
New York, 30. September 2008, 16 Uhr Ortszeit. Die US-Börse schließt gerade ihre Pforten. Einige Händler halten schon die erste Dose Budweiser in der Hand, da trudelt noch ein letzter Auftrag aufs Parkett.
1221 Aktien von American Water werden geordert, zu 21,50 Dollar – ein Kurs rund zehn Prozent über dem Tagestief der Aktie.
Um 16.03 Uhr wird das Geschäft abgerechnet, dann herrscht Ruhe an Wall Street. Der starke Kursanstieg der Aktie findet in den Börsenberichten des Tages keine Beachtung – wohl aber 6000 Kilometer entfernt am Essener Opernplatz, am Stammsitz des Versorgers RWE. RWE-Chef Jürgen Großmann hält noch 60 Prozent an American Water.
Sein Vorvorgänger Dietmar Kuhnt hatte das Unternehmen 2003 zu 46 Dollar je Aktie oder 8,6 Milliarden Dollar inklusive Schulden gekauft. Großmann kam der plötzliche Kursanstieg an jenem Abend des 30. September äußerst gelegen: Die American-Water-Aktie schloss – welch Zufall – mit der letzten Order zum Quartalsende exakt zu jenem Kurs, zu dem RWE die US-Tochter noch in ihren Büchern bewertet hat.
Und so sah alles danach aus, als könne Großmann, welch glückliche Fügung, eine Abschreibung auf den American-Water-Wert bis auf Weiteres vermeiden. Doch die Freude am Essener Opernplatz dürfte nur kurz währen. Schon am 1. Oktober fiel der Kurs von American Water wieder deutlich unter die 21,50 Dollar.
Welche Folgen es haben kann, sollte der Kurs weiter fallen, wissen RWE-Aktionäre: Die Essener schleppen ihre Tochter schon lange zu überhöhten Preisen durch die Bücher. Erst in der Jahresbilanz 2007 schrieben sie 429 Millionen Euro auf den Wert von American Water ab.
Wenige Monate später, zum Börsengang der Sparte im Frühjahr 2008, dann der nächste Hammer: Großmann musste weitere 628 Millionen Euro wertberichtigen und die für 2008 ausgegebene Gewinnprognose kassieren. Doch längst müssen nicht nur RWE-Aktionäre vor weiteren Abschreibungen zittern.
In den Bilanzen der meisten großen Unternehmen schlummern Milliarden an Beteiligungen, deren Wert angesichts der Rezession und gestiegener Finanzierungskosten äußerst fraglich geworden ist. Anleger sollten deshalb ihr Depot überprüfen und sich vor neuen Engagements die Frage stellen, ob Unternehmen, deren Aktien sie halten oder kaufen wollen, während des Übernahmebooms der vergangenen Jahre nicht auch zu viel bezahlt haben.














