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kolumne Engelmanns Eigenhandel: Die "perfekte" Minute - Anlageberatung im Expresstempo

Angesichts drohender Inflation haben volkswirtschaftliche Bewertungen Konjunktur. Hochgeschwindigkeitsanalysen in Talkshows und Radiosendungen vermögen die Komplexität der Materie allerdings kaum zu bewältigen. Patentrezepte für Anleger gibt es nicht, schon gar nicht in der Krise, meint unser Kolumnist.

Oliver Engelmann, Rentenmarktexperte bei der Citi
Oliver Engelmann, Rentenmarktexperte bei der Citi

Professoren, Börsenmakler und Verbraucherschützer sind dieser Tage nicht zu beneiden. Denn in einer Zeit, in der die Hysterie um den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang ihren Höhepunkt erreicht hat, müssen sie in Talkshows und Ratgebersendungen aller Arten Rede und Antwort stehen. Ob zum möglichen Staatsbankrott Griechenlands oder zu Rettungspaketen von Internationalem Währungsfond und EU, ob zu Staatsanleihenkäufen der Europäischen Zentralbank oder zu den Folgen eines "quantative easing" auf Konjunktur und Inflation: Zu allem sollen die geladenen Experten fundierte Analysen und pointierte Kommentare abgeben, das Ganze möglichst schnell.Denn zum einen ist Zeit Geld - nicht nur an der Börse, sondern auch im Fernsehen -, zum anderen ist die Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer begrenzt - zumal bei solch im Kern stinklangweiligen Themen.

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Neurotischer Ausnahmezustand

Der volkswirtschaftlichen Analyse im Expresstempo folgt dann unvermeidlich das, von dem die Redakteure der jeweiligen Sendung annehmen, es sei für das Seelenheil ihrer Zuschauer unabdingbar: die Suche nach der Antwort auf die Frage, wie man sein Geld angesichts der Krise jetzt am besten anlegen sollte. In hektischer Folge prasseln Fragen zu einzelnen Anlageformen auf die Experten nieder und am Ende beschränkt sich der kreischende Moderator in einer Art neurotischem Ausnahmezustand nur noch darauf, lediglich den Namen der jeweiligen Assetklasse herauszuschreien, um die dazu passende Empfehlung einzufordern. "Aktien - kaufen oder verkaufen?" "Anleihen - kaufen oder verkaufen?" "Schweizer Franken - kaufen oder verkaufen?" "Zertifikate?" "Gold?" "Immobilien?" "Kunstgegenstände?"

60-Sekunden-Beratung

Den derart Befragten bleiben in der Regel 60 Sekunden, um die künftige Wertentwicklung einer ganzen Anlageklasse vorherzusagen - eine Aufgabe, die angesichts der Komplexität der Materie selbst in 60 Minuten kaum zu bewältigen wäre. Die Experten beugen sich in der Regel ihrem Schicksal und nehmen brav zu allem Stellung. Sie kennen die Spielregeln im Mediengeschäft und wissen, dass zurzeit weder Hinweise zur Versachlichung der Diskussion gefragt sind noch zarte Andeutungen, dass pauschale Einschätzungen zur künftigen Tendenz einzelner Assetklassen kaum als Grundlage fundierter Anlageentscheidungen dienen können. 

Es geht für den Privatanleger in erster Linie nicht darum, ob er nun griechische Staatsanleihen kauft oder nicht. Auch nicht darum, ob er sein Vermögen angesichts unter Umständen drohender Inflation in Gold oder fremde Währungen umschichten sollte. Auch die Vorhersage, ob Aktien oder jede andere beliebige Assetklasse im Kurs steigen oder fallen werden, ist im Grunde zweitrangig. Denn viel wichtiger als makro- oder mikroökonomische Betrachtungen und viel wichtiger als die Prognose des künftigen Verlaufs der Börsen oder einzelner Wertpapiere ist eine eingehende Analyse der persönlichen Situation des Anlegers.

Erst fragen, dann kaufen

Hier nur ein paar der Fragen, die zu stellen wären, bevor man konkrete Empfehlungen erteilt und zum Kauf kuscheliger Biberfelle, faustgroßer Gold-Nuggets oder polynesischer Staatsanleihen aufruft: Wie alt ist der Anleger? Lebt er allein oder ist er verheiratet? Hat er Kinder? Wurde bereits für die Ausbildung dieser Kinder vorgesorgt? Besteht eine Lebensversicherung? Eine Berufsunfähigkeitsversicherung? In welchem Ausmaß wurde bereits für das Alter vorgesorgt? Wurden sämtliche Fördermöglichkeiten ausgeschöpft, sprich: "geriestert" und "gerürupt"?

Wie sicher ist der Arbeitsplatz - aus persönlicher Sicht und mit Blick auf den Arbeitgeber und die Branche? Wurde Geld für Aus- und Weiterbildung zurückgelegt? Für den Fall der Arbeitslosigkeit vorgesorgt? Bestehen gesundheitliche Beeinträchtigungen, die unter Umständen ein Ausscheiden aus dem Berufsleben erzwingen könnten? Wie groß ist das bestehende Vermögen? Oder hat der Anleger gar Schulden? Wenn ja, wofür? Für selbst genutztes Wohneigentum? Auf welchen Betrag summiert sich die monatliche Belastung aus Zins und Tilgung? Wie hoch ist das Haushaltseinkommen? Und welcher Teil dieses Einkommens ist frei verfügbar? Wie hoch ist die Risikotoleranz des Anlegers? Kann er Verlust materiell, aber auch psychologisch verkraften?

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5 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 26.05.2010, 11:51 UhrAJ

    Die zentrale Frage ist doch: Glaube ich an den großen Knall oder nicht? Wir sind nach der Lehmann-Pleite doch noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Wer sagt, daß es beim nächsten Mal wieder genauso läuft? Wenn ich an das baldige Ende unseres Finanz- und Wirtschaftsystems glaube, dann bleibe ich beim "Tisch des Grauens", ansonsten gehe ich weiter zu den Fachbüchern. Aber man sollte sich auch mal bei den Großeltern erkundigen, die zweimal ihr ganzes Geld durch inflation und Währungsreform verloren haben ... wer sagt, daß sich die Vergangenheit nicht noch eimal wiederholen kann?

  • 26.05.2010, 11:25 UhrKalle

    Die Welt wird nicht untergehen, aber das Ende des Systems halte ich nicht für unwahrscheinlich. Geld und Ruhm als alleinige Werte können nicht langfristig bestand haben. Die Kosten hierfür sind untragbar und dabei rollt die große Kostenwelle erst noch an.

  • 26.05.2010, 11:11 UhrStefan Müller

    Hätte die Citigroup mal auf den Herrn gehört....dann wäre sie nicht von den Steuerzahlern in den USA gerettet worden und in Deutschland verkauft worden....

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