Anleihegläubiger ausgebootet: Wie Anleger in die Insolvenzfalle tappen

Anleihegläubiger ausgebootet: Wie Anleger in die Insolvenzfalle tappen

von Annina Reimann, Hauke Reimer und Henryk Hielscher

Das Ganze wirkt wie ein abgekartetes Spiel: Zahlungsschwache Unternehmen verkaufen für Milliarden Euro Anleihen an Privatanleger. Und dann kommt ein neues Gesetz, das es den Unternehmen leicht macht, diese Anleger flott zu enteignen.

Das mit der Energiewende hatte sich Betriebswirt Alfons Busch ganz anders vorgestellt, als er im Sommer 2011 sein Geld in Windenergie investierte. Die Bundesregierung hatte nach der japanischen Reaktorkatastrophe Deutschlands grüne Zukunft ausgerufen und Atomkraftwerke stillgelegt. Busch kaufte die Anleihe der Siag Schaaf Industrie AG. Der Windanlagenbauer aus der rheinischen Provinz war ein globales Unternehmen, Standorte in den USA, Singapur, Asien – was kostet die Welt? Doch im März 2012, acht Monate, nachdem Busch gezeichnet hatte, war Siag zahlungsunfähig. Für Busch wird die Energiewende nun teurer als für jeden Stromkunden. Nach der gerade abgeschlossenen Siag-Sanierung dürfte der 62-Jährige pro 1000 investierten Euro noch drei Euro und 40 Cent zurückerhalten.

Anderen bekam Siag besser: Berater und Anwälte haben gut verdient – die einen bei Auflegung der Anleihe, die anderen bei der Enteignung der Anleger. Auch die Deutsche Kreditbank (DKB), eine Tochter der Bayerischen Landesbank, seit Beginn am Anleihen-Trauerspiel beteiligt, zog sich prächtig aus der Affäre. Während Anleihegläubiger wie Busch mager abgefunden werden, gehen alle Siag-Anteile nun zunächst auf eine Beteiligungstochter der DKB über. Siag wurde einen Berg Schulden los, ist profitabel und muss jetzt nur noch die verbliebenen DKB-Kredite bedienen.

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Siag Schaaf

  • Branche

    Windkraftzulieferer

  • Anleihevolumen

    ca. 13 Mio. Euro

  • Mindestquote nach Insolvenzplan

    0,34 Prozent

  • Status

    Nach Insolvenz vorläufig saniert

ESUG

Solche Verfahren können Unternehmen heute binnen weniger Monate durchziehen. Möglich macht dies ein seit dem 1. März 2012 geltendes neues Gesetz zum Insolvenzrecht, das „Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen“ (ESUG). Sein Kern: Unternehmen in Schieflage können sich drei Monate unter einen Schutzschirm flüchten.

In dieser Zeit sollen sie einen Sanierungsplan erarbeiten und sind vor Gläubigern geschützt. Im Unternehmen übernimmt nicht ein vom Gericht eingesetzter unabhängiger Insolvenzverwalter die Regie, sondern der Vorstand darf weitermachen. Ihm wird ein „Sachwalter“ zur Seite gestellt, den er in der Regel selbst bestimmt. Binnen drei Monaten muss ein Rettungsplan entwickelt werden. Danach wird das Insolvenzverfahren eröffnet, innerhalb dessen das Unternehmen saniert werden soll. Gewählt haben diesen Weg neben Siag Schaaf etwa Solarzulieferer SiC Processing, das Solarunternehmen Solarwatt und Immobilienentwickler WGF.

Weitgehend vom Unternehmen gesteuerte Sanierung

Die weitgehend vom Unternehmen gesteuerte Sanierung geht, das kristallisiert sich bei den bisher nach dem neuen Verfahren abgewickelten Insolvenzen von börsennotierten Unternehmen heraus, vor allem zulasten der Anleger. Die haben über drei Milliarden Euro in rund 70 börsennotierte Mittelstandsanleihen gepumpt. Damit die Anleger anbissen, haben Unternehmen ihnen Zinskupons bis 11,5 Prozent versprochen – selbstmörderische Zinssätze, die immer mehr nicht erwirtschaften können; Belastungen, die viele gerne wieder loswürden. Anwaltskanzleien und Berater, kritisieren Investoren, ziehen derzeit durch die Lande und preisen das neue Gesetz als Königsweg zur Entschuldung an.

Die bayrische Dependance der renommierten Kölner Wirtschaftskanzlei Görg etwa präsentierte jüngst bei einem Mandantenfrühstück ihren Klienten „Neue Chancen der Sanierung“. Über den Dächern von München, mit Panoramablick auf die Frauenkirche und die Kuppel der Theatinerkirche, wussten die insolvenzerfahrenen Anwälte Erfreuliches zu berichten.

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