Zinsprognosen: „Draghi muss seinen Kritikern etwas anbieten“

Zinsprognosen: „Draghi muss seinen Kritikern etwas anbieten“

, aktualisiert 10. Mai 2017, 16:38 Uhr
Bild vergrößern

Die EZB wird sich bewegen - aber höhere Zinsen wird es noch lange nicht geben.

von Andrea CünnenQuelle:Handelsblatt Online

Die Kritik an der Niedrigzinspolitik von EZB-Präsident Draghi wird lauter. Ökonomen sind sich einig: Im kommenden Jahr wird die Notenbank ihre umstrittenen Anleihekäufe zurückfahren. Doch was heißt das für die Märkte?

Frankfurt Mario Draghi hat es nicht eilig. An seiner ultralockeren Geldpolitik will der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) noch festhalten. Erst am Mittwoch betonte er bei seiner Rede vor dem niederländischen Parlament, dass es nötig sei, den „sehr substanziellen“ Konjunkturimpuls aufrecht zu erhalten. Dennoch: Die Uhr für den langsamen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik läuft – wenn auch sehr langsam.

Das meinen auch die Volkswirte der größten Mitgliedsbanken des Verbands Öffentlicher Banken (VÖB), die sich am Mittwoch zu ihrer halbjährlichen Zinsprognose-Pressekonferenz in Frankfurt trafen. Dabei sind sich Ökonomen einig, dass die EZB bei ihrer nächsten Sitzung im Juni die Prognosen für Wirtschafts- und Inflationsausblick anheben wird. Einen konkreten Fahrplan für das Auslaufen der Anleihekäufe dürfte es dann aber frühestens im September geben. „Draghi hat es nicht eilig, aber er muss seinen Kritikern etwas anbieten“, meint dazu Ulf Krauss, Volkswirt bei der Helaba.

Anzeige

Anleihen – vor allem Staatspapiere der Euro-Länder – kauft die EZB seit gut zwei Jahren. Inzwischen hat sie Bonds im Umfang von mehr als 1,8 Billionen Euro auf ihrer Bilanz. Das gesamte Kaufprogramm, das auch Unternehmensanleihen, Pfandbriefe und Verbriefungen umfasst, soll noch bis Ende Dezember laufen und dann eine Größenordnung von 2,3 Billionen Euro erreichen. Danach wird es kein abruptes Ende, sondern nur ein langsames Herunterfahren – das sogenannte Tapering – der Käufe geben. Doch was heißt das für die Märkte? Wird es Verwerfungen geben, wenn mit der EZB ein großer Käufer wegfällt?

Die vom VÖB-eingeladenen Experten meinen: Nein. „Letztlich weiß jeder, dass es mit den Anleihekäufen nicht ewig so weiter geht, und die Käufe im nächsten Jahr zurückgefahren werden“, sagt Jan Holthusen, Leiter des Anleiheresearchs bei der DZ Bank. Dazu kommt laut Cyrus de la Rubia, Volkswirt bei der HSH Nordbank, dass kein nachhaltiger Inflationsdruck zu erwarten ist, es mit den spätestens im kommenden Frühjahr anstehenden Wahlen in Italien noch politische Unsicherheiten gibt und sich in den USA eine gewisse Ernüchterung mit Blick auf die im Wahlkampf von US-Präsident Donald Trump versprochen Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur durch Steuersenkungen und Infrastrukturausgaben breit macht. Deshalb werden auch die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen nach Meinung der Ökonomen nicht mehr so massiv anziehen.

Entsprechend meinen die Ökonomen, dass die Renditen deutscher Bundesanleihen noch niedrig bleiben werden. Bis zum Herbst prognostizieren DZ Bank, Helaba und HSH Nordbank nur einen kaum merklichen Anstieg der zehnjährigen Bund-Rendite von aktuell 0,4 auf dann 0,45 bis 0,55 Prozent. Mit Sicht auf ein Jahr dürfte es dann auch nur leichte Anstiege auf 0,75 Prozent (DZ Bank und HSH Nordbank) bis ein Prozent (LBBW und NordLB) geben. „Ein durchbrochener Abwärtstrend bei den Renditen ist noch lange kein Aufwärtstrend“, meint Torsten Windels, Volkswirt bei der NordLB.

Ihr historisches Tief hatte die zehnjährige Bundesanleihe im vergangenen Juni mit minus 0,2 Prozent erreicht. Seither geht es in der Tat aufwärts – aber nur langsam und unter Schwankungen. Im März war die zehnjährige Bund-Rendite auf knapp ein halbes Prozent gestiegen, danach sackte sie angesichts der Unsicherheiten um die französischen Präsidentschaftswahlen bis Mitte April auf bis zu 0,16 Prozent ab. Seit sich nach der der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen im April abzeichnete, dass der inzwischen zum Präsidenten gewählte sozialliberale und europafreundliche Emmanuel Macron das Rennen gegen die rechtsextreme Marine Le Pen mit ihren Euro-Ausstiegsplänen macht, steigen die Renditen wieder.


Überlegungen zum Ausstiegsfahrplan

Dennoch könnte es in den nächsten Monaten zumindest zwischenzeitlich wieder zu einer Flucht in den sicheren Anlagehafen der Bundesanleihen kommen, meint Holthusen von der DZ Bank. Von daher gebe es wohl nur einen Renditeanstieg „mit angezogener Handbremse“. Elmar Völker, Volkswirt bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), sieht das ähnlich: Im Zuge einer Tapering-Diskussion kann es zwar zu Ausschlägen und steigenden Renditen kommen. Aber: „Es gibt viele Anleger, die nur darauf warten, dass die Renditen wieder etwas anziehen und die dann sofort wieder Bundesanleihen kaufen.“ Das würde den Anstieg der Renditen begrenzen.

Hinzu kommt, dass deutsche Bundesanleihen zu den wenigen Staatsanleihen gehören, die von allen drei Ratingagenturen die Spitzennote „AAA“ mit stabilem Ausblick haben. Von daher seien Bundesanleihen auch sehr als sichere Anlagen zur Hinterlegung bei Derivaten gefragt, erklärt Michael Klawitter, Volkswirt bei der Dekabank. Wichtig sei außerdem, dass Deutschland – anders als die anderen Euro-Länder – netto keine neuen Schulden machen. Der Bund refinanziert begibt zwar in diesem Jahr Bonds im Umfang von178 Milliarden bis 182 Milliarden Euro, aber er refinanziert damit lediglich auslaufende Papiere. Diese Verpflichtung hat sich Deutschland mit der Schuldenbremse selbst auferlegt.

Die Tapering-Diskussion könne dagegen hochverschuldete Länder wie Italien durchaus stärker belasten, meint Klawitter. Zehnjährige italienische Staatsanleihen rentieren aktuell mit 2,2 Prozent. Deutlich steigende Renditen würden die Tragfähigkeit des italienischen Haushalts gefährden, meint auch Norbert Wuthe, Anleiheanalyst bei der Bayern LB. Dies mache es für die EZB sehr schwer, die Tapering-Diskussion schon vor den Parlamentswahlen in Italien anzustoßen.

Als einziger in der vom VÖB geladenen Runde, kann sich Wuthe sogar vorstellen, dass die EZB ihr Anleihekaufprogramm sogar bis Mitte 2018 verlängert und dabei den Kapitalschlüssel aufweicht, also Anleihen nicht mehr nach dem Anteil kauft, den die einzelnen Euro-Länder an der EZB halten.

Für Klawitter von der Dekabank wäre dies aber unmöglich. Die EZB könne das Kaufprogramm nicht ausweiten, weil sie bis Ende des Jahres die von ihr selbst gesetzten Obergrenzen in vielen Ländern erreicht habe. Die EZB hat festgelegt, dass sie maximal 33 Prozent an den Anleihen eines Landes halten wird. 2018 würde sie diese Grenze in Deutschland erreichen. Und eine Aufweichung des Kapitalschlüssels ist dabei für die EZB aus rechtlichen Gründen nicht möglich.

Und wie wird das Tapering der EZB konkret aussehen? Klawitter erwartet, dass die Notenbanker die Anleihekäufe von aktuell monatlich 60 Milliarden Euro langsam reduzieren und im dritten Quartal 2018 dann komplett beenden. Fällige Anleihen und Zinsen wird die Notenbank allerdings weiter in neue Bonds investieren. Holthusen von der DZ Bank kann sich vorstellen, dass die EZB die Käufe zunächst nur um zehn Milliarden Euro reduziert und dann erst später etwas höher geht. Enden sollten die Anleihekäufe laut DZ Bank dann Ende 2018. Die erste Leitzinserhöhung der EZB dürfte es dann frühestens im Jahr 2019 geben. Sparer müssen sich also noch gedulden.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Immobilien-Wertfinder:Was Mieten und Kaufen in Ihrer Region kostet
Immobilien-Wertefinder

Mit unserem interaktiven Tool finden Sie Interessierte Mieten und Kaufpreise in ihrem Viertel und ihrer Straße. Mehr...

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%