Finanzinvestoren: CVC bekam Evonik-Viertel zum Schnäppchenpreis

Finanzinvestoren: CVC bekam Evonik-Viertel zum Schnäppchenpreis

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Evonik-Chef Müller: Finanzinvestor wird monatlich kontrollieren

Evonik-Chef Werner Müller sorgt gerne für Aufsehen. Vor kurzem kaufte der britische Finanzinvestor CVC Müller ein Viertel von Evonik ab. Der Jubel über den Coup war groß - doch am meisten profitiert CVC: Denn der Einstieg war reichlich billig – und dazu noch mit weitreichenden Zugeständnissen.

Werner Müller hat erreicht, was er wollte – schöne Schlagzeilen. Nachdem der Evonik-Chef 25,01 Prozent seines Unternehmens an den britischen Finanzinvestor CVC verkauft hatte, feierte die Presse den 62-Jährigen. „Deutlich mehr Geld in die Kassen“, errechnete die „FAZ“ bei den 2,4 Milliarden Euro, die Müller und sein Aufsichtsratschef Wilhelm Bonse-Geuking den Briten als Kaufpreis abknöpften. „Stattlicher Preis“, konstatierte die „Financial Times Deutschland“, „üppig“ nannte „Die Welt“ den Preis. Müller ließ verlautbaren, „ein großes Etappenziel“ sei erreicht. Wirklich?

Eigentlich wollte Müller Evonik aufs Börsenparkett bringen. Er trennte dazu den „weißen Bereich“ aus Chemie, Energie und Immobilien der Ruhrkohle AG (RAG) von der Steinkohleförderung, taufte ihn Evonik und packte ihn in eine Stiftung. Die RAG-Stiftung hält jetzt nicht nur die Kohle unter ihren Fittichen, sondern war bis jetzt auch alleiniger Aktionär der Evonik.

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Politische Querelen und die Finanzkrise machten Müller aber einen Strich durch die Rechnung. Erst war das IPO für 2007 fix terminiert, dann wurde es auf 2008 verschoben, nun heißt es, ein Börsengang werde für 2013 angepeilt. Der Schlingerkurs wirft Fragen auf: Warum darf ein Finanzinvestor Anteile an einem Unternehmen erwerben, dessen ehemalige Kohlesparte Jahrzehnte mit Steuergeldern gepäppelt wurde? Und hätte Müller über die Börse nicht doch mehr herausholen können?

Es geht um Milliarden. Ursprünglich plante Müller, in mehreren Tranchen 74,9 Prozent der in Evonik umgetauften ehemaligen RAG an die Börse zu bringen. Erhoffter Erlös: insgesamt gut fünf Milliarden Euro – ein wie sich nun zeigt merkwürdig niedriger Wert, den die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Susat vor zwei Jahren ermittelt hatte.

25,1 Prozent sollten nach dem Börsengang in der neuen Evonik-Stiftung verbleiben. In der Theorie soll das Stiftungs-geld dazu reichen, nach Einstellung der letzten Kohlezeche vom Jahr 2018 an die Folgeschäden des Bergbaus und die Renten der Bergleute zu finanzieren. Die Kosten dafür sind enorm: Wirtschaftsprüfer von KPMG setzten dafür 13,7 Milliarden Euro an.

Bei 2,4 Milliarden, die CVC für ein Viertel bezahlte, wurde die ganze Evonik jetzt mit 9,6 Milliarden Euro bewertet – deutlich mehr als vor zwei Jahren gutachterlich veranschlagt worden war. Daher wohl der allgemeine Jubel über den cleveren Müller. Seltsam nur: Als Müller den Chemiker Degussa vor zwei Jahren von der Börse nahm, betrug dessen Wert allein schon 9,3 Milliarden Euro. Die Chemie wächst seither, und das sehr ertragreich. Die Gewinnmarge vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen reicht bei Degussa mit 15,7 Prozent fast an die von Weltmarktführer BASF heran. Gemessen an aktuellen Bewertungen von börsennotierten Chemieunternehmen brächte allein Degussa gut 16 Milliarden Euro auf die Waage. Und Müller hat noch zwei schöne Töchter: Die Immobiliensparte mit – über Beteiligungen – rechnerisch 97.500 Wohnungen und die Kraftwerkssparte Steag. Zusammen wären beide weitere sechs Milliarden wert. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Mischkonzerne an der Börse weniger wert sind als auf ein Geschäft fokussierte Unternehmen und abzüglich eines bei Börsenneulingen üblichen Bewertungsabschlags bliebe für Evonik eine Marktbewertung von knapp 17 Milliarden Euro übrig, 70 Prozent mehr als jetzt beim Verkauf zugrunde gelegt wurde.

CVC kann sich jetzt erst mal über üppige Dividenden freuen. Evonik wird schon für 2008 eine Mindestdividende von 280 Millionen Euro zahlen. 2009 fließen an CVC und die Stiftung dann 320 Millionen, 2010 bereits 400 Millionen. Außer einer schönen Rendite hat CVC-Deutschland-Chef Steven Koltes für sich auch auch eine sehr mächtige Position bei Evonik herausgehandelt. Müller muss sich daran erst gewöhnen. Koltes erhält demnächst detaillierte Einsichten in die Geschäfte von Evonik. Einen ganz normalen Aufsichtsrat, der einmal im Quartal über den Geschäftsfortgang informiert wird, will Koltes nicht abgeben. Dazu hat der Engländer mit Evonik eigens einen Vertrag abgeschlossen, der die Kontrolle minutiös festlegt. So wollen Koltes und sein CVC-Kollege Christian Wildmoser als Evonik-Aufsichtsräte einmal im Monat mit Müller und seinen Vorstandskollegen eingehende Besprechungen ansetzen. In der sogenannten „Common Road Map“, wie dieser Vertrag genannt wird, ist auch festgelegt, dass Koltes und Wildmoser mit Evonik-Managern in den operativen Geschäftseinheiten weit unterhalb der Vorstandsebene detailliert reden können. Sie können auf diese Weise über Geschäftsvorgänge, Kunden, Lieferanten, Kosten und Finanzströme in Tochterunternehmen Informationen einfordern und Evonik bis in die Kapillaren hinein ausleuchten. Koltes wird ins Aufsichtsratspräsidium und in den wichtigen Investitions- und den Prüfungsausschuss einziehen.

Evonik Gesamtwert

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Bei Degussa will sich Koltes einzelne Werke im Monatsrhythmus genau ansehen. CVC verfügt in der Chemie über viel Erfahrung. So gehören das Chemiegeschäft der früheren britischen ICI und das ehemalige Druckfarbengeschäft der BASF zu der von CVC beherrschten Flint-Gruppe. Für die Steag deutet Koltes bereits an, was er in diesem Geschäftsbereich ändern könnte: „Muss man immer mit demselben deutschen Kraftwerksbauer zusammenarbeiten?“, fragt er rhetorisch mit Anspielung auf Siemens – oder „kann das auch mal ein ganz anderer sein“? Auch ABB, General Electric und Hitachi sind potente Kraftwerksbauer, für deren Auftragsgestaltung und Preise sich Koltes ebenfalls interessiert. „Politische Erfahrungen“, sagt Koltes, hätten die Finanzinvestoren bei der dänischen Post erworben, an der sie 22 Prozent halten – der Rest gehört dem dänischen Staat. Erfahrung mit politischen Sensibilitäten wird Koltes künftig von Nutzen sein, wenn er mit der RAG-Stiftung verhandelt. Im Kuratorium des Evonik-Mehrheitsaktionärs sitzen unter anderen die Ministerpräsidenten der Kohleländer und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück.

Müller wirkte leicht genervt, als Koltes ihn berichtigte, nicht 4,3 Milliarden Euro Schulden habe Evonik, sondern 8,3 Milliarden Euro, da man die Pensionsverpflichtungen hinzurechnen müsse. Wer Koch und wer Kellner ist, machte Koltes mit dem Versprechen klar, er wolle die genauen CVC-Analysen über Evonik dem Vorstand „so schnell wie möglich zur Verfügung stellen“. Müller kennt diese also wohl noch gar nicht. Koltes überspielte den Misston und stimmte ein versöhnliches Wort an: CVC habe Müller nach der Analyse als Klassenbesten identifiziert. Dann könne er wohl beruhigt nach Hause gehen, sagte Müller.

„Nein, an die Arbeit“, korrigierte Koltes den Evonik-Chef – ein zweites Mal.

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