Karten fürs Konzert in der Alten Oper um die Ecke, erfüllt jeden Wunsch. Wohnen heißt hier Leben in der Luxussuite. Onyx aber könnte genau so in jeder anderen Finanzmetropole stehen. Es ist ein global gültiges Wall-Street-Klischee, die Welt drum herum ist zweitrangig, bei Bedarf kann sie komplett draußen bleiben.

Fakten zu Frankfurt

  • 10. 000 Euro

    kostet ein Quadratmeter in Spitzenlage.

  • 1478 Milliarden Euro

    managen Fonds von Frankfurt aus.

  • 1000

    Bankenaufseher stellt die EZB in diesem Jahr ein

Tatsächlich geht es in Frankfurt aufwärts – mehr Gewerbesteuer, mehr Einwohner, mehr Arbeitsplätze, mehr Studenten, mehr Museumsbesucher. Mehr alles. Selbst die „New York Times“ empfahl die Stadt, von der internationale Touristen bisher oft nur den Flughafen kennenlernten, als einen der global angesagten Plätze.

„Die Stadt ist attraktiv und hat sich in den vergangenen 20 Jahren fantastisch entwickelt. Viele bleiben gerne auf Dauer hier, wir wünschen uns, dass es so weitergeht“, sagt Peter Rennpferdt, Vize-Personalchef der Europäischen Zentralbank.

1.000 Experten aus ganz Europa sollen bei der EZB innerhalb eines knappen Jahres aus dem Nichts die Aufsicht über die wichtigsten europäischen Banken aufbauen. Rennpferdts Publikum klatscht artig. Es sind Männer im Anzug, Frauen im Kostüm, die Diskussionsrunde hat die Räume der Anwaltskanzlei in einem Hochhaus mit Blick auf den Main gut gefüllt, viele müssen stehen. Das Motto lautet „Boom bis zum Ruin?“ und trifft das Unbehagen, das viele Frankfurter drückt. Sie fragen, ob es gesund oder schon gestört ist, was mit der Stadt passiert. Die EZB-Leute sind nur ein Teil des Ansturms, der überall nach Platz sucht, in der Schule, auf den Straßen und vor allem auf dem Wohnungsmarkt.

Freizeit am Mainufer Quelle: imago

Freizeit am Mainufer

Bild: imago

Der Aufbruch verunsichert viele, auch weit jenseits der Aktivisten der Protestbewegung Occupy – und lässt manche zurück. Die Mieten steigen, Edel-Italiener und Tapas-Bars verdrängen die Apfelweinkneipen. Wie keine andere deutsche Stadt prägt eine globale Geldelite Frankfurt, ihre Vertreter sind eigentlich nicht hier, sondern in der Welt zu Hause. Sie bleiben unter sich, in der Frankfurter Innenstadt bilden sie und ihre Dienstleister – Anwälte, Werber, PR-Leute, Wirtschaftsprüfer – eine Blase, eine Parallelwelt, die nach eigenen Regeln funktioniert, wenig vom Außen weiß und wissen will. Das frühere Schmuddelkind Frankfurt ist stolz darauf, dass es sich entwickelt, verdrängt aber die Frage, wo es eigentlich hingehen soll.

„Es ist die spannendste Stadt Deutschlands, strotzt vor Kraft und Selbstbewusstsein, aber es fehlt die verbindende Idee, die Identität. Geld und Internationalität reichen nicht“, sagt Johnny Klinke. Vor gut 50 Jahren ist er hierhergekommen, das graue Strubbelhaar erinnert an die wilde Zeit, in der er mit seinen Kumpels Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit die Revolution vorantreiben wollte. Noch heute bezeichnet er sich als „gelernten Hausbesetzer“, dabei ist er längst ein bekannter Kulturunternehmer, in seinem Varieté „Tigerpalast“ treten seit 25 Jahren Clowns, Zauberer, Artisten aus aller Welt auf, das angeschlossene Restaurant hat zwei Michelin-Sterne.

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