
Rüdiger Neske, für Privatkunden zuständiger Chef der Deutschen Bank, formulierte in einem "Handelsblatt"-Interview am 3. November einen denkwürdigen Satz: „Der Kunde ist zu Recht der Meinung, dass sein Nutzen aus der Bankbeziehung und der Nutzen, den die Bank daraus zieht, sich in einem gesunden Verhältnis zueinander befinden müssen.“ Nur einen Tag später äußerte sich Joachim Faber, Chef von Deutschlands größtem Vermögensverwalter Allianz Global Investors, im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" wie folgt: „Solange sich Banken entscheiden können, ob sie mit ihrem Geld lieber handeln oder Kredite vergeben, ist doch klar, wofür sie sich entscheiden. Sie versuchen gerade jetzt, durch schnelle Gewinne ihr Kapital wieder aufzustocken.“
Gesundes Verhältnis von Kunden- und Banknutzen einerseits, schnelle Gewinne andererseits, wie reimt sich das? Gar nicht. Angenommen, der Kundennutzen besteht - wie von Banken immer wieder unterstellt - in der Wertsteigerung eines Fonds, dann hängt er zunächst von der Fähigkeit eines Beraters ab, den richtigen Fonds auszusuchen, danach von der Anlagekunst des Fondsmanagers und schließlich vom Ausstieg zum richtigen Zeitpunkt. Die Bank profitiert vom Beratungsgespräch zunächst gar nicht (bestenfalls, wenn sie dadurch einen neuen Kunden gewinnt oder einen bestehenden hält, aber das nützt ihr in beiden Fällen erst später). Der Kunde zieht aus dem Gespräch nur dann einen Nutzen, wenn seine finanziellen Ziele und Nebenbedingungen vom Berater möglichst umfangreich berücksichtigt werden – eine unlösbar erscheinende Aufgabe.
Fonds perdu
Kommt es zum Fondskauf, erhält die Bank den Ausgabeaufschlag (oder einen Teil davon) und später neben der Depotgebühr einen mehr oder weniger hohen Anteil an der Verwaltungsgebühr des Fonds, das alles unabhängig davon, ob der Kunde mit dem Fonds gewinnt oder verliert. Ist sie in irgendeiner Form an der Fondsgesellschaft beteiligt oder gehört diese ihr sogar ganz, vereinnahmt sie mit jedem Wertpapierkauf und -verkauf, den der Fondsmanager vornimmt, eine mehr oder weniger hohe Provision – wiederum zu Lasten des Kunden. Und wenn es um das richtige Timing zum Ausstieg geht, können die Interessen des Kunden und der Bank ein weiteres Mal divergieren: Wenn die Bank schon darauf verzichtet, die Verwaltungsgebühr weiter zu kassieren, indem sie dem Kunden zum Verkauf eines Fonds rät (was selten genug vorkommt), will sie ihm wenigstens einen anderen Fonds verkaufen, wieder mit Ausgabeaufschlag, anschließend mit Depot- und Verwaltungsgebühren sowie Kauf- und Verkaufsprovisionen – und die ganze Prozedur beginnt von Neuem.
Am Ende gewinnt immer die Bank
Wie soll auf diese Weise – im Sinn von Deutschbanker Rüdiger Neske – ein gesundes Verhältnis von Bank- und Kundennutzen entstehen? So viel steht jedenfalls fest: Gesund ist es unter den genannten Umständen allemal für die Bank. Dagegen schmilzt der Kundennutzen auf eine Restgröße zusammen. Diese kann – muss aber nicht – positiv sein. Ist sie negativ, wird aus dem Nutzen ein Schaden; für den kommt dann aber nicht die Bank auf, sondern der Kunde. Das ist wie in der Spielbank: Der Spieler kann gewinnen oder verlieren, aber am Ende gewinnt immer die Bank – sie hat ja die Spielregeln festgelegt; der Kunde hat nur die Wahl, sie anzunehmen oder abzulehnen. Lehnt er sie ab, kann er von der Deutschen Bank zur Commerzbank, zu einer anderen privaten Bank, zu einer Sparkasse oder Genossenschaftsbank wechseln, wird dort allerdings fast immer mit denselben oder ähnlichen Spielregeln konfrontiert.





