Blackrock-Ökonom: "Great Britain läuft Gefahr, 'Little England' zu werden"

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InterviewBlackrock-Ökonom: "Great Britain läuft Gefahr, 'Little England' zu werden"

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Die Briten haben in einem Referendum für den Austritt aus der EU gestimmt. Das hat die Börsen weltweit auf Talfahrt gebracht.

von Georg Buschmann und David Sauer

Das Brexit-Votum der Briten hält die Börse weiter in Atem. Blackrock-Chefanlagestratege Martin Lück erklärt, womit Anleger rechnen müssen und wie es um die britische Gesellschaft bestellt ist.

WirtschaftsWoche Online: Die Briten haben für den Brexit gestimmt, Großbritannien möchte die EU verlassen. Die Märkte haben das mit massivem Kursverfall quittiert. Wie überrascht sind Sie vom Ergebnis?
Herr Martin Lück: Die Briten haben eine völlig irrationale Entscheidung getroffen. Man hat ihnen immer eine gewisse wirtschaftliche Vernunft unterstellt. Diese Entscheidung aber widerspricht jeder Vernunft, das hat mich überrascht. Dass die Marktreaktion mit diesem Ergebnis so heftig ausfällt, überrascht aber weniger.

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Martin Lück, Ökonom beim weltweit größten Vermögensverwalter Blackrock Quelle: PR

Martin Lück, Anlagestratege beim weltweit größten Vermögensverwalter Blackrock

Bild: PR

Das Pfund hatte in den letzten Monaten bereits etwa zehn Prozent nachgegeben. Viele Beobachter dachten, die Angst vor einem möglichen Brexit sei in Teilen bereits „eingepreist“. Offenbar eine Fehleinschätzung.
In den vergangenen Tagen hat eine aus meiner Sicht irrational positive Stimmung an den Börsen geherrscht. Nach dem furchtbaren Mord an der Abgeordneten Jo Cox dachten viele Beobachter offenbar, dass die Wogen sich nun glätten würden. Über den Schock aber hat sich die fundamentale Einstellung vieler Briten nicht geändert. Gegen die Intuition haben viele Marktteilnehmer wieder Risikopositionen aufgebaut, das Pfund hat in der Woche vor dem Referendum wieder kräftig aufgeholt. Dass die Märkte bei diesem Ausgang dann komplett auf dem falschen Fuß erwischt wurden, ist nicht verwunderlich - und erklärt die heftigen Abverkäufe und entsprechend das Plus bei Krisenwährungen wie Gold oder Dollar.

Zur Person

  • Martin Lück

    Martin Lück ist Chefanlagestratege des US-Vermögensverwalter Blackrock für Deutschland, Österreich und Osteuropa. Zuvor war er in ähnlicher Position bei der Schweizer Bank UBS tätig. Lück ist promovierter Volkswirt.

Wie erklären Sie sich die branchenweite Fehleinschätzung der Lage?
Es gab zwei irrationale Momente. Das eine ist das Risiko, das viele Investoren aufgebaut haben. Sie waren zu optimistisch, dass Großbritannien drin bleibt. Irrational war aber auch das Referendum selbst mitsamt seinem Ausgang. Das alles beruht auf falschen Versprechen verantwortungsloser Populisten. Das, was das Brexit-Camp den Leuten erzählt, ist in weiten Teilen von Übertreibungen und sogar Lügen geprägt. Damit fügen die Briten sich selber massiven wirtschaftlichen Schaden zu.

Falsche Versprechen scheinen schon jetzt zu bröckeln. Brexit-Anführer Nigel Farage hatte angekündigt, die 350 Millionen Pfund, die Großbritannien angeblich wöchentlich an die EU überweist, sofort ins Gesundheitssystem zu investieren. Davon hat er bereits am Freitag, kurz nach Bekanntgabe des Ergebnisses, Abstand genommen.
Das muss man sich mal vorstellen. Nicht nur, dass die Zahlen hinten und vorne nicht stimmen. Sogar auf Boris Johnsons Wahlkampfbus stand das geschrieben. Das ist offensichtlicher, platter Populismus, von dem die Menschen sich haben einfangen lassen.

Welche langfristigen Auswirkungen erwarten Sie durch das Brexit-Votum an den Finanzmärkten?
Wie es langfristig weitergeht, ist schwer abschätzbar. Denn dass die Briten tatsächlich austreten, ist noch nicht sicher; das Referendum an sich ist nicht bindend. Populisten der „Leave“-Fraktion rudern mit ihren Versprechungen wie erwähnt schon zurück. Entscheidend wird sein, wie sich die EU positioniert. Möglicherweise baut sie den Briten noch einige goldene Brücken. Es ist daher nicht komplett absurd, dass sich Briten und EU am Ende doch noch auf einen Verbleib einigen. Entsprechend bleiben die Unwägbarkeiten erstmal groß. Das spricht für hohe Goldpreise und niedrige Anleiherenditen, weil Anleger Sicherheit suchen.

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