Börsen: Warum an Crashtagen die Systeme ausfallen

Börsen: Warum an Crashtagen die Systeme ausfallen

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Deutsche Börse Dax

Technische Probleme oder Absicht? Wenn es an der Börse hektisch wird, fallen die Systeme der Banken im Zertifikatehandel oft aus. Zu viele Emittenten geben Scheine aus, deren Handelbarkeit sie im Ernstfall nicht sicherstellen können.

Fünf Wochen noch, dann beginnt für Zertifikateanleger in Deutschland ein neues Zeitalter. Am 28. April wird der Kauf und Verkauf von Zertifikaten auf die elektronische Handelsplattform Xetra verlegt. Bei Aktien hat sich das System bewährt, nun soll hier auch der Handel mit mittlerweile mehr als 300.000 verschiedenen Zertifikaten und Optionsscheinen ablaufen. In Deutschland werden 150 Banken und andere professionelle Teilnehmer direkt angeschlossen sein; weitere 100 kommen in Europa hinzu. 2009 wird der Schweizer Markt dazustoßen. „Die ganze Kette des Handels mit Zertifikaten wird dann schneller und sicherer“, verspricht Marc Zahn, Chef der Derivatebörse Scoach in Frankfurt.

Schneller und sicherer wohl. Dass Xetra wirklich auch am Grundproblem des Derivatehandels etwas ändert, ist eher unwahrscheinlich. Noch funktioniert der Handel mit Zertifikaten längst nicht so reibungslos, wie sich das Privatanleger wünschen. Vor allem, wenn es brenzlig an den Börsen wird und es darum geht, durch rechtzeitige Verkäufe sein Geld in Sicherheit zu bringen, kommt es immer wieder zu bösen Überraschungen. Banken sind nicht in der Lage, Kurse zu stellen und Gegenpositionen zu denen der Anlegern an den Börsen abzusichern. Also fallen die Systeme aus – und die Banken tun noch zu wenig dagegen.

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Im Januar-Crash bekamen Privatanleger das hautnah zu spüren. Die Handelsüberwachungsstelle in Frankfurt meldete im Zertifikatehandel „starke Einschränkungen in der Orderausführung“ bei „diversen Emittenten“. Auf der Homepage der Stuttgarter Derivatebörse Euwax war zu lesen, dass „aufgrund technischer Probleme derzeit nur ein eingeschränkter Handel“ möglich sei. Als der Dax am Crash-Montag 21. Januar in den Keller krachte, gingen an der Stuttgarter Börse 18 Meldungen von Emittenten, das sind die Herausgeber der Papiere, zu Handelseinschränkungen ihrer Zertifikate ein. Das heißt: Wer die entsprechenden Papiere hatte, konnte nicht aussteigen und musste zusehen, wie sich Euro für Euro in Luft auflöste.

Am Dienstag dem 22. Januar, folgten dann sogar 25 Störungsmeldungen. Während etwa die DZ Bank um 9 Uhr Handelsprobleme mit Zertifikaten auf Weizen, Mais und Sojabohnen bekannt gab, strichen einige Emittenten von Zertifikaten komplett die Segel: Bei HSBC Trinkaus, der LBBW, Sal. Oppenheim, JP Morgan, Merrill Lynch, BNP Paribas, BHF Bank, der Raiffeisen Centro Bank und der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank waren am 22. Januar vorübergehend „alle Produkte aufgrund von technischen Problemen“ – so der offizielle Wortlaut – nicht handelbar.

Risiko Hebelpapier

Neu ist das Problem für die Banken nicht, es spitzte sich nur im Januar-Crash besonders zu. Seit Dezember 2007 kam es im Zertifikatehandel zu 366 Handelsausfällen, bei denen die Emittenten eine entsprechende Meldung an die Stuttgarter Derivatebörse Euwax senden mussten.

Lassen sich Zertifikate in hektischen Zeiten nicht kaufen oder verkaufen, hat das ganz unterschiedliche Folgen. Besonders empfindlich trifft es zunächst sogenannte Long- oder Short-Zertifikate. Diese spekulativen Papiere ermöglichen mit kleinem Einsatz den Dreh an einem großen Rad. Das wird möglich, in dem hier das Geld für den eigentliche Basiswert (Aktie, Index) nur zu einem kleinen Teil aufgewendet werden muss. Hat etwa ein Long-Zertifikat auf die Siemens-Aktie eine Basis von 85 Euro, beginnt erst ab dieser Grenze der Wertzuwachs. Steht die Aktie bei 90 Euro, notiert das Zertifikat bei 5 Euro. Steigt Siemens auf 95 Euro, sind es schon 10 Euro im Zertifikat. Während die Siemens-Aktie in diesem Fall nur gut 5 Prozent zulegt, sind im Zertifikat 100 Prozent drin.

Doch dieser Hebel funktioniert auch in die andere Richtung. Sinkt Siemens, wie im Januar-Crash, unter 85 Euro, löst sich der Wert des Long-Zertifikats in Luft auf. Bei Tagesschwankungen von mehreren Hundert Punkten im Dax werden Besitzer solcher Spekulationszertifikate reihenweise abrasiert, wenn sie nicht noch schnell vorher die Notbremse ziehen können. Doch das ist ihnen zu oft nicht möglich.

Wer mit Hebelpapieren dieser Art spekuliert, kennt in der Regel das hohe Risiko, das er eingeht. Doch an besonders hektischen Tagen trifft es auch Besitzer ganz normaler Anlagezertifikate. Vor allem sogenannte Bonuszertifikaten zeigen dann ihre Kehrseite: Diese Papiere versprechen eine feste Rendite, wenn die Aktien in einer bestimmten Bandbreite bleiben. Rutschen die Kurse aber aus diesem vorher definierten Kursband, geht das Renditeversprechen verloren und es drohen empfindliche Verluste. Nach den Berechnungen der Zertifikateanalysten von Scope haben im Januar mehr als zehn Prozent dieser Zertifikate ihren Bonus verloren.

Dass auf den ersten Blick harmlose Anlagepapiere wie Bonuszertifikate Risiken dieser Art bergen, ist ein Manko des mittlerweile 140 Milliarden Euro schweren Zertifikatemarkts. „Gerade weil Zertifikate als Rundumversorgung in allen Börsenlagen angepriesen werden, ist die Enttäuschung vieler Anleger groß, wenn es im Ernstfall dann doch zu erheblichen Verlusten kommt – und man womöglich nicht einmal aussteigen kann“, kritisiert Ulrich Hocker, Chef der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Sogar zur Altersvorsorge werden Zertifikate angepriesen. So bietet etwa Inora Life, die Versicherungstochter der französischen Société Générale, eine Rürup-Rente auf Zertifikatebasis an.

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