Anleiheprofi Martin Harvey: "Die Europäische Zentralbank ist nicht aggressiv genug"

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InterviewAnleiheprofi Martin Harvey: "Die Europäische Zentralbank ist nicht aggressiv genug"

von Andreas Toller und Kerstin Dämon

Threadneedle-Fondsmanager Martin Harvey ist überzeugt, dass die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank nicht einmal einen Sturm im Wasserglas erzeugen werden und dass Draghi nicht mehr zurück kann.

WirtschaftsWoche: Die EZB will ihre Geldpolitik weiter lockern, um der Wirtschaft insbesondere der Peripheriestaaten auf die Sprünge zu helfen. Halten Sie die geplante Zinssenkung der Europäischen Zentralbank für ungeeignet?
Martin Harvey: Nein, ungeeignet sind die Maßnahmen nicht. Die EZB muss sich den geänderten Bedingungen stellen: die geringen Inflationserwartungen und das moderate Wirtschaftswachstum beeinflussen alle weiteren Lockerungsmaßnahmen. Das Problem, dass die EZB hat, ist dass sie kein einfaches Werkzeug hat, um auf beide Fälle zu reagieren. In den USA, Großbritannien oder Japan ist es ganz leicht, die Menge des Zentralbankgeldes über den Handel mit Staatsanleihen zu erhöhen. Im Falle der EZB ist das nicht möglich, weil viel zu viele Länder involviert sind. Derzeit versucht die EZB geeignete Maßnahmen zu finden, um bestimmte Wirtschaftszweige, in diesem Fall kleine Betriebe, zu erreichen und dafür zu sorgen, dass die Kredite bei ihnen ankommen. Das wäre deutlich effektiver, wenn wir ein steigendes Wirtschaftswachstum hätten. Im Umfeld einer schwachen Währung ist es wahrscheinlich weniger effektiv.

Martin Harvey ist seit 2006 Anleihefondsmanager bei Threadneedle. Neben anderen verwaltet den 236 Millionen Euro schweren JPM Global Bond

Martin Harvey ist seit 2006 Anleihefondsmanager bei Threadneedle. Neben anderen verwaltet den 236 Millionen Euro schweren JPM Global Bond

Glauben Sie, dass die Europäische Zentralbank den Euro trotz einer Zinssenkung stabilisieren kann?
Der Euro ist bereits erheblich gesunken, nachdem die EZB im vergangenen Monat angekündigt hat, den Zins zu senken. Deshalb glaube ich nicht, dass die anstehenden Maßnahmen zu einer weiteren Schwächung führen. Dafür müsste die EZB schwerere Geschütze auffahren. Mittelfristig gehen wir aber davon aus, dass der Euro schwächer wird. Das liegt aber mehr an der Geldpolitik der USA als an der europäischen. Wenn die US-Wirtschaft auch 2015 ihre Lockerungsmaßnahmen fortsetzt, wird das den Dollar stärken und den Euro schwächen.

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Die Folgen der EZB-Niedrigzinspolitik

  • Verminderter Reformdruck auf Krisenländer

    Werden die Zinsen künstlich abgesenkt, so verringert sich der Reformdruck auf Regierungen und Banken, ihre Haushalte beziehungsweise Bilanzen zu verbessern.

  • Fehlinvestitionen werden künstlich am Leben gehalten

    Ein künstlich tief gehaltener Zins verhindert, dass unprofitable Investitionsprojekte also Fehlinvestitionen aufrecht und befördert werden.

  • Spekulationswellen

    Künstlich tiefe Zinsen lösen (inflationäre) Spekulationswellen aus, führen zu „Boom-and-Bust“-Zyklen: überhitzte Situationen, in denen, wenn niemand mehr bereit ist, Kredite zu finanzieren, alles in sich zusammenbricht.

  • Schulden steigen

    Künstlich niedrig gehaltene Zinsen befördern die Schuldenwirtschaft, insbesondere die der Staaten und der Bankenindustrie.

Wenn die EZB nun den Zins senkt, werden Banken dann wieder mehr Anleihen kaufen?

Ich glaube, es sind eher die Gewinnaussichten, die die Anreize für die Banken schaffen, um Anleihen zu kaufen. Diese Geldpolitik soll die Banken vielmehr dazu bringen, ihr Geld schneller in Umlauf zu bringen. Trotzdem wird sicherlich eine gewisse Menge an Liquidität bei den Banken bleiben. Es ist nur die Frage, wie viel.

Wird sich ein negativer Einlagenzins auf die Liquidität auswirken?
Ich glaube nicht, dass ein Einlagenzins von minus 0,1 Prozent einen Unterschied macht. Eventuell werden die Auswirkungen geringer ausfallen, als sich das Geldpolitik-Komitee der EZB gedacht hat.

Mit welchen Auswirkungen auf den Anleihemarkt rechnen Sie?
Auf dem Anleihenmarkt hat es bereits seit einem Monat keine großen Bewegungen mehr gegeben: Die Preise für Anleihen sind seit längerem rückläufig und auf einem niedrigen Niveau. Dementsprechend erwarte ich keine großen Reaktionen, so lange es in den nächsten Monaten keine Anzeichen für eine aggressivere Notenbankpolitik gibt.

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