Bargeld-Studie: Warum ein Bargeld-Verbot kaum Verbrechen verhindert

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Bargeld-Studie: Warum ein Bargeld-Verbot kaum Verbrechen verhindert

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von Andreas Toller

Die EZB stampft Ende 2018 den 500-Euro-Schein ein. Hauptargument: Der Kriminalität die Geschäftsgrundlage entziehen. Aber eine Studie der Deutschen Bank legt nahe, dass diese Begründung Augenwischerei ist.

Fast genau vor einem Jahr, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2016, überraschte der britische Chef der Deutschen Bank, John Cryan, die versammelte Wirtschaftselite während einer Podiumsdiskussion mit einer kühnen These: "In zehn Jahren wird es keinen Bedarf für Bargeld mehr geben. Cash ist als Zahlungsmittel unglaublich ineffizient und teuer."

Banknoten und Münzen würden verschwinden und durch elektronische Zahlungsmittel ersetzt. Warum sollten die Menschen noch umständlich am Geldautomaten Bargeld holen, wenn doch ausreichend Technologien vorhanden seien, um Bargeld zu ersetzen.

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Damals reagierten die Anwesenden überwiegend mit Skepsis, denn weltweit werden noch immer 85 Prozent des Zahlungsverkehrs in bar abgewickelt. Doch im Mai vergangenen Jahres wagte die Europäische Zentralbank (EZB) einen deutlichen Schritt in die vom Deutsche-Bank-Chef skizzierte Zukunft. EZB-Chef Mario Draghi kündigte an, dass ab Ende 2018 keine 500-Euro-Banknoten mehr ausgegeben werden würden und so sukzessive aus dem freien Bargeldverkehr zurückgezogen würden. Die Begründung: Eine erleichterte Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorfinanzierung.

Das formulierte Ziel halten Kritiker allerdings für vorgeschoben, letztlich ginge es vielmehr um die Kontrolle über das Geldvermögen der Bürger in der Euro-Zone, zum Beispiel um besser negative Zinsen durchsetzen zu können. Und ausgerechnet eine Studie der Deutschen Bank gibt diesen Skeptikern neue Nahrung, denn ob durch die Abschaffung der größten Euro-Banknote tatsächlich die Geld-Kriminalität wirksam eingedämmt werden kann, ist nach den Erkenntnissen der Studienautoren zumindest zweifelhaft und wirft die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Maßnahme auf.

Studienergebnisse schüren Zweifel an den Absichten der EZB

Die Deutsche-Bank-Studie mit dem Titel „Bargeld, Freiheit und Verbrechen – Bargeld in der digitalen Welt“ ist bereits im November 2016 auf Englisch erschienen, seit einer Woche liegt sie auch in deutscher Übersetzung vor. Das zentrale Ergebnis: Eine Abschaffung von Bargeld wird gewinnorientierte Kriminalität nicht beseitigen. Für illegale Transaktionen gäbe es Alternativen zum Bargeld, selbst wenn diese für die Akteure mit höheren Kosten als beim Bargeld verbunden seien. Demgegenüber stehen deutliche Vorteile beim Bargeld hinsichtlich Datenschutz und Bürgerrechten gegenüber.

10 Fakten über den 500 Euro-Schein

  • 1. Nur 200 Euro-Schein ist seltener

    Ende des Jahres 2015 waren genau 613.559.542 500 Euro-Scheine im Umlauf. Dies entspricht einem Wert von 306.779.771.000 Euro. Laut EZB ist somit nur der 200 Euro-Schein noch seltener im Umlauf.

  • 2. Heimlich eingezogen

    Im März 2016 waren es nur noch 594.417.006 Scheine, fast 20 Millionen Scheine wurden bereits still und heimlich von der Zentralbank eingezogen. 

  • 3. Der Bin Laden unter den Scheinen

    In Spanien wird der 500er “Bin Laden” genannt: Alle wissen, dass der Schein existiert - aber fast niemand hat ihn je gesehen. 

  • 4. Kaum akzeptiert

    Der Hauptgrund für die Abschaffung des Scheins sind seine Nutzer. Besonders bei Geldwäsche oder im Drogenhandel ist der Fünfhunderter beliebt, denn es sind keine riesigen Geldkoffer von Nöten, um Gelder zu transferieren. Viele Geschäfte akzeptieren ihn nicht einmal.

  • 5. Billige Produktion

    Die Produktion eines Scheins mit dem Wert von 500 Euro kostet acht Cent.

  • 6. Keine Neuauflage

    Im Jahr 2002 wurde der Euro in Bargeldumlauf gebracht, seit 2013 werden nach und nach die Scheine durch neue, fälschungssichere Banknoten ersetzt. 50, 100, 200 und 500 sind von dieser Neuerung bis jetzt ausgenommen. Bei Letzterem erübrigt sich nun der Aufwand. 

  • 7. In der Hand der Kriminellen

    Im April 2010 stoppten englische Wechselstuben die Ausgabe von 500 Euro-Scheinen. 90 % aller 500er-Noten in England sollen sich im Besitz der organisierten Kriminalität befinden.

  • 8. Meiste Scheine in Spanien

    Die meisten 500 Euro-Scheine befinden sich in Spanien. Angeblich ein Viertel der Scheine im Umlauf soll in dem südeuropäischen Land zirkulieren - und das obwohl Spanien nur 9,264 % des BIP der Euro-Zone verantwortet. 

  • 9. Größter Schein

    Mit den Maßen 160 x 82 Millimeter ist er der größte Schein. Genau wie auf den anderen Euro-Noten ist auf ihm ein Architekturstil abgebildet und u.a. mit den Sicherheitsmerkmalen Wasserzeichen, Hologramm und Stichtiefdruck ausgestattet. Ein Schein wiegt 1,12 Gramm - würde man einen Koffer mit tausend Scheinen im Wert von einer halben Million Euro mit sich herumtragen, würde der Inhalt gerade mal etwas mehr als ein Kilo wiegen. 

  • 10. Teure Abschaffung

    Im günstigsten Fall wird die Abschaffung des Scheins rund eine halbe Milliarde Euro kosten. Den Hauptteil wird die Produktion neuer, kleinerer Scheine wie Hunderter und Zweihunderter ausmachen, um den Wert der Fünfhunderter zu decken. 

Die Datenlage zum Bargeldverkehr ist naturgemäß dünn, denn Bargeldtransfers erfordern weder elektronische Hilfsmittel noch irgendeine Form der Dokumentation. Aber schon aufgrund dessen, was an Untersuchungen über den Bargeldgebrauch vorliegt, widerlegt Heike Mai, Autorin der Bargeld-Studie von Deutsche Bank Research, dass bargeldintensive Gesellschaften stärker von Korruption und Schattenwirtschaft betroffen sind. Der Begriff Schattenwirtschaft schließt dabei sowohl grundsätzlich legale, aber unversteuerte Geschäfte, als auch Schwarzarbeit und gewinnorientierte Kriminalität wie Drogen- und Menschenhandel, Betrug oder Diebstahl ein.

Mehr Bargeld bedeutet nicht automatisch mehr Kriminalität

Geldkriminalität erfordert grundsätzlich die sogenannte Geldwäsche, um den illegalen Einnahmen einen legalen Anstrich zu geben. Bei der Betrachtung bargeldintensiver Länder wie Deutschland fällt auf, dass dort trotz häufiger Bargeldnutzung der Schattensektor relativ klein ist, in Österreich ist die Situation sogar noch etwas besser, trotz noch intensiverer Bargeldnutzung. In Schweden hingegen, wo nur noch selten Bargeld zum Einsatz kommt, ist der Schattensektor noch immer mittelgroß. Innerhalb Europas gilt vor allem für Spanien, Italien und Griechenland, dass deren intensive Bargeldnutzung mit einem großen Schattensektor einhergeht. Umgekehrt ist in angelsächsischen Ländern, der Schweiz, Niederlanden und Frankreich tatsächlich zu beobachten, dass eine geringe Barquote mit geringer Schattenwirtschaft zusammenfällt. Der Zusammenhang zwischen Bargeld und illegalen Geldgeschäften ist somit zwar zu beobachten, aber keineswegs zwingend. Diese Aussage gilt grundsätzlich auch beim Thema Korruption.

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