
DÜSSELDORF. Was macht eigentlich Gordon Gekko? Kaum erlaubt uns die Wirtschaftskrise eine Atempause, treibt "Gekko the Great" erneut sein Unwesen. Der Börsen-Bösewicht der späten 80er, für dessen Rolle Michael Douglas einen Oscar erhielt, kommt nächste Woche als Ex-Häftling in Deutschland ins Kino - scheinbar geläutert von Insiderhandel und Betrug, im Freizeitpulli, das Haar ergraut.
Starregisseur Oliver Stone hat den Schurken-Helden der New Yorker Finanzwelt noch einmal auferstehen lassen in einer Fortsetzung von "Wall Street", der 1987 als erstes wirkliches Drama über die Börse Furore machte.
Vor 23 Jahren löste Stone mit seinem eigentlich als Abschreckung gedachten Werk einen Ansturm begeisterter Nachwuchs-Banker an der Wall Street aus. Nicht zuletzt wegen Gekkos berühmtem Mantra: "Gier, leider gibt es dafür kein besseres Wort, ist gut." Die Brutalität der Börse zog damals besonders Wirtschaftsstudenten an.
Diesmal lässt er Michael Douglas als Gekko Denkwürdiges ergänzen: "Die Gier ist jetzt auch legal." Und trifft damit den Kern: Böse Banker-Geschichten schockieren heutzutage kaum noch.
Dennoch könnte der Zeitpunkt für einen Blick auf die Moral der Wall Street besser nicht sein - gerät das Versagen unseres Finanzsystems doch gerade in Vergessenheit.
Auch andere Wirtschaftssujets scheinen im Kino derzeit gefragt: "The Social Network", ein Film über den Aufstieg des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg, lockt die Kinogänger. Und im November startet in Deutschland das Dokudrama "Endstation Parkett" über den Niedergang der Parketthändler an der Terminbörse in Chicago.
Von einem Wirtschaftstrend im Kino würde Christina Bentlage, Expertin der größten deutschen Förderung, der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, dennoch nicht sprechen. "Zu kompliziert und speziell" seien solche Inhalte normalerweise für das Massen-Kino.
Diese Schwierigkeit kennen auch die Hollywood-Produzenten Edward R. Pressman und Eric Kopelhoff, bei denen das Drehbuch zur "Wall Street"-Fortsetzung schon zwei Jahre vor dem Zusammenbruch der Bankenwelt 2008 in der Schublade schlummerte. Oliver Stone nahm es deshalb persönlich in die Mangel. Seine Gespräche mit Bankern und Händlern verdichtet er auf eine einfache Formel: "We are fu***d."
Der zweite Teil des Dramas um grenzenlose Geldgier wird in der Frankfurter Bankenszene mit Spannung erwartet. "Wir haben so viele Anmeldungen von Bankern, dass ein Kinosaal gar nicht ausreicht", sagt Matthias Hoffmann, Sprecher des Finanznachrichtendienstleisters Dow Jones, der eine Sondervorführung organisiert.
Eigentlich hatte Hoffmann mit nicht mehr als 300 Gästen im Frankfurter Metropolis-Kino gerechnet. Dow Jones gehört wie der Filmverleih von Wall Street 2, 20th Century Fox, zum News-Corp-Medienreich des Rupert Murdoch. Seine Logik: Über die Kontakte des Nachrichtendienstes sollen die Meinungsführer der Finanzbranche für den Film begeistert werden.
Anzugträger statt Teenager bei der Premiere
Begeisterung hat der Film nötig: Zwar drängelten sich bei der Premiere in New York vor über vier Wochen statt der sonst üblichen Teenager Schlips- und Anzugträger. Doch an den Kinokassen blieb das Werk mit 19 Mio. Dollar Kinokartenerlösen am ersten Wochenende hinter "The Social Network" zurück - der machte an den ersten Spieltagen 23 Mio. Dollar.
Doch auch das Original war 1987 kein Blockbuster und kein Kritiker-Liebling - und mauserte sich dennoch zum Kultfilm. Finanziell dürfte sich die Fortsetzung allerdings lohnen: 60 Mio. Dollar kostete die Produktion, nicht mehr als der Original-Film.
Wieder bietet Regisseur Stone dem Publikum Weltklasse-Schauspieler wie Michael Douglas, der seit kurzem an Kehlkopfkrebs erkrankt ist und daher dem Filmstart in Deutschland fernbleiben muss, oder Susan Sarandon.
Die Story selbst soll jedoch vor allem das jüngere Publikum ansprechen, das 1987 noch nicht im Kinoalter war: Nach der Haftentlassung versucht Gekko, Kontakt zu seiner Tochter Winnie (Carey Mulligan) aufzunehmen, einer Online-Journalistin, die von ihm nichts mehr wissen will. Er spannt dazu seinen Schwiegersohn in spe ein.
Jake Moore, gespielt von Shia LaBeouf ("Transformers", "Indiana Jones"), ist erfolgreicher Händler an der Wall Street, Anfang 20, der sich auf alternative Energien spezialisiert hat. Den Rahmen für die teilweise rührselige Familiengeschichte bildet der moralische Niedergang der Bankenwelt.
Nebenrollen für Nouriel Roubini und Warren Buffett
Kenner der Finanzmärkte werden an dem "Who?s who" der Hochfinanz ihre Freude haben. Seinem Berater Nouriel Roubini, Ökonom an der New York University und Prophet der Finanzkrise, räumt Stone eine Mini-Rolle ein - genauso wie Großinvestor Warren Buffett und dem Hedge-Fonds-Manager Anthony Scaramucci. Auch CNBC-Anchorwoman Maria Bartiromo ist zu sehen.
Hollywood-gerecht ist auch die denkwürdige Sitzung der US-Finanzelite vom 12. bis 14. September 2008 in der Federal Reserve Bank of New York aufbereitet: Oliver Stone lässt die den Fällen Lehman Brothers und Bear Stearns nachempfundene Investmentbank Keller Zabel nicht vollends stranden - die rivalisierende Firma Churchill Schwartz, die Goldman Sachs darstellen soll, muss sie retten.
Neuer Bösewicht des Films ist Churchill-Schwartz-Chef Bretton James, gespielt von Josh Brolin. Seine Rolle ist an JP-Morgan-Chase-Chef Jamie Dimon und Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein angelehnt.
Die Mischung aus Realität der Wall Street und Herz-Schmerz-Dramaturgie à la Hollywood macht den Film sehenswert, aber nicht kultverdächtig. "Der Streifen ist den Brokern nicht hart genug", bringt es Markus Koch, New Yorker Parkett-Reporter bei N-TV auf den Punkt. An der Wall Street gehe es allein ums Siegen. Doch diese Wahrheit verliert im Film.
WALL STREET 2
Der Film 23 Jahre nach "Wall Street" hat Regisseur Oliver Stone die Fortsetzung gedreht, wieder mit Michael Douglas als Gordon Gekko: "Wall Street - Geld schläft nicht" kommt am 21.10. in die deutschen Kinos.
Die Zahlen 19 Mio. Dollar spielte der Film in den USA am ersten Wochenende ein - weniger als die Facebookstory "The Social Network", der 23 Mio. Dollar einbrachte. Die Produktionskosten lagen bei 60 Mio. Dollar - nicht mehr, als der Originalfilm kostete.






















