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Anlagestrategie: Nur Bares ist Wahres

von Norbert Häring, Christian Schnell, Ingo Narat, Ozan Demircan und Susanne Metzger Quelle: Handelsblatt Online

Immer mehr Privatanleger und Unternehmen horten ihr Geld auf Konten, statt es zu investieren. Die Unsicherheit breitet sich aus; fast so wie zu Zeiten der Lehman-Pleite. Selbst Profiinvestoren gehen auf Nummer sicher.

Die Geldeinlagen auf deutschen Konten haben sich in innerhalb von einem Jahr um zehn Prozent erhöht. Quelle: dpa
Die Geldeinlagen auf deutschen Konten haben sich in innerhalb von einem Jahr um zehn Prozent erhöht. Quelle: dpa

FrankfurtWarren Buffett gilt als Mann der Tat. Wie kein anderer Investor liebt er es, die Märkte zu bewegen. Derzeit aber sieht sich Buffett zur Enthaltsamkeit gezwungen. Seine Investmentholding Berkshire Hathaway hortet immer mehr Bargeld. Im zweiten Quartal 2012 waren es schon 40,7 Milliarden Dollar, ein Plus von 7,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal.

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Damit verhält sich der weltbekannte Investor so wie eine wachsende Zahl von deutschen Anlegern, Unternehmen und Pensionsfonds. So hatten die privaten Haushalte laut Statistik der Bundesbank zuletzt 785 Milliarden Euro als jederzeit verfügbare „Sichteinlagen" auf ihren Tagesgeldkonten liegen - 8,6 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Deutsche Unternehmen parkten im Juni immerhin 270,5 Milliarden Euro auf Tagesgeldkonten, ein Plus von zehn Prozent binnen Jahresfrist. Institutionelle Investoren wie etwa Pensionsfonds erhöhten ihr jederzeit mobilisierbares Geld von 23 auf 29 Milliarden Euro. Insgesamt liegen auf deutschen Girokonten jetzt schon 1,3 Billionen Euro.

Und das, obwohl der durchschnittliche Zinssatz auf Tagesgeld nach Angaben der Bundesbank auf 0,77 Prozent gesunken ist und die Inflationsrate zuletzt bei 1,7 Prozent lag. „Es weiß einfach keiner mehr so recht, wohin mit seinem Geld", erklärt Peter Barkow, Kapitalmarktexperte bei Barkow Consulting in Düsseldorf, die Bereitschaft der Anleger, selbst kleinere Vermögensverluste hinzunehmen. Die Bargeld-Strategie ist aus der Angst geboren.

Damit weist die derzeitige Euro-Schuldenkrise Parallelen zur Situation nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 auf. Damals hatten sich die Barreserven allerdings um fast 30 Prozent erhöht - die Angst der Anleger vor einem Zusammenbruch des Weltfinanzsystems war groß.

Allein im ersten Halbjahr 2012 zogen Anleger aus deutschen Aktienfonds 5,2 Milliarden Euro ab, wie der Fondsverband BVI mitteilte. Die Bargeld-Strategen sind derzeit in der Überzahl. Ihr Motto lautet: Parken und warten. Ein Überblick, wohin das Geld der Deutschen in den letzten Wochen und Monaten geflossen ist.


Die Tagesgeldkonten sind prall gefüllt

Die Zahl steht für Verunsicherung und Ratlosigkeit gleichermaßen: 785 Milliarden Euro horten die Deutschen mittlerweile auf Tagesgeldkonten. Das sind gut 300 Milliarden Euro mehr als unmittelbar vor der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008. Und es ist ein Vielfaches im Vergleich zur Situation vor zehn Jahren. Damals gab es für Privatanleger noch kaum Tagesgeldkonten; allenfalls Unternehmen buchten kurzzeitig nicht benötigtes Geld vom Girokonto dorthin.

Dass der kurzzeitige Geldparkplatz derzeit so beliebt ist, hat mit der Finanz- und der anschließenden Euro-Schuldenkrise zu tun: „Es weiß einfach keiner mehr so recht, wohin mit seinem Geld", sagt Peter Barkow, Kapitalmarktexperte bei Barkow Consulting in Düsseldorf.

Bis darüber wieder Klarheit herrscht, nehmen die Deutschen auch gerne in Kauf, dass die ohnehin mageren Zinsen auf Tagesgeldkonten in den vergangenen Wochen noch einmal gefallen sind. So hat die Frankfurter FMH Finanzberatung gerade für 35 Geldinstitute einen Durchschnittssatz von 1,35 Prozent errechnet.

Zum Jahreswechsel waren es immerhin noch 1,80 Prozent. Bezieht man auch Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken mit ein, bekommen Sparer auf einem durchschnittlichen Tagesgeldkonto laut Bundesbank nur 0,77 Prozent Zinsen.

Auch wenn die Inflation in Deutschland zuletzt wieder auf 1,7 Prozent gefallen ist, so wird jedem Anleger schnell klar: Hier lege ich drauf - erst recht, wenn noch Steuern und Gebühren hinzukommen. Im Trend liegen aber nicht nur das eher moderne Tagesgeld, sondern auch Klassiker wie Sparbuch, Bausparen oder Lebensversicherungen.


Sicherheit als oberstes Gebot

Noch immer haben rund zwei von drei Deutschen ein Sparbuch, keine andere Anlageform ist beliebter. Sicherheit und Kapitalerhalt gelten ihnen mehr als hohe Zinsen. Auch der Bausparvertrag - ein Inbegriff für Langeweile - hat in diesen Zeiten weiter seine treue Anhängerschaft. 30 Millionen Verträge wurden mittlerweile hierzulande unterschrieben. Und das, obwohl viele Bausparkassen schlecht beraten und überteuerte Produkte anbieten, wie die Stiftung Warentest jüngst kritisierte. Auch die Lebensversicherer sind bei den Kunden beliebter als bei den Verbraucherschützern.

Selbst den Banken ist der Run auf das Tagesgeldkonto oder das Sparbuch nicht mehr geheuer, obwohl sie sich so günstig refinanzieren können. Lockangebote wie in der Vergangenheit werden immer seltener. Stattdessen wettern die Institute offen gegen die Geldpolitik in den verschuldeten Ländern, die dazu führt, dass die Anleger bei Anlageformen wie dem Tagesgeld letztendlich Geld verlieren.

Andreas Utermann, der beim Fondshaus Allianz Global Investors für die globale Anlagestrategie verantwortlich ist, rät deshalb Anlegern, sich auf reale Werte zu konzentrieren. „Das kann alternative Anlagemöglichkeiten in Rohstoffe, Immobilien und Infrastruktur-Investments beinhalten, aber auch Aktien von Unternehmen, die nachhaltiges Wachstum in einem schwächeren Wirtschaftsumfeld mit steigendem Inflationstrend erwarten lassen", so sein Ratschlag.

Vor allem den Tipp zur Aktie haben viele Deutsche im ersten Halbjahr schon beherzigt. 1,5 Millionen Bürger mehr als noch vor einem halben Jahr haben mittlerweile Dividendenpapiere in ihren Depots. Das hat gestern der Lobbyverband Deutsches Aktieninstitut (DAI) verkündet. Die Gesamtzahl derer, die damit direkt Aktien besitzen oder indirekt über Fonds halten, ist so auf 10,2 Millionen gestiegen. Das Niveau vor der Lehman-Pleite im Jahr 2008 ist damit wieder erreicht.

Es waren jedoch besonders Belegschaftsaktionäre, die dafür gesorgt haben. Eine zeitgleich veröffentlichte Umfrage des Fondsverbandes BVI zeigt, dass aus Aktienfonds im ersten Halbjahr 5,2 Milliarden Euro abgeflossen sind.


Großanleger finden keine Alternativen

Die deutschen Großanleger machen es ähnlich wie US-Investor Warren Buffett, aber aus ganz anderem Antrieb. Auch Pensionskassen und andere Altersvorsorge-Einrichtungen halten mehr Cash. Doch sie haben ohnehin den weitaus größten Teil ihres Kapitals in Zinspapiere investiert - anders als der Milliardär aus Omaha. „Und wenn dann Titel aus früheren Jahren mit den damals höheren Zinsen fällig werden, tut man sich im jetzigen Umfeld niedriger Zinsen schwer mit der Wiederanlage", sagt Thomas Bargl, Partner bei Faros, einer Beratungsfirma für institutionelle Investoren.

Bargl beobachtet: „Bei Tilgung von Anleihen fließt das frei werdende Geld dann eher in Unternehmensanleihen, wo es noch höhere Renditen gibt, oder es geht eben auf das Cashkonto."

Zahlen decken die Beobachtungen des Beraters. Die Bundesbank weist die Barbestände für einen größeren Teil der deutschen institutionellen Gelder aus, die in sogenannten Spezialfonds stecken. Es geht um jene Depots, die auf Aktien, Anleihen und bestimmte Mischstrategien ausgerichtet sind. Das waren Ende Mai immerhin 611 Milliarden Euro Kapital. In diesen Depots sind die Bankguthaben während der vergangenen eineinhalb Jahre von 23 auf 29 Milliarden Euro gestiegen.

Auch die Manager deutscher Fonds für Privatanleger können die hohen Barpositionen des Aktieninvestors Buffett nachvollziehen. Buffett bevorzugt Firmen mit stabilem Wachstum. Diese Strategie hat sich über die vergangenen Jahre hinweg bewährt und Anlegergelder angezogen. „Deshalb sind Value-Unternehmen wie Unilever, Nestlé oder BAT von Investoren so gefragt. Und die Kurse dieser Unternehmen sind entsprechend gestiegen, die Titel relativ hoch bewertet", sagt Christian Hille, Leiter Mischstrategien bei der Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft DWS. „In einem solchen Portfolio kann eine höhere Cashquote durchaus Sinn machen", glaubt er.

Sein Haus will dieser Strategie aber nicht folgen. Die DWS habe in ihren breiter angelegten Portfolios, etwa mit Pfandbriefen, Anleihen von Unternehmen oder aus Schwellenländern, keine überdurchschnittlich hohen Cashquoten. „Unsere aktuell drei bis acht Prozent liegen im Rahmen des Normalen."


Niedrige Zinsen belasten Versicherungen

Den Versicherungen machen derzeit die Minizinsen bei der Anlage ihres Kapitals schwer zu schaffen. Denn während sie etwa ihren Lebensversicherungskunden, die vor vielen Jahren einen Vertrag abgeschlossen haben, Zinsen von vier Prozent oder mehr garantieren müssen, lassen sich für ihre eigenen Anlagen solche Renditen am Kapitalmarkt derzeit kaum realisieren.

Die Gothaer Versicherung setzt deshalb derzeit auf Unternehmensanleihen mit kürzerer Laufzeit. Sie will schnell reagieren können, sobald die Zinsen wieder drehen und steigen. Dann würden nämlich schon früher wieder liquide Mittel bereitstehen, die das Unternehmen in höherverzinsliche Papiere investieren kann.

Denn die Konzernstrategen rechnen fest damit, dass es mit den Zinsen bald wieder aufwärts geht: "Im Moment haben wir ein sehr niedriges Zinsniveau, das unserer Einschätzung nach mittelfristig nicht erhalten bleibt", sagt Christof Kessler, Vorstand der Gothaer Asset Management AG.

Die Gothaer, die im vergangenen Jahr knapp 23 Milliarden Euro Kapitalanlagen verwaltet hat, parkt einen Teil ihres Anlagevermögens solange in Unternehmensanleihen zwischen. Sie haben nicht nur eine kürzere Laufzeit, sondern sind zudem besser verzinst als Staatsanleihen aus sicheren Ländern wie der Bundesrepublik, wo zehnjährige Bundesanleihen mit knapp 1,5 Prozent rentieren.

Gothaer-Finanzvorstand Jürgen Meisch zum Beispiel hat seit rund drei Jahren gezielt Unternehmensanleihen verstärkt ins Portfolio aufgenommen. Die Gesamtlaufzeit der Anlagen sei dadurch deutlich gesunken, sagt Asset-Management-Vorstand Kessler. Bei der Gothaer liegt sie inzwischen gut zwei Jahre unter dem Branchendurchschnitt.

Dagegen bewegt sich der Barbestand der Versicherungen nach Branchenschätzungen nur bei zwei bis drei Prozent der Gesamtanlagen. Beim Marktführer Allianz, der ein Investmentportfolio von rund 480 Milliarden Euro betreut, sind es 6,3 Milliarden Euro. Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re muss Gelder über insgesamt 216 Milliarden Euro anlegen. Der Bestand an Barmitteln liegt derzeit bei rund zwei Prozent.

Für die Versicherungen ist eine ordentliche Rendite wichtig, da die Gefahr groß ist, dass Kunden abwandern, sobald die Zinsen wieder steigen.


Unternehmen halten sich bei Investitionen zurück

Unternehmen stehen in der Euro-Schuldenkrise vor ganz ähnlichen Herausforderungen wie Privatanleger auch: Einerseits gibt es momentan am Markt wenig Möglichkeiten, das Geld sinnvoll zu investieren - beispielsweise in Akquisitionen. Andererseits erhalten die Firmen aber kaum Zinsen, wenn sie es bei Banken parken.

So ist denn bei deutschen Großkonzernen bisher auch noch kein Trend absehbar, dass sie verstärkt die zweite Möglichkeit nutzen. Bei jenen Unternehmen im Deutschen Aktienindex (Dax), die bereits ihre Halbjahresergebnisse vorgelegt haben, sind die flüssigen Mittel mit insgesamt 69 Milliarden Euro seit Ende 2011 nahezu konstant geblieben. Die kurzfristigen Finanzanlagen weist nicht jedes Unternehmen separat aus. Und diejenigen Firmen, bei denen sich der Wert in den vergangenen sechs Monaten erhöht hat, betonen, dass dies mit dem operativen Geschäft zusammenhänge.

Bei Fresenius heißt es etwa, dass die Erlöse aus der Kapitalerhöhung noch nicht investiert worden seien, da das Übernahmeangebot für die Rhön-Kliniken zunächst nicht zustande gekommen ist. Das Geld sei deshalb zwischenzeitlich angelegt worden.

In Wirtschaftsprüferkreisen heißt es dennoch, dass Unternehmen sich mit Investitionen zunehmend zurückhielten. Sie ließen sich deshalb verstärkt beraten, was sie mit ihrem Geld machen sollten, sagt einer, der namentlich nicht genannt werden will: „Die meisten Unternehmen legen ihre liquiden Mittel kurzfristig an. Wenn sie ihr Geld bei Banken parken, schauen sie derzeit aber genau auf deren Rating."

In einem drohenden Abschwung liegen die Herausforderungen vieler Unternehmen aber nicht in erster Linie darin, ihre Liquidität gut anzulegen. Bei rückläufigen Umsätzen und Cash-Flows geht es vielmehr darum, überhaupt die Liquidität zu sichern. Klaus Heininger von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Falk & Co. beobachtet daher bei einigen Mittelständlern den Trend, dass sie ihre Liquidität lieber im Unternehmen behalten oder kurzfristig anlegen, anstatt Finanzschulden zurückzuführen. „Damit wollen sie sichergehen, dass sie über die finanziellen Mittel verfügen, wenn sich eine Investitionsmöglichkeit anbietet."

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 08.08.2012, 21:45 Uhrmichel

    Die Zahlen beweisen das grundsätzliche Problem dieses Währungs- und Schuldendramas. Es fehlt kein Geld, nur der Geldfluss in die Realwirtschaft ist gestört. Die großen Geldbesitzer scheuen Risiken bei der Geldvergabe, erkennen keine Zukunfstinvestitionen ohne Risiko, erwarten bei der Lage keine Konsumimpulse usw. Da wird das Geld halt irgendwo sinnlos geparkt ohne Nutzen für die Gemeinschaft. Diese hat sich inzwischen für den Konsum und das Wachstum der Vergangenheit so hoch verschuldet, das es keine neuen Kredite mehr aufnehmen kann oder will. Somit kommt der Geldfluss zum Stillstand und mit ihm die gesamte Realwirtschaft. Derweil versuchen hilflose, völlig überforderte Politiker mit neuem zusätzlichem Geld (auf Kredit mit Zinsen) den Geldkreislauf wieder anzuschieben. Gelingt natürlich nicht, da die Geldverteiler dieser neuen Liquidität lieber damit spekulieren oder ihre desolaten Bilanzen polieren. Es muss doch mal auffallen, das nicht fehlendes Geld das Problem ist sondern die Geldverteilung und der Geldfluss. Die 100 Mrd. direkt an alle spanischen Haushalte verteilt hätte wirtschaftlich mehr gebracht als es den Banken zu geben. Das kommt überhaupt nicht in der Realwirtschaft an. Solange dieses Grundproblem nicht gelöst wird ist jede Rettungsmaßnahme ein Witz. Wenn die großen Geldbesitzer nicht gezwungen werden können ihr Kapital in den Kreislauf einzubringen ohne diesen durch viel zu hohe Zinsen zu zerstören wird es allerhöchste Zeit Maßnahmen zu ergreifen, Rettungsgelder der EZB direkt in die Realwirtschaft zu dirigieren, und zwar zu Konditionen, die zur Problemsituation passt. Steuerentlastungen niedriger Einkommen landen z. B. komplett direkt im Konsum. Es ist völliger Blödsinn, große Bevölkerungsteile mit niedrigen Löhnen und Renten die Zeche zahlen zu lassen. Das Geld ist ja da, leider nur in wenigen Händen und damit ein Klumpenrisiko der Weltwirtschaft. Ist das denn so schwer zu verstehen?

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