Angst vor Inflation: Die Enteignung der Sparer beginnt

Angst vor Inflation: Die Enteignung der Sparer beginnt

, aktualisiert 22. November 2011, 09:19 Uhr
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Ebbe in der Kasse - den Sparern droht eine schleichende Enteignung.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Sparsame Normalbürger zahlen die Zeche für die ausufernde Schuldenpolitik. Die Jagd auf das Geld der Deutschen hat begonnen. Es drohen niedrige Zinsen, fallende Aktienkurse und steigende Steuern.

Edgar Stilp, Geschäftsführer von Koch Immobilien in Düsseldorf, macht glänzende Geschäfte. Er hat etwas, was bei den Anlegern jetzt ganz besonders gefragt ist: Sachwerte, Vermögensanlage zum Anfassen. „Wir merken schon, dass die Angst vor Inflation vor allem bei Privatleuten erheblich ist“, sagt er.

Neulich hat eine Familie aus seinem Kundenkreis ein Unternehmen verkauft. Dann hieß es: „Jetzt noch schnell rein in Sachwerte, bevor die Inflation das auffrisst“, erzählt er. Sicherheit steht an erster Stelle. Auch die Rendite spielt eine Rolle: „Wenn ich Festgeld anlege und die Inflation abziehe, bleibt ja nix mehr über, deswegen denken die Kunden über Alternativen nach“, sagt er im rheinischen Tonfall.

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Für Stilp sind die Sorgen der Kunden ein gutes Geschäft. Zurzeit machen sich viele Deutsche Sorgen. Sie fragen sich angesichts der ausufernden Euro-Krise: „Geht das alles gut? Bleibt der Euro erhalten?“ berichtet Jürgen Simon, Direktor des Private Banking der Kreissparkasse Köln. Viele fürchten, dass die Krise sie bald auch persönlich trifft – als Sparer und als Steuerzahler.

Die Angst vor Inflation hat sich tief in die kollektive Seele der Deutschen eingebrannt. Kein Wunder: Zwei Währungsreformen im 20. Jahrhundert, verbunden mit der Erinnerung an verlorene Kriege, werfen lange Schatten. Zur Erinnerung: Am 20. November des Jahres 1923, am Ende der großen Inflation, bekam man für 4,2 Billionen Mark gerade noch einen Dollar.

Nach dem Ersten Weltkrieg war eine gewaltige Verschuldung entstanden, weil der Staat den Krieg finanzieren wollte und das Geld dafür niemandem so einfach wegnehmen konnte – stattdessen verkaufte er im großen Stil Kriegsanleihen. Historiker Heinrich August Winkler schreibt im Rückblick: „Die Sparer und Zeichner von Kriegsanleihen waren damit die eigentlichen Opfer der Inflation.“ Verlierer waren auch die Arbeiter, weil deren Löhne hinter der Preissteigerung zurückblieben. Insgesamt lässt sich also festhalten: Der fleißige und sparsame Normalbürger hat den Krieg nachträglich bezahlt.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Dieses Schema erkennen wir heute wieder. Der Staat will zwar keinen Krieg mehr finanzieren, dafür aber Sozialleistungen, Bildung und jetzt auch noch die Rettung des Euros. Eigentlich müsste er die Bürger dafür sofort zur Kasse bitten. Doch politisch einfacher ist es, das möglichst weit hinauszuschieben. Leider scheitert diese Strategie am Ende dramatisch – jetzt schon in schwachen Ländern, bald auch bei uns.

In den USA lief diese Verschuldungsspirale zunächst vor allem über die privaten Haushalte. Damit jeder etwas Wohlstand spürte, wurden mit staatlicher Unterstützung Kredite an Privatleute sehr erleichtert. Zugleich sorgte eine lockere Geldpolitik für steigende Immobilienpreise und damit für gefühlten Reichtum.


Preisblasen auf dem Immobilienmarkt

In Europa kam es in einigen Ländern wie Spanien und Irland ebenfalls zu Preisblasen auf den Immobilienmärkten – begünstigt durch die Einführung des Euros, der auf einmal ungewohnt niedrige Kreditzinsen mit sich brachte. So fühlte sich auf einmal jeder reich, auch der Staat, der seine Steuern zum Teil aus den Scheingewinnen des Immobilienmarktes abzweigte.

In Ländern wie Griechenland, Italien, Frankreich, aber auch Deutschland spielt der Staat bis heute mit seiner gewaltigen Verschuldung die große Beglückungsmaschine, die – solange es gut läuft – möglichst viele politische Konflikte in die Zukunft verschiebt.

Irgendwann jedoch kommt der Zahltag – und wir stehen kurz davor. Leider kommt er gerade in den USA und in Europa gleichzeitig. Und mit dem Zahltag werden aufgeschobene Verteilungskämpfe nachgeholt. Wie sehr kann das ausarten? Wer zahlt am Ende die Zeche?

Egal, wie wir unsere Verschuldungsprobleme lösen: In der einen oder anderen Form werden es immer die Sparer sein, zu deren Lasten die nachträgliche Umverteilung geht. Und zwar alle Sparer – und nicht nur die Reichen, wie es der britische „Economist“ in seiner Titelgeschichte Ende September behauptete. Wer ist denn der Geschädigte, wenn irgendwann der Dollar gegenüber der chinesischen Währung abschmiert? Der fleißige Chinese. Wer ist der Dumme, wenn im Euro-Raum die Inflation steigt oder Banken und Versicherungen hohe Abschreibungen auf Wertpapiere verkraften müssen? Der Sparer, der Bank- oder Versicherungskunde. Außerdem natürlich der Steuerzahler, weil höhere Abgaben auf ihn zukommen.

Auch wenn es Hyperinflationen wie damals in Deutschland oder eine Währungsreform wie nach dem Zweiten Weltkrieg nur selten gibt: Inflation als Problemlöser ist sehr weit verbreitet. Im vergangenen März haben Carmen M. Reinhart and M. Belen Sbrancia eine aufsehenerregende Studie veröffentlicht. Danach haben zahlreiche Staaten seit den späten 40er-Jahren ihre Verschuldungsprobleme durch Inflation gelöst.

Und zwar durch eine ganz und gar nicht spektakuläre, dafür aber sehr stetige Preissteigerung – kombiniert mit niedrigen Zinsen für die Sparer. Der Staat hat an seinen Schulden verdient, die Sparer haben gerade mit sicheren und deswegen niedrig verzinsten Anlagen real Geld verloren. Dieses System funktionierte besonders gut bis in die 70er-Jahre – also in der Zeit, als die Finanzmärkte noch stark reguliert waren. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass Finanzmarktregulierung bei Politikern zurzeit wieder so populär wird. Vor dem Zweiten Weltkrieg und nach 1980 waren die Kapitalmärkte weitaus liberaler – und negative Realzinsen seltener.

Nach der Studie von Reinhart und Sbrancia gab es zwischen 1945 und 1980 in den entwickelten Volkswirtschaften etwa in der Hälfte aller Jahre real negative Zinsen. Die USA und Großbritannien haben es damals so geschafft, ihre Staatsverschuldung jährlich im Umfang von drei bis vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts abzubauen. In Australien und Italien waren es sogar rund fünf Prozent. „Financial Repression“ ist das Schlagwort für dieses System, bei dem Sparer kaum andere Möglichkeiten haben, als Geld zu niedrigen Zinsen anzulegen und dann von der Preissteigerung wegfressen zu lassen.


Sparer zahlen die Zeche

Es spricht viel dafür, dass vor allem die angelsächsische Welt diesen Weg wieder gehen will. Fast alle Ratschläge, die wir im Moment von britischen und amerikanischen Experten bekommen, laufen genau darauf hinaus, in der Euro-Zone dasselbe Prinzip anzuwenden. Die Versuchung, auf diese Weise den Sparer möglichst schonend nach und nach zur Kasse zu bitten, ist in der Tat groß.

Denn in dieser Welt einer „angelsächsischen Inflation“ schimpft man zwar über steigende Preise, niedrige Zinsen und darüber, dass im Alter das angesparte Vermögen nicht ausreicht. Aber ein traumatisierender Schock, wie er mit einer Hyperinflation, einem Schuldenschnitt oder drastischen Kursverlusten verbunden ist, bleibt aus.

Die Gesellschaft hält zusammen, die Demokratie bleibt intakt. Und weil wenigstens optisch die Umsätze, Gewinne und Löhne wachsen, gibt es ein gefühltes Wachstum, das sogar zu einem echten werden kann – und dann kräftig beim Schuldenabbau hilft.

Hauptsache, die Bilanzen stimmen

Auch Banken und Versicherungen können gut mit dieser Variante leben. Denn letztlich ist es für die Geldhäuser egal, wie viel ihren Kunden nach Abzug der Inflation auf dem Konto bleibt – Hauptsache, die nominale Welt, in der sie ihre Bilanzen schreiben müssen, bleibt im Gleichgewicht. Es darf daher niemanden erstaunen, dass Banker oder Versicherungsleute immer wieder mit Vorschlägen kommen, die auf gemeinsame Haftung, niedrige Zinsen, viel Notenbankgeld und ein Verschieben der Probleme in die Zukunft hinauslaufen.

Die Gefahr liegt aber auch auf der Hand: Sehr schnell kann eine kontrollierte in eine galoppierende Inflation umschlagen. Das gilt vor allem in der Euro-Zone, wo die Notenbank nicht nur einer, sondern gleich 17 Regierungen gegenübersteht. Wenn sie sich dann an den Interessen der schwächsten dieser Länder orientiert, wozu sie zurzeit viele Experten drängen, kann das auf Dauer nicht funktionieren.

Vordergründig funktioniert die Financial Repression ganz gut, wie ein Blick auf die Realzinsen in den USA und in Deutschland zeigt. In den USA sind sie schon längere Zeit negativ, weil die Inflationsrate höher ist als der Zins sicherer Staatsanleihen. Der Trick ist dort die Notenbankpolitik: Sie kauft im großen Stil Staatsanleihen und drückt deren Zinsen. Gleichzeitig wird so genug Geld gedruckt, um eine unspektakuläre, aber stetige Inflation sicherzustellen.


Zinsen bleiben niedrig

Bei uns kauft die Europäische Zentralbank (EZB) sehr viel zögerlicher Staatsanleihen auf. Und sie tut es auch nicht, um das allgemeine Zinsniveau zu drücken, sondern um einzelnen Staaten zu helfen. Hier steht ein anderer Effekt im Vordergrund: die Flucht der Anleger in den „sicheren Hafen“. Auf diese Weise fließt sehr viel Geld in deutsche Staatspapiere, weil fast nur noch die in der Euro-Zone als wirklich sicher gelten.

Die Folge: Auch bei uns rutscht der „sichere“ Zins so tief, dass wir negative Realzinsen haben. Der Effekt verstärkt sich, wenn die Banken künftig nicht mehr alle Staatsanleihen ohne Unterschied als „risikolos“ verbuchen dürfen: Eigentlich ein richtiger Schritt, aber er wird noch mehr Geld nach Deutschland umleiten und die Zinsen noch stärker drücken.

Die Enteignung ist schon da

Wir leben also schon in einer Welt der schleichenden Enteignung. Der Sparer hat nur die Wahl, sich an der nachträglichen Finanzierung der staatlichen Wohlstandsschulden zu beteiligen oder unkalkulierbare Risiken einzugehen. Vielleicht werden einige Investoren, die heute zu niedrigen Kursen in Aktien oder in Anleihen angeschlagener Euro-Staaten einsteigen, damit einen großen Reibach machen. Vielleicht bricht aber auch das Euro-System auseinander, ganze Staaten werden entschuldet oder in ihre früheren Schwachwährungen zurückgestoßen.

Die schleichende Enteignung ist aber nur die eine Seite des Problems. Die andere heißt: höhere Steuern. Noch verlangt kein Politiker von den Deutschen einen Solidarbeitrag für Europa. Aber wenn aus den Garantien, die die Regierung in Berlin heute vergibt, irgendwann harte Zahlungen werden, dann passiert auch bei uns das, was die Menschen in Griechenland, Italien und Frankreich schon erleben: Die Versprechen der Politik, die auf Pump gegeben wurden, müssen mit höheren Abgaben eingelöst werden.


Schleichende Enteignung

Gibt es Alternativen? Ja. Eine davon wären drastische Schuldenschnitte in Europa oder der Austritt ganzer Länder aus der Euro-Zone. Damit würden die Sparer in Form hoher Kursverluste ganz schnell enteignet. Teile dieses Szenarios haben wir sogar schon erlebt. Aber wahrscheinlich wird die Politik davor zurückschrecken, es zu sehr ausufern zu lassen – wenn es ihr gelingt, die Entwicklungen unter Kontrolle zu behalten.

Eine weitere Möglichkeit wäre der japanische Weg: extrem niedrige Zinsen, verbunden mit sinkenden Preisen, also Deflation. Dieses Szenario kann, wie man in Japan sieht, eine jahrzehntelange Stagnation bedeuten – allerdings auch ohne große Schockwirkungen. Wegen der Deflation sind in Japan die Realzinsen sogar positiv. Wahrscheinlich sind die Japaner deswegen bereit, als fleißige Sparer eine Staatsverschuldung vom Doppelten des Bruttoinlandsprodukts zu finanzieren. Aber diese Verschuldung ist auch eine Zeitbombe, weil sie mit einer schrumpfenden Bevölkerung nicht ewig finanziert werden kann.

Für Anleger bleibt weltweit nur die Chance, das Geld auf mehrere Anlageformen zu verteilen, um bei jedem Szenario wenigstens halbwegs gut auszusehen. Viele werden aus Sicherheitsgründen für einen harten Kern des Vermögens die negativen Realzinsen in Kauf nehmen – sie schmerzen psychologisch nicht so sehr wie direkte Kursverluste.

Quelle:  Handelsblatt Online
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