Wirtschaftsgeschichte: Es lebe die Spekulation!

Wirtschaftsgeschichte: Es lebe die Spekulation!

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Kasinokapitalismus? Ach was. Ohne Spekulanten kein Wohlstand.

von Dieter Schnaas

Sie gelten als Hasardeure und werden als Windbeutel des Kasinokapitalismus gescholten. Doch die Geschichte zeigt: Ohne Spekulanten gibt es kein Wachstum und keinen Wohlstand.

Sucht man in diesem Wahlkampf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Parteien, so findet man: den Zorn auf Spekulanten. Aus Sicht der Neonazis von der NPD beispielsweise sind die "Finanz-Ganoven" für Deutsche das, was Kinderschänder für Grundschüler sind: Personenkreise, die die "Höchststrafe" verdienen, weil diese sich am arischen Nachwuchs und jene sich am "Volksvermögen" vergreifen. Die Linken wiederum halten Spekulanten für "Taliban in Nadelstreifen", so hat es die stellvertretende Fraktionschefin Gesine Lötzsch im Bundestag zu Protokoll gegeben - mit dem feinen Unterschied, dass die SED-Erben die "Taliban mit Kopftuch" schonen wollen.

Etwas zivilisiertere Töne, wenn auch nicht weniger deutliche, schlagen die demokratischen Parteien an. Die staatsverliebte SPD will Spekulanten mal die "rote Karte" zeigen, ihnen mal "den Stecker ziehen" (Sigmar Gabriel, der Chef), sie manchmal auch nur "zähmen" oder "bändigen" (Peer Steinbrück, der Kandidat). Die Law-and-Order-Union wiederum verspricht kraftmeiernd, "den Spekulationssumpf" trockenzulegen und "das Treiben" auf den Finanzmärkten zu beenden (Finanzminister Wolfgang Schäuble). Und selbst der sogenannte Wirtschaftsminister Philipp Rösler schreckt beim Versuch, die Deregulierungs-FDP zur Marktordnungspartei umzuschminken, nicht vor dem Diktum zurück, dass "hochspekulative Finanzgeschäfte verboten" gehören. Kurzum: Alle Politik findet Spekulanten entbehrlich - wenn man einmal von ihrer Derivatfunktion als Wahlkampf-Prügelknaben absieht.

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Meister der Wirklichkeitsreduktion

Wobei auffallend ist, dass der Wille zur parteipolitischen Ausbeutung der Spekulation sich umgekehrt proportional verhält zur Komplexität der Spekulantenschelte. Meister der Wirklichkeitsreduktion sind die Grünen. Sie schicken eine lustige Omi ins Plakatrennen, die "für faire Miete statt Rendite" steht, einen jungen Bartträger, der sich "Mensch vor Bank" denkt - und einen offenbar fototechnisch verdünnten Ausländer (ein Fall fürs Antidiskriminierungsgesetz?), der uns hungermagerflehend-gutaussehend davon überzeugt: "Mit Essen spekulier ich nicht." Die Botschaft hinter den grünen Botschaften: Ob einer Immobilienbesitzer ist, Venture Capitalist oder Derivatehändler, ganz egal - Hauptsache, er lässt sich als Spekulant beschimpfen.

Viermonatiger Selbstversuch Mein Leben als Rohstoffzocker

Wer an Kaffee, Kupfer oder Aluminium verdienen will, braucht starke Nerven und ein gehöriges Quantum Glück. Ein viermonatiger Selbstversuch auf den Spuren von Rohstoffspekulanten wie "Schokofinger".

Nervenkitzel pur: Auch mit kleinem Einsatz können Anleger bereits Wetten am Rohstoffmarkt platzieren. Spekulationen auf den Kaffee- oder Kakaopreis haben jedoch so ihre Tücken Quelle: Fotolia

Würde des Idioten

Offenbar reicht es heute, der Wählerkundschaft zu suggerieren, man fühle sich auch als Politiker der "Herrschaft des Geldes" unterworfen oder "den Finanzmärkten ausgeliefert", um erfolgreich an das "diffuse Unbehagen" mitmachtloser Wähler zu appellieren, die die Unbestimmtheit ihres Missfallens an der kapitalistischen (Un-)Ordnung nicht als intellektuellen Mangel, sondern als eine Art Auszeichnung begreifen. Der Medientheoretiker und Twitter-Philosoph Norbert Bolz hat dazu bereits das Nötige gezwitschert: "Empörung ist die Würde des Idioten." Sie hat eine Wut respektabel gemacht, die keiner weiteren Begründung als des Hinweises auf das "System" bedarf. Mehr noch: Die Empörten können sich mit dem schlechten Gefühl, das sie der Geld-Welt entgegenbringen, förmlich schmücken, seit dieses schlechte Gefühl als Simulation eines Arguments allseits geschätzt - und politisch adressiert - wird.

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