Zahlreiche IPOs: Krampfhafte Börsengänge bei Rekordbörsen sind für Anleger gefährlich

KommentarZahlreiche IPOs: Krampfhafte Börsengänge bei Rekordbörsen sind für Anleger gefährlich

von Hauke Reimer

Smarte Investoren wollen die Rekordstände an den Börsen nutzen und Kasse machen. Werden Börsengänge auf Biegen und Brechen durchgedrückt, deutet das allerdings auf Überhitzung an den Börsen hin.

Sieht doch fein aus: Die Börsen von Amsterdam, Brüssel, Lissabon und Paris unter einem Dach, kostensparend und für Anleger leicht erreichbar, solides Geschäft, alles profitabel. Und doch lief der Börsengang der Vierländerbörse Euronext zäh. Während Anleger sich zur selben Zeit um Aktien des Neulings TSB Bank rissen (15 Prozent Kursgewinn am ersten Tag), ließen sie das Euronext-Papier links liegen. Angeschmiert waren Großinvestoren und Banken, die vorab Euronext-Aktien zum Vorzugspreis bekommen hatten. Privatanleger bekamen die Aktie hinterher billiger – Schadenfreude.

Warum aber will, trotz Hausse (der Aktienindex Euro Stoxx 50 hat binnen eines Jahres 50 Prozent plus gemacht), keiner die Euro-Börsenaktie haben?

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Die zehn wichtigsten Aktien-Regeln

  • Eigene Strategie festlegen

    Gegen die größer werdenden Unwägbarkeiten sollte man sich zuallererst mit einer Strategie wappnen: Wer an kräftiges Wachstum in Deutschland glaubt, an einen anhaltenden Boom der Schwellenländer und hohen privaten Konsum, kann weiter am Aktienmarkt investieren. Wer skeptisch ist, sollte seine Bestände hingegen nicht aufstocken.

  • Widerstandskraft zeigen

    Eng verbunden mit der ersten Regel: Immer wieder kommt es vor, dass sich Dinge anders entwickeln, als man erwartet hat. Es ist wichtig, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und nicht jeder Entwicklung hinterherzulaufen. Eine solche Reaktion zeugt nicht von einem geringen Vertrauen in die eigene Strategie. Es kostet meist auch Geld, weil die Masse schon vorher diese Richtung eingeschlagen und das Gros an Rendite eingefahren hat.

  • Richtig mischen

    Groß oder klein, spekulativ oder konservativ, liquide oder illiquide, dividendenstark oder dividendenschwach, Substanz oder Wachstum: Bei Aktien ist die Auswahl riesig. Der richtige Mix aus spekulativen und konservativen Titeln hilft, Schwankungen zwischen guten und schlechten Zeiten auszugleichen. Nicht zu unterschätzen sind starke Dividendenzahler, die Jahr für Jahr den Grundstock für eine solide Rendite legen.

  • Barrieren einbauen

    Keine Frage, die Börsen haben in den vergangenen zehn Jahren stärker geschwankt als in allen Dekaden zuvor. Das wird so bleiben, mit wachsendem Computerhandel sogar noch zunehmen. Wer sein Risiko minimieren will, baut Barrieren ein – sogenannte Stopps. Gerne werden Stopps bei 20 Prozent über und unterhalb des aktuellen Kurses gewählt. Dann wird automatisch verkauft, wenn diese Grenzen erreicht sind. Kommt eine Phase überraschend steigender Kurse mit anhaltendem Aufwärtstrend, lässt sich die Barriere leicht nach oben verschieben. Wichtig ist dann, auch die Barriere am unteren Ende nachzuziehen.

  • Herdentrieb beobachten

    Wichtig in Phasen überraschender Kurssteigerungen oder -stürze ist es, das Verhalten der Masse zu beobachten. Ist es noch nachvollziehbar oder völlig irrational? Häufig ist es irrational. Dann hilft meist die zweite Regel: Widerstandskraft zeigen. Nach einigen Monaten kehrt die Rationalität von ganz allein zurück. Der Kurssturz aus dem vergangenen Jahr und die jüngste Entwicklung beweisen das gerade wieder.

  • Risiko rausnehmen

    Sind Aktien wie seit Jahresbeginn schon um 30, 40 oder gar 50 Prozent gestiegen, dann sind Anschlussgewinne in der Regel nur noch schwer zu erzielen. Phrasenverdächtig ist zwar die alte Weisheit: „An Gewinnmitnahmen ist noch niemand zugrunde gegangen.“ Richtig ist sie trotzdem.

  • Insidern folgen

    Firmenchefs haben einen gewaltigen Vorteil gegenüber normalen Aktionären. Sie wissen weit mehr als jeder Analyst oder Kommentator, wie es in ihrem Unternehmen aussieht. Insider nennt man sie deshalb. Sie melden ihre Orders innerhalb von fünf Handelstagen an die Börsenaufsicht Bafin. Das Handelsblatt veröffentlicht alle zwei Wochen das sogenannte Insider-Barometer, das aus der Summe aller Kauf- und Verkaufsorders Schlüsse für den weiteren Verlauf in Dax & Co. zieht. Jüngste Tendenz: Vorstände und Aufsichtsräte verkaufen mehr als sie kaufen. Vorsicht also!

  • Geopolitische Ereignisse beachten

    Terroranschläge und Naturkatastrophen kommen unerwartet. Politische Konflikte wie aktuell zwischen Israel und dem Iran schwelen meist länger. Entscheidende Wahlen wie jüngst in Russland und in diesem Jahr noch in Frankreich und den USA sind vorhersehbar und haben immer Einfluss auf die Börse. Dabei gilt generell: Wahljahre sind gute Börsenjahre.

  • Auf reale Werte setzen

    Mit Optionsscheinen oder Bonus-Zertifikaten lässt sich zwar aus einem Aufwärtstrend ein noch größerer Profit schlagen. Dies sind jedoch in der Regel Wetten ohne realen Hintergrund. Aktien sind reale Werte.

  • Moden misstrauen

    Vor allem Aktien einzelner Branchen unterliegen immer wieder gewissen Moden. Doch die wechseln wie im realen Leben, und manchmal geht das schneller, als man denkt. Das bekommt gerade die einst angesehene Solarenergie-Branche bitter zu spüren.

Weil klassischer Aktienhandel – anders als der Terminhandel, bei dem auf künftige Kurse gewettet wird – den Börsen kaum noch Geld bringt. Neue Wettbewerber jagen ihnen Marktanteile ab; superschnellen Computerhändlern, die Börsen hohe Umsätze bescherten, drohen Beschränkungen. Die US-Börse ICE, die Euronext im Paket mit der New Yorker Börse und der Londoner Terminbörse Liffe übernommen hatte, wollte Euronext deshalb schnell loswerden. Die Deutsche Börse winkte ab. Blieben die Anleger.

Für Aktienbesitzer sind solche Börsengänge kein gutes Zeichen: Smarte Investoren machen noch schnell Kasse, weil sie erkennen, dass die Preise oben sind. ICE-Gründer Jeffrey Sprecher, der hinter dem Euronext-Börsengang steht, ist ohne Zweifel so ein smarter Typ. Er hat aus einer Provinz-Terminbörse in Atlanta eines der größten Börsengebilde der Welt gemacht – wertvoller noch als die Deutsche Börse. Den Ladenhüter Euronext ist er jetzt gerade noch so losgeworden.

Kleiner Dachschaden

Ähnlich smart haben die Finanzinvestoren Apollo, Tower Brook und York Capital gehandelt: Kurz bevor der Dax die 10.000 Punkte wieder von unten sah, schlossen sie die Bücher für den bisher größten deutschen Börsengang des Jahres. Die Aktien des Dachpfannen-Produzenten Braas konnten zu 23 bis 28 Euro gezeichnet werden. Mit Ach und Krach wurden sie zu 24 Euro – gesichtswahrend nicht ganz am unteren Ende der Zeichnungsspanne – an die Börse gebracht. Prompt rutschten sie Richtung 22 Euro. Unsere Empfehlung, bei Braas auf günstigere Kurse zu warten, war richtig. Den abgebenden Fonds konnte das alles egal sein, sie räumten fast eine halbe Milliarde ab.

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Verglichen mit dem, was auf die Börse hierzulande noch zurollt, ist selbst Braas Kleinvieh: Die als Internet-Klonkrieger (weil sie gern Geschäftsmodelle anderer kopieren) verrufenen Samwer-Brüder wollen deutsche Anleger offenbar noch in diesem Jahr mit gleich zwei Mega-Börsengängen beglücken. Sollten sie es tatsächlich schaffen, den defizitären Klamotten- und Schuhversender Zalando an die Börse zu drücken und ihre Holding Rocket Internet womöglich noch gleich hinterher, wäre dies das finale Symptom einer Überhitzung – und für kluge Anleger das allerletzte Signal für den Ausstieg.

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