Chefsache: Lernunfähig

Chefsache: Lernunfähig

Roland Tichy über Pillen und Bankpleiten

Vielleicht lesen Sie bald folgenden Warnhinweis in großen, fetten Buchstaben: „Was Ihnen Ihre Bank gerade empfiehlt, kann Sie, Ihr Unternehmen und sogar die Volkswirtschaft ruinieren. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie aber keinesfalls Ihre Bank, die hat nämlich keine Ahnung.“ Eine Art Beipackzettel wie bei Kopfschmerztabletten, der künftig Bankkunden und Unternehmen vor den neuesten Errungenschaften der Banken warnen soll – das fordern die Chefs der Großbanken Goldman Sachs Lehman Brothers, JP Morgan Chase, BNP Paribas, Bank of America, Merrill Lynch in einem Memorandum an US-Finanzminister Hank Paulson. In dem 138 Seiten langen Bericht geben sich diese Banken erstaunlich selbstkritisch, offen und ehrlich. Sie gestehen ein, dass die aktuelle Finanzmarktkrise die gefährlichste und folgenschwerste Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg ist und sie selbst der Auslöser wären. Der sich überschlagende und ungerechtfertigte Optimismus hat zunächst die Immobilienmärkte aufgeblasen – und ist dann in kopfloses, panisches Verhalten umgeschlagen, als die Kurse purzelten. Damit verschärften die zittrigen Hände der Bankiers die Krise.

Dieses Maß an Selbstkritik unterscheidet sich bemerkenswert von den gewundenen Phrasen, mit dem deutsche Großbanken das Ausmaß der Krise, ihre eigene Verantwortung und die Folgen für uns alle zu beschönigen versuchen. Auch auf der Tagung der Nobelpreisträger in Lindau waren sich die Wirtschaftswissenschaftler darüber einig, dass Geldgeschäfte viel zu wichtig sind, als dass man sie unkontrolliert dem Finanzsektor überlassen dürfte. Auch hier lautet die Analyse, dass die modernen Finanzprodukte die Risiken nicht vermindert, sondern vielmehr neue geschaffen haben – eine „bemerkenswerte Lernunfähigkeit“ konstatierte Joseph Stiglitz bei den Geldhäusern. Aber wer soll sie denn kontrollieren? Ist ein derartig komplexes System letztlich unbekannter Zusammenhänge überhaupt regulierbar?

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Von einem globalen Rat der weisen Männer aus der Finanzindustrie, wie er von Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank zur Beratung in Krisenfragen gefordert wird, wollen insbesondere Politiker nichts mehr hören. Schließlich haben die Banken den Bundesfinanzminister dazu gebracht, die kleine Krisenbank IKB mit sagenhaften zehn Milliarden Euro aus der Staatskasse vor der Pleite zu retten – ihr Untergang hätte das gesamte Abendland mitreißen können, lautete die Begründung. Heute fragt man sich in Berlin und Düsseldorf, ob hier nicht doch mit dem Verweis auf das Gemeinwohl Steuergeld in private Taschen umgeleitet wurde? Der Ruf der Banken jedenfalls ist lädiert. Die Bereitschaft wächst, ähnlich wie in den USA Bankpleiten doch in Kauf zu nehmen. Dort gelten schon über 100 Banken als insolvenzgefährdet. Es wäre eine Art angekündigtes Unglück per Fahrplan.

Pikanterweise könnte das ausgerechnet den Sparkassensektor treffen. Die Sanierung der angeschlagenen WestLB verzögert sich, weil die daran beteiligten Sparkassen ihr das rentable Geschäft mit dem Endkunden immer noch verwehren. Wenn die WestLB aber keine profitablen Geschäfte bekommt, will die EU-Wettbewerbskommission die notwendige Staatshilfe blockieren. Keine Kunden, kein Geschäft, kein Geld – mit dem Ende der WestLB aber wäre über eine Kettenreaktion von Abschreibungen auch ein Dutzend Sparkassen bedroht und müsste von den Kommunen gerettet werden. Jetzt zocken sie, wer letztlich zahlt.

Möglicherweise wieder Sie und ich. Risiken und Nebenwirkungen bei Bankgeschäften werden gerne sozialisiert. Das unterscheidet die Geldbranche dann doch von der Pharmaindustrie.

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