Zehn Jahre nach der Finanzkrise: „Wir haben unseren Ruf zerstört“

Zehn Jahre nach der Finanzkrise: „Wir haben unseren Ruf zerstört“

, aktualisiert 21. Januar 2017, 15:54 Uhr
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Die US-Banken fahren wieder Rekordgewinne ein. In Europa liegt man noch lange nicht oben auf.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Welt wandelt sich. Das verunsichert nicht nur Bürger, sondern auch die einst so selbstsicheren Banker. Digitalisierung, politische Umbrüche und niedrige Zinsen. Doch mancher sieht noch ganz grundsätzliche Probleme.

DavosEs sind harte Worte, die Paul Smith für seine eigene Zunft findet, die Finanzindustrie. „Das größte Problem ist, dass niemand uns vertraut – erst Recht nicht unsere Kunden“, sagt der Präsident des CFA Institute, einer Vereinigung, in der sich 130.000 Investmentprofis weltweit zusammengeschlossen haben. „2008 haben wir unseren Ruf zerstört“, sagt Smith mit Blick auf den Höhepunkt der Finanzkrise, als Abermillionen Menschen unter den Fehlern einiger Banker zu leiden hatten. Als Menschen ihre Häuser verloren, weil sie ihre Hypotheken nicht mehr zahlen konnten. Als Menschen ihre Alterssicherung verloren, weil die Finanzmärkte in die Tiefe rauschten. Als Menschen ihre Jobs verloren, weil ihre Firmen keine Aufträge und keine Kredite mehr bekamen.

Smith sitzt auf einer Bank im feinen Steigenberger Grandhotel Belvédère in Davos, als er über die Fehler der Finanzbranche spricht. Um ihn herum herrscht rege Betriebsamkeit. Gerade eben eilt der scheidende US-Außenminister John Kerry vorbei, sorgsam abgeschirmt von seinen Bodyguards. Es ist Weltwirtschaftsforum, hier trifft sich einmal im Jahr die Elite aus Wirtschaft und Politik.

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Die Stimmung war schon besser. Der anstehende Brexit, die Übernahme der US-Präsidentschaft durch Donald Trump, die niedrigen Zinsen, die digitale Revolution und ein zunehmender Protektionismus machen insbesondere den europäischen Banken zu schaffen, während ihre US-Kollegen wie JPMorgan Chase Rekordgewinne einfahren. „Europas Banken sind immer noch mit dem Aufräumen nach der Finanzkrise beschäftigt. Die Amerikaner haben das längst erledigt“, sagt Frank Riemensperger, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Accenture. Negativbeispiel sind die staatliche Rettungsaktion für die italienische Traditionsbank Monte dei Paschi di Siena, die unter massenhaft faulen Krediten leidet.

Die Baustellen in der Finanzindustrie sind auch Thema am Frühstückstisch. In diesem Fall hat die britische Großbank HSBC zu Kaffee und Teilchen geladen – alle Tische sind besetzt, Spätankömmlinge müssen sich auf Stühle am Rand setzen. HSBC-Verwaltungsratschef Douglas Flint kritisiert die schleppenden Verhandlungen um die neuesten Bankenregeln, das sogenannte Basel IV, mit dem ein abermaliger Kollaps der Finanzmärkte verhindert werden soll. „Es ist fast zehn Jahre nach Beginn der Krise und wir haben das Grundgerüst noch nicht fertig“, schimpft Flint. Dies trage zur herrschenden Unsicherheit bei. Die Banken handelten deshalb extrem vorsichtig. „Das ist eine Belastung für die Wirtschaft.“


„Technologie ist der Schlüssel“

Eine Herausforderung ganz anderer Art spricht Deutsche-Bank-Chef John Cryan später auf dem Podium im Kongresszentrum an: die Digitalisierung. „Technologie ist der Schlüssel in den kommenden fünf Jahren“, sagt Cryan. Tätigkeiten würden automatisiert, Jobs fielen weg. Neue, technologiegetriebene Unternehmen auf dem Finanzmarkt – so genannte Fintechs – machten zwar viele Dinge einfacher und besser, doch wollten sie auch ihren Anteil am Gewinn.

„Die Fintechs verändern das Geschäftsmodell der Banken und das weltweit“, stellt Accenture-Mann Riemensperger fest. „Die Innovationen passieren außerhalb des Hauses – dann wird seitens der Banken versucht, sie einzugemeinden durch Kooperationen, Aufkaufen oder Abkupfern.“ Die größte Veränderung sieht Riemensperger durch die Datentechnik Blockchain auf die Finanzbranche zukommen, weil diese ganz andere Abläufe ermögliche. „Blockchain wird das Bankwesen mehr verändern als das Onlinebanking, weil der Mittelsmann durch die neue Technik ausgeschaltet wird.“

Mit dem Brexit ist eine weitere Baustelle für die Banken hinzugekommen: Wenn Großbritannien aus der Europäischen Union ausscheidet, können die Geldhäuser viele Geschäfte in Kontinentaleuropa nicht mehr aus der Finanzhochburg London heraus betreiben. Tausende Banker, so die Erwartung, werden mittelfristig nach Frankfurt, Paris, Amsterdam oder Madrid umziehen. Das bedeutet Kosten und Organisationsaufwand.

Für CFA-Präsident Smith sind das aber alles nicht die Kernprobleme der Finanzbranche: Zwar hätten sich die Banken unter dem Druck der Regulierungsbehörden seit der Finanzkrise durchaus in vielen Punkten verändert. „Was sich nicht geändert hat, sind die Leute, die wir einstellen: männlich, Mittelschicht, von den gleichen Schulen.“ Diese Leute würden durch den Wettstreit angetrieben und nicht unbedingt durch einen Servicegedanken. „Darüber sollten wir mal nachdenken.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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