
„Börse im Ersten“, das war am Dienstagabend um 19.55 Uhr wieder mal das Letzte: Jammern über den Gewinneinbruch bei BMW statt Jubeln über den hohen Tagesgewinn mit Gold für alle Anleger, die es rechtzeitig gekauft hatten, Blick zurück auf die Zahlen eines Konzerns statt Beschäftigung mit dem Geld von Millionen Anlegern, provinzielles Beamtenfernsehen im B2B-Format statt globales B2C für alle. Früher nannte man so etwas Hofberichterstattung, heute sind Medienbotschaften vom Typ BMW-Gejammer treffender mit dem Begriff Phantasielosigkeit beschrieben. Fortsetzung: nur einen Tag später, nachdem General Motors zum Entsetzen aller Opelaner und der Bundeskanzlerin beschlossen hatte, Opel doch zu behalten.
Dabei ging an den beiden fraglichen Tagen eine Botschaft um die Welt, die in Zukunft für mehr Bundesbürger – und für zahlreiche Menschen weltweit – eine viel größere Bedeutung haben dürfte als das BMW-Malheur und das Opel-Drama zusammen: Indien hat dem Internationalen Währungsfonds (IWF) 200 Tonnen Gold abgekauft. Zuletzt hatte der IWF sich vor neun Jahren von einem kleinen Teil seines Goldbestands getrennt; insofern ist der jetzige Deal wichtiger, als die nackten Zahlen von 200 Tonnen im Wert von aktuell knapp sieben Milliarden US-Dollar aussagen.
Goldpreis: Noch kein Ende der Fahnenstange
Zumal nun die an folgende Fragen anknüpfende Spekulation erst richtig los geht: Wer kauft dem IWF die 203 Tonnen ab, die bei ihm weiter zur Disposition stehen, nachdem die ersten 200 von insgesamt für den Verkauf vorgesehenen 403 Tonnen weg sind? Ist es nicht ein Armutszeugnis für den IWF, dass er seine Finanzen mit dem Verkauf von Gold aufzupolieren versucht? Welchen Anteil von dem Erlös wird er wirklich wie vorgegeben für Kredite an arme Länder zur Verfügung stellen? Warum hat nicht China, sondern Indien zuerst zugegriffen? Wie werden sich die anderen Zentralbanken verhalten? Was bedeutet das alles für den Goldpreis?
Um die Antwort auf die spannendste letzte Frage gleich vorwegzunehmen: Der besonders kräftige Anstieg des Goldpreises seit dem vergangenen Dienstag signalisiert, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Der Indien-Deal wird zwar allenthalben zur Begründung nachgereicht, aber er dürfte später nur als eine von mehreren Ursachen in den Geld- und Gold-Geschichtsbüchern zu finden sein. Die entscheidenden Preisimpulse werden von China ausgehen; Indien ist nur eine Zwischenstation. Gold gilt für die Bevölkerung beider Länder als wahres Geld, das heißt, es übernimmt neben der Funktion als Zahlungsmittel und Wertmaßstab auch die Funktion als Geldanlage und Wertaufbewahrungsmittel.
Der China-Faktor
Im Vergleich zu diesen Überlegungen sind die Antworten auf die übrigen Fragen eher nebensächlich – bis auf eine: Ob China dem IWF die verbliebenen 203 Tonnen offiziell und direkt, auf Umwegen oder gar nicht abkauft, sei dahingestellt; schon in nächster Zeit werden größere Mengen Gold so oder so den Weg nach China finden. Um die USA nicht zu düpieren, wird die chinesische Zentralbank dabei nach außen hin Passivität zur Schau tragen – sonst könnte in der US-Notenbank Fed der eine oder andere denken, China wolle die vom Exportboom stammenden riesigen Dollar-Bestände gegen Gold tauschen. Da der Großteil der chinesischen Bevölkerung jedoch gewohnt ist, Befehlen von oben zu folgen, werden die Chinesen mit ihren privaten Schatullen sozusagen die Rolle der Zentralbank übernehmen.





