
DüsseldorfDie Euro-Schuldenkrise ist zurück und hat die Märkte im Würgegriff. Die Renditen von Anleihen der Sorgenkinder Spanien oder Italien sind nach oben geschossen, die Aktienmärkte haben deutlich Federn gelassen. Der deutsche Aktienindex Dax hat allein seit Anfang April gut 400 Punkte verloren, von seinem bisherigen Jahreshoch bei fast 7200 Punkten am 19. März ist er fast 600 Punkte abgerutscht. Zeit zu reagieren und die verbleibenden Gewinne zu retten oder wenigstens weitere Verluste zu vermeiden? Schließlich könnte man die Aktien oder Anleihen ja zu einem späteren Zeitpunkt günstiger zurückkaufen.
Doch das kostet. Bei jeder Order fallen Gebühren – und gegebenenfalls Steuern – an. „Das nagt an der Rendite und kann sie bei zu häufigem Hin und Her völlig aufzehren“, sagt Andreas Feiden, Geschäftsführer Fidelity Worldwide Investment. Vielen Anlegern ist das aber gar nicht bewusst. „Der Normal- oder Kleinanleger kennt nicht mal alle anfallenden Kosten, die beim Hin- und Herschaufeln der Wertpapiere anfallen“, weiß Thomas Mai, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bremen. „Wenn Wertpapiere gekauft und verkauft werden, kommen meistens erst mal Banken und Vermittler auf ihre Kosten.“
Kein Wunder, dass Experten vor häufigem Umschichten des Depots warnen. Kaum eine Börsenweisheit ist so unumstritten wie diese: „Hin und her macht Taschen leer.“ Die einfache Regel warnt vor ständigem Kaufen und Verkaufen sowie den damit verbundenen Kosten.
Je nach Broker und Handelssumme oder auch Anlageprodukt können die Gebühren immens sein. Beim Kauf mancher Fonds beispielsweise fallen Ausgabeaufschläge in Höhe von fünf Prozent an – fünf Prozent, die ein Fonds erst mal wieder einfahren muss. Auch bei Aktien- und Anleiheorders fallen Gebühren an, wenn auch deutlich geringere. Investoren wurmen diese Kosten, trotzdem versuchen sie immer wieder, durch Umschichten ihre Rendite zu erhöhen – oder zumindest Verluste zu vermeiden. „Anleger unterliegen der Macht der Emotionen“, weiß Patrick Hussy vom Analysehaus Sentix. Der Experte für Börsenpsychologie kennt sich aus mit der Gier der Anleger – und den Fehlern, die gierige Anleger machen.
Die Jagd nach noch mehr Rendite ist auch gar nicht so einfach. „Anleger wissen zwar, was in der Vergangenheit gut gelaufen ist“, so Feiden. „Die Renditebringer der Zukunft können sie aber nicht genau vorhersagen.“ Deshalb besteht die große Gefahr, dass Anleger falsch liegen.
Kosten nagen merklich am Vermögen
Wie schwierig es ist, die jeweils renditestärkste Anlageklasse zu erwischen, zeigt die Wertentwicklungen von Aktien, Anleihen oder Rohstoffen in jüngster Zeit. In den vergangenen beiden Jahren wäre es am lukrativsten gewesen, in Gold investiert zu sein. Dagegen schlugen 2009 europäische Aktien Gold knapp. 2008 hätten Anleger mit Anleihen die Nase vorn gehabt. Von 2003 bis 2005 liefen Aktien am besten – aber nicht immer dieselben. „Anleger sollten ihren Entscheidungen langfristig treu bleiben und nicht der Versuchung zum Wechseln erliegen“, rät der Fidelity-Experte deshalb und verweist auch gleich auf ein weiteres Problem. Das neue Produkt muss sich besser entwickeln als das bisherige, um die beim Wechsel fälligen Gebühren und Steuern auszugleichen. Sonst erleidet der Anleger tatsächlich Verluste.
Wie stark die Kosten am Vermögen nagen, zeigt das folgende Rechenbeispiel: Investiert ein Anleger 10.000 Euro mit einer jährlichen Rendite von drei Prozent und lässt sie liegen, werden daraus in zehn Jahren 13.439 Euro. Veräußert er die Anteile allerdings nach fünf Jahren, weil er auf eine vermeintlich lukrativere Chance setzen will, verlangt der Fiskus 25 Prozent vom bisher erzielten Gewinn. Von den in diesen fünf Jahren angesparten 11.593 Euro bekommt der Staat Steuern in Höhe von 398 Euro (ohne Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer und vorausgesetzt, für die Geldanlage gilt schon die Abgeltungsteuer).
Dem Anleger bleiben dadurch nur noch 11.195 Euro, die er neu investieren kann. In diesem Fall müsste er also in den folgenden fünf Jahren schon eine Wertentwicklung von 3,7 Prozent pro Jahr erzielen, damit er nach einem Jahrzehnt ebenfalls über 13.439 Euro verfügt.
Das Beispiel zeigt: Kosten sind der größte Feind der Rendite – langfristig, also auf Sicht mehrerer Jahre, aber vor allem auch kurzfristig. Trotzdem gibt es sogenannte Daytrader, die durch schnelles Kaufen und Verkaufen – oft binnen weniger Minuten – hohe Gewinne erzielen möchten. Für sie sind die Gebühren noch viel entscheidender. „Ein „Daytrader“ achtet schon sehr akribisch darauf, zumindest so kostengünstig wie möglich vorzugehen“, sagt Thomas Mai. Der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bremen bezweifelt, dass Daytrader dauerhaft erfolgreich sein können. Es sei zwar grundsätzlich nicht ausgeschlossen, innerhalb von kurzer Zeit durch das tägliche Handeln mit Wertpapieren an der Börse zu einem Vermögen zu kommen. Aber schon professionelle Anleger benötigten sehr viel Erfahrung, Zeit und Fleiß sowie eine gehörige Portion Kapitalrücklage um die verlustreichen Phasen und Rückschläge zu überstehen und zu verkraften.
„Ich denke, dass es nur ganz Wenigen überhaupt gelingt, über die Jahre hinweg zu einem überdurchschnittlichen Vermögen zu kommen, ohne es gleich wieder verloren zu haben“, sagt Mai. Auf Dauer bestehe vermutlich nur die Chance auf durchschnittlichen Erfolg, wenn die Mehrzahl der vielen täglichen Einzelgeschäfte erfolgreich sei. Ansonsten gelte wohl ganz klar: Hin und Her macht Taschen leer.
Auch Christoph Bruns ist skeptisch. „Der kurzfristige Handel an der Börse ist ein Geschäft für professionelle Adressen“, sagt der Fondsmanager von Loys. „Sie haben die technischen und personellen Ressourcen, um dieses Geschäft profitabel zu betreiben.“ Heutzutage werde der Handel zunehmend von Computerprogrammen gesteuert, die eine schnelle Signalauswertung und -umsetzung ermöglichen würden. „Daran kann man erkennen, dass für Privatanleger hier kein Platz ist, weil die professionellen Wettbewerber bessere Erfolgsvoraussetzungen mitbringen“, so Bruns. Übersetzt heißt das für Privatanleger: Außer Spesen nichts gewesen.
Dem Wechselzwang entgehen
Die Weisheit richtet sich also vor allem gegen das Daytrading. Sie ist ein Plädoyer für die langfristige Geldanlage. „Transaktionskosten und Emotionen sind im kurzfristigen Handeln eine Bürde“, sagt Sentix-Experte Hussy. „Die Anleger sollten sich eher auf mittelfristige Trends konzentrieren.“
Immer mehr Anleger nehmen sich – ob bewusst oder unbewusst – die Börsenweisheit auch zu Herzen. Das sei nicht zuletzt an dem „klaren Trend zu passiven Strategien zu erkennen“, sagt Verbraucherschützer Mai. Vor allem börsengehandelte Indexfonds – sogenannte Exchange Traded Funds (ETFs) – werden immer beliebter. ETFs bilden die Entwicklung von Indizes, egal ob Aktien, Anleihen, Währungen oder Rohstoffe, nahezu eins zu eins ab. „ETFs eignen sich, um Vermögen langfristig auf verschiedene Märkte zu streuen und nur alle paar Jahre mal Korrekturen vorzunehmen“, so Mai. Das sei aber nicht im Interesse der Banken, denn die ETFs sind sehr günstig. Banken verdienen an ihnen kaum. Die Kosten liegen nur bei einem Bruchteil der Ausgabeaufschläge und Managementgebühren aktiv gemanagter Fonds. „Leider sind es Finanzberater, die mir immer wieder gerne einen neuen Fonds verkaufen wollen, dann sind es wieder Zertifikate einer Bank die nach ein paar Jahren automatisch auslaufen, sodass automatisch wieder neue gekauft werden müssen, wofür selbstverständlich wieder neue Kaufgebühren anfallen“, ärgert sich der Verbraucherschützer.
Wer breit streuen und sich dabei lieber auf die Expertise von Profis verlassen möchte, kann den „Wechselzwang“ auch durch einen Mischfonds umgehen. Diese aktiv gemanagten Fonds bieten einen Mix aus verschiedenen Anlageklassen – je nach Fonds von Aktien über Anleihen und Geldmarktprodukten bis zu Rohstoffen und Immobilien. Verbraucherschützer raten aber, sich die Produkte genau anzuschauen. „Hin und Her kann auch passieren, ohne dass ich einen Finger rühre - wenn ich Anteile an einem Investmentfonds besitze“, sagt Mai.
Der Verbraucherschützer rät vor allem von teuren Dachfonds oder Fondspolicen ab, die gleich auf mehreren Ebenen mehrfach Kosten haben. „Investmentfonds gehen immer mehr dazu über ihren gesamten Fondsbestand übers Jahr mindestens einmal umzuschlagen“, warnt er. „Die dadurch verursachten Transaktionskosten wurden bisher immer klein geredet.“ Diese sollten aber - anders als mit einem halben Prozent angenommen - bei Aktienfonds im Schnitt sogar deutlich über ein Prozent betragen. „Diese Transaktionskosten fallen also zusätzlich neben den eigentlich bekannten Verwaltungskosten eines Fonds an“, sagt der Finanzexperte. „Neben hohen Verwaltungs- und Transaktionskosten machen auch hohe Kaufs- und Verkaufsgebühren häufiges Wechseln unattraktiv, wenn man auf Dauer nicht mit leeren Händen dastehen möchte.“
Kaum eine Börsenweisheit ist wohl so wahr wie „Hin und Her macht Taschen leer.“ Sehen Anleger sich genauer an, welche Folgen hektisches Wechseln zwischen zwei Investments hat, dürften sie sich meist dagegen entscheiden. Fidelity-Experte Feiden bringt es auf den Punkt: „Es ist für den Privatanleger sehr schwierig, durch Hin und Her seine Taschen voller zu machen – meist macht er sie dadurch leerer.“























