Zertifikate: „Der Anleger braucht Orientierung“

Zertifikate: „Der Anleger braucht Orientierung“

, aktualisiert 12. Dezember 2011, 08:19 Uhr
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Hartmut Knüppel ist Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Derivate Verbandes (DDV).

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Der Markt schrumpft, trotzdem bringen die Zertifikatehäuser immer neue Papiere auf den Markt. Hartmut Knüppel vom Derivateverband nennt den Königsweg aus der Emissionsflut und erklärt, wie viele Papiere Anleger brauchen.

Herr Knüppel, der Zertifikatemarkt stagniert, das investierte Vermögen ist sogar auf das Niveau vom Sommer 2009 geschrumpft. Warum kommen Ihre Produkte bei Anlegern nicht an?

Das Volumen des deutschen Zertfikatemarkts liegt derzeit bei gut 100 Milliarden Euro. Nach wie vor ein beachtlicher Wert für eine Assetklasse, die gerade mal 20 Jahre alt ist. Angesichts der Marktturbulenzen und unsicheren Marktaussichten halten sich die Anleger derzeit etwas zurück. Das gilt aber genauso auch für andere Anlagen wie Aktien und Fonds.

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Woher soll neues Wachstum kommen? Welche Story haben Emittenten noch zu verkaufen?

Jetzt ist erst einmal Konsolidierung angesagt. Sobald sich die Finanzmärkte nachhaltig beruhigen und die Wachstumsaussichten besser werden, wird auch der Zertifikatemarkt wieder zulegen. Die Emittenten brauchen keine neuen Storys. Die große Produktpalette deckt nahezu alle Anlagethemen ab.

 

Gibt es Produkterweiterungen oder –verbesserungen, wenn Anleger bestehende Produkte nicht kaufen wollen?

Es gibt einen klaren Trend zu einfachen Produkten, die der Anleger leicht versteht und deren Wertentwicklung er anhand des jeweiligen Basiswerts sehr gut nachvollziehen kann. Gleichzeitig dominiert der Faktor Sicherheit. 68 Prozent aller Produkte weisen inzwischen einen vollständigen Kapitalschutz auf. Innovationen dürften künftig eher in den Bereichen Service und Informationsbereitstellung liegen.

 

Mehr als 840.000 derivative Wertpapiere sind mittlerweile an der Börse notiert. Brauchen wir die wirklich alle?

Wahrscheinlich nicht. Aber brauchen wir so viele Sorten Joghurt, Brot oder Käse? Und gibt es nicht vielleicht auch zu viele Produktvarianten bei Autos?

Es gibt aber keine 840.000 Sorten Joghurt oder 840.000 verschiedene Käse…

… aber mehr als eine Million Ausstattungsvarianten auf dem deutschen Automarkt. Gestatten Sie mir doch bitte die Gegenfrage: Welche Produkte braucht der Privatanleger in Deutschland und welche braucht er nicht? Und wer soll darüber entscheiden, wenn nicht er selbst? Ich kenne im Übrigen auch keinen einzigen Anleger, der sich über die Produktvielfalt beschwert. Im Gegenteil. Ich höre, dass Anleger bei den Emittenten anrufen und nach speziellen Produkten fragen, die diese noch nicht im Angebot haben. Dem Privatanleger entsteht im Übrigen durch das große Produktuniversum kein Nachteil. Der Anleger kann sich unter den Zertifikaten mit identischer oder ähnlicher Ausstattung das kostengünstigste Papier aussuchen.


Ein Supermarkt für Zertifikate

 

In diesem Jahr hat die Anzahl der Emissionen drastisch zugenommen. Warum?

Es gibt hierfür zwei Gründe. Erstens unterliegen die Märkte in diesem Jahr gewaltigen Schwankungen. Marktprognosen sind schwierig, und deshalb wollen die Emittenten Produkte für jede Marktlage anbieten. Zweitens: Emittenten haben gerade bei Selbstentscheidern, die auf den Finanzportalen im Internet nach speziellen maßgeschneiderten Zertifikaten suchen, nur dann eine Chance, wenn Sie wie bei einem Supermarkt möglichst die gesamte Produktpalette anbieten.  

Die Preispolitik der Bafin – es kostet nur noch 1,55 Euro statt bisher 25 Euro ein Papier auf den Markt zu bringen – hat nichts damit zu tun?

Zunächst einmal: Die Bafin macht keine Preispolitik, das darf sie schlicht nicht. Da ausschließlich die Banken und Versicherungen die Bafin finanzieren, ist sie gesetzlich gehalten, die Gebühren nach dem tatsächlichen Aufwand zu erheben. Sie hat im vergangenen Jahr eine sehr gründliche und umfangreiche Messung des Arbeitsaufwands für alle ihre Gebühren vorgenommen und dementsprechend deren Höhe festgelegt. Der Aufwand für die Hinterlegung derivativer Wertpapiere ist minimal. Wie ich von den Emittenten höre, spielen für die meisten die Bafin-Gebühren überhaupt keine Rolle. Ganz entscheidend für die Emittenten ist es hingegen, eine ebenso große Produktpalette wie ihre Wettbewerber anbieten zu können.

 

Also ist der Wettbewerb schuld an der Produktflut? Immerhin sind mittlerweile gut 300.000 Produkte mehr an der Börse gelistet als noch Ende vergangenen Jahres.

Wer sonst? Nur in der sozialistischen Planwirtschaft gibt es Einheitsprodukte zu Einheitspreisen.

 

840.000 Derivate, das ist eine ganze Menge. Wie sollen sich Anleger da noch zurechtfinden?

800.000 Zertifikate sind genauso übersichtlich oder unübersichtlich wie 80.000 oder 8.000 Papiere. Selbst wenn die Emittenten neun von zehn Produkten nicht mehr anbieten würden, würde das dem Anleger nicht helfen. Aber natürlich ist richtig: Der Anleger braucht Orientierung.

 

Wie könnte die aussehen?

Es gibt hierfür einen Königsweg, nämlich Produktratings, also den umfangreichen Test jedes Finanzprodukts durch unabhängige Institutionen. Mit der EDG, Scope und IZA gibt es drei deutsche Institute, die Anlagezertifikate und Hebelprodukte  bewerten. Wissenschaftlich fundierte Ratings beinhalten die entscheidungsrelevanten Faktoren Kosten, Handelsqualität, Emittentenbonität und Informationsbereitstellung. Damit sind sie ein objektiver Qualitätsmaßstab und ermöglichen es dem Anleger, verschiedene Angebote zu vergleichen, das Produktuniversum einzugrenzen und so das für ihn am besten geeignete Finanzprodukt zu bestimmen. Leider sind diese Produktbewertungen – wie eine aktuelle Umfrage zeigt - den meisten Anlegern noch unbekannt.

 


Zertifikate werden als intransparent abgestempelt

Wie profitieren Anleger von der Emissionsflut?

Wettbewerb heißt Kampf um den Kunden. Sei es um Preise oder um Konditionen oder um Service oder um alles zusammen. Im Zertifikatemarkt ist dieser positive Effekt für die Anleger besonders gut sichtbar. Der scharfe Wettbewerb hat zum Beispiel bei Index-Zertifikaten dazu geführt, dass diese ganz einfachen Produkte in der Regel ohne Verwaltungsgebühren angeboten werden und teilweise nicht einmal mehr eine Differenz zwischen den Kauf- und Verkaufskursen aufweisen. Der scharfe Wettbewerb wirkt sich ähnlich positiv auf die Konditionen der anderen Produktkategorien aus.

 

80 Prozent der Papiere werden gar nicht aktiv gehandelt. Warum nehmen die Anbieter sie nicht – zumindest teilweise – vom Markt und schaffen mehr Übersicht?

Ganz einfach: Weil die Emittenten genauso wenig wie Sie und ich wissen, in welche Richtung sich die Märkte morgen bewegen und welche Anlagetrends, Themen oder Investitionsideen von den Anlegern übermorgen nachgefragt werden.

 

Kaufen nur noch Selbstentscheider Zertifikate und im Vertrieb liegen sie wie Blei in den Regalen?

Gerade Produkte mit vollständigem Kapitalschutz, seien es Kapitalschutz-Zertifikate oder Strukturierte Anleihen, sind im Vertrieb ein Renner. Weil sie einerseits Sicherheit bieten und andererseits in der Regel eine höhere Rendite bieten als einfache Geldmarktanlagen.

 

Sie tun eine Menge für mehr Transparenz und besseres Image, warum kommt die Botschaft nicht an?

Was wir tun, wissen erfreulicherweise Sie und Ihre Leser. Aber ansonsten erscheinen positive Nachrichten manchen als langweilig und finden deshalb kaum den Weg in die Öffentlichkeit. Trotz Derivate Kodex, standardisierten Produktinformationsblättern, einheitlichen Fachbegriffen und einer umfangreichen Ausbildungs- und Transparenzoffensive werden viele nicht müde, Zertifikate als intransparent abzustempeln. Wir können nichts anderes tun, als immer wieder Fakten gegen Vorurteile zu setzen. Hierzu suchen wir aktiv den Dialog mit Politikern, Journalisten und auch Anlegerschützern. Aber es sollte halt auch jemand hin und wieder darüber berichten.

 

Herr Knüppel, vielen Dank für das Interview.

 

Hartmut Knüppel ist Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Derivate Verbandes (DDV).

Quelle:  Handelsblatt Online
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