Gbureks Geld-Geklimper: Wirtschaftswissen leicht gemacht

kolumneGbureks Geld-Geklimper: Wirtschaftswissen leicht gemacht

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Norbert Herrmann, Wissenschaftler vom Institut für Angewandte Mathematik in der Universität Hannover

Kolumne von Manfred Gburek

Warum interessieren sich die Leute mehr für einen Querdenker wie Thilo Sarrazin als für das Thema Wirtschaft? Die Antwort birgt mehr als nur eine Überraschung.

Thilo Sarrazin, Jörg Kachelmann und Michael Ballack haben die Medien – und damit zwangsläufig auch deren Nutzer – in den vergangenen Tagen mehr beschäftigt als die horrenden Geldmengen, die bereits in eine Anleihenblase gemündet sind, die lahmende US-Konjunktur, die Präsident Barack Obama viel zu spät zur Chefsache erklärt hat, und die hohen Staatsschulden, die am Ende mangels Alternative wohl mit inflationiertem Geld zurückgezahlt werden. Nichts ist spannender als Wirtschaft, gilt dieser alte Slogan der Wirtschaftswoche etwa nicht mehr, nur weil ein Querdenker seine Meinung in ein provokantes Buch gepackt hat, weil einem Wetterfrosch der rüde Umgang mit seiner Ex vorgeworfen wird und weil ein Kickerkapitän seinen Zenit offenbar überschritten hat?

Doch, der Slogan gilt nach wie vor, und das sogar mehr denn je. Nur gibt es da gleich drei Probleme:

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Das Thema Wirtschaft ist so komplex, dass es unmöglich allumfassend dargestellt werden kann.Die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihm gebiert im besten Fall Detailerkenntnise, im schlimmsten – überwiegenden – Fall unsinnige mathematische Formeln.Das Thema lässt sich offenbar, anders als Sarrazins Buch, Kachelmanns Liebesleben und Ballacks Frust, kaum an Personen festmachen, denn die sind entweder schon längst tot (wie die meisten Vertreter der österreichischen Schule), oder sie genießen – von Helmut Schmidt bis Nouriel Roubini - lieber in öffentlichen Auftritten ihren Status als Weltökonomen. So scheint es jedenfalls. Doch wie im Folgenden noch zu zeigen sein wird, ist die Wirtschafts-Personifizierung durchaus möglich.

Mut zur Wissenslücke

Als Studenten haben wir die Komplexität der Wirtschaft früher erfolgreich mithilfe eines Repetitors bewältigt. Der hatte seine Spione bei den Lehrstühlen nahe an den Professoren, deren Spezialthemen und Marotten er deshalb ganz gut kannte. Wir Studenten brauchten dann nur noch mit etwas Fleiß und viel Mut zur Lücke das Gedankengut und die Ticks solcher Professoren anhand der Repetitor-Skripte zu inhalieren. Manchmal kam man sich dabei vor, als müsste man ein Telefonbuch auswendig lernen. Heute sind die Verfahren, mit denen Studenten ihr Wirtschaftsexamen schaffen, zwar etwas raffinierter und viel mehr als früher mit angelsächsischem Brimborium durchsetzt, aber am Mut zur Lücke hat sich nichts geändert.

Studenten haben einige Semester Zeit, allein um sich die Wissensgrundlagen zum Thema Wirtschaft anzueignen, und danach können sie sich ein paar weitere Semester lang auf ihr Examen vorbereiten. Das bleibt den Schülern verwehrt, egal, was für eine Schule sie besuchen – ein gefundenes Fressen für immer mehr Lobbygruppen, um die Schüler schon früh zu manipulieren. Das Halbwissen, das dabei herauskommt, kann man sich leicht vorstellen. Je nach Lobbyeinfluss mutieren dann abwechselnd Atommeiler und Windräder zu umweltschonenden Anlagen, Fonds und Zertifikate zum Nonplusultra der Geldanlage und Banker als ihre Erfinder zu Wohltätern der Menschheit.

Crash-Gurus und schwarze Schwäne

Es gibt indes auch andere Möglichkeiten, sich Wirtschaftswissen anzueignen, und zwar über ernst zu nehmende Gurus (leider bilden sie im Vergleich zu den nicht ernst zu nehmenden nur eine  Minderheit). Der 1999 verstorbene Börsenguru André Kostolany war einer, auch wenn seine Dollar-Gläubigkeit manchmal arg übertrieben schien; immerhin werden seine Bücher ab und zu neu aufgelegt. Roland Leuschel, dessen Erkenntnisse für Anleger ebenfalls am einfachsten in Buchform zu verfolgen sind, hat 1987 rechtzeitig vor einem Crash gewarnt, der dann am 19. Oktober desselben Jahres tatsächlich über die Aktienbörsen hereinbrach.

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