
DüsseldorfWelcher Anleger kennt das nicht? Beim Blick auf die Börsencharts besonders erfolgreicher Aktien denkt man: „Wäre ich doch bloß damals eingestiegen…“. Und wenn der Kurs dann auch noch weiter steigt und steigt und steigt, dann juckt es viele, doch noch auf den sprichwörtlich fahrenden Zug aufzuspringen. Doch das kann schief gehen, wie nicht nur André Kostolany wusste. Der legendäre Börsenaltmeister sagte einst: „Einer Straßenbahn und einer Aktie darf man nie nachlaufen. Nur Geduld: Die nächste kommt mit Sicherheit.“
Doch das mit der Geduld ist so eine Sache, wenn andere sich über dicke Kursgewinne freuen. Auch Profis kennen das. „Es gibt kaum einen Investor, der sich nicht des Öfteren angesichts verpasster Möglichkeiten gegrämt hätte“, sagt Christoph Bruns. Er selber hätte dieses Gefühl schon häufig gehabt, räumt der Chef der Fondsboutique Loys ein. „Dass wir bei Loys etwa die großartige Entwicklung der Apple-Aktie in den vergangenen zehn Jahren nicht mitgemacht haben, obwohl wir hinreichend Hinweise hatten, ist schon ärgerlich.“ Ein Unglück sei das aber nicht. Denn die an den Märkten würden sich im Laufe der Zeit neue Gelegenheit auftun.
Auch Simon Klein ist überzeugt, dass der Ausspruch des Börsenaltmeisters heute noch grundsätzlich gilt, denn ein Nachlaufen bedeute, dass Anleger einem Herdentrieb folgen. „Es ist bekannt, dass derjenige, der mit der Masse investiert, keine großen Gewinne macht“, sagt der Chef von Lyxor ETF, einem Anbieter von Indexfonds. „In effizienten Märkten sind positive und negative Informationen zu einer Aktie bereits eingepreist.“ Auch Andreas Feiden, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft Fidelity, hält es für unklug, einer Aktie hinterherzulaufen, nur weil deren Kurs gerade klettert. „Der Privatanleger weiß nicht, wann sie wieder zum Stehen kommt oder vielleicht sogar in die entgegensetzte Richtung fährt“, sagt er.
Für Investoren, egal oder privat oder institutionell, ist es aber gar nicht so einfach zu erkennen, in welche Richtung die „Straßenbahn“ künftig fahren wird und ob sich das Hinterherrennen nicht vielleicht doch noch lohnt. „Es ist fast unmöglich, das richtige Timing zum Einstieg einer Aktie zu finden“, sagt Simon Klein. Quantitative Kennziffern wie beispielsweise das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) helfen zur Orientierung, ob eine Aktie fair bewertet ist. „Bei einem KGV von mehr als zehn sollte man genau überlegen, ob das Unternehmen, in das man investieren möchte, über zukunftsweisende Produkte verfügt und auch im Vergleich zum Wettbewerb gut gerüstet ist und man möglicherweise nur hinterherläuft“, rät der ETF-Experte.
Das Börsenleben als Periode verpasster Chancen
Viele Aktien steigen aber seit Jahren. Sollte Anleger also gar nicht versuchen, auf fahrende Züge wie etwa die Aktien von Apple oder Google noch aufzuspringen? „Die Frage ist nicht pauschal zu beantworten – in jedem Fall ist die Einzeltitelauswahl für den Anleger sehr riskant“, sagt Fidelity-Geschäftsführer Feiden. „Statt auf die Richtung und Geschwindigkeit einzelner Straßenbahnen zu wetten, sollten Anleger darauf achten, dass die Bahn sie ans richtige Ziel bringt.“ Übersetzt auf die Geldanlage heißt das, auf die geeignete Strategie und dabei auf eine breite Streuung zu achten.
Man kann eben nicht bei jeder Überflieger-Aktie investiert sein. „Im Grunde lässt sich das Börsenleben des Anlegers als Periode verpasster Anlagechancen auffassen“, fasst Fondsmanager Bruns zusammen. „Daher ist es das Klügste, wenn sich der Anleger mental bereithält, bei Eintritt der nächsten Krise – auch wenn es nur eine gefühlte Krise sein mag – sich bietende Gelegenheiten wahrzunehmen.“ Das gelte übrigens vor allem in den derzeit extrem turbulenten Börsenzeiten. „In einigen Jahren werden wir die aktuelle Euro-Krise als äußerst formidable Kaufchance begreifen“, so Bruns. „Aber keine Sorge, es wird auch künftig stets aufs Neue interessante Einstiegschancen geben.“
Davon ist auch Fonds-Experte Feiden überzeugt: „Anleger müssen sich trauen, zu kaufen, wenn die Bewertungen niedrig sind. Das heißt, statt einer fahrenden Straßenbahn nachzulaufen, sollten sie einsteigen, bevor die Bahn überhaupt anfährt.“ Schließlich funktioniere diese Prinzip im Supermarkt doch quasi automatisch: Dort würde man auch zu Schnäppchen greifen und Teures meiden. „Bei der Geldanlage steht jedoch die Psyche, genauer unsere Verlustaversion, diesem grundsätzlich richtigen Impuls im Weg“, ergänzt er. „Die meisten Privatanleger kaufen erst, wenn sie sicher sind, dass Kursanstiege von Dauer sind.“ Gerade aktuell ist das aber keine gute Strategie: Experten sind überzeugt, dass es an der Börse auch mittelfristig noch stark auf und ab gehen wird. „Wer nur zu hohen Kursen einsteigt und in Angstphasen verkauft, nimmt lediglich Verluste, nicht aber die langfristig positive Entwicklung mit“, sagt Feiden.
Die Börsenweisheit von André Kostolany gilt also noch immer. Nur wird es für Anleger gerade in turbulenten Börsenphasen immer schwerer, zu erkennen, ob die Straßenbahn schon abgefahren ist oder der Einstieg noch lohnt. „In der Tat muss man mittlerweile Geduld und ein gutes Research haben, um interessante oder unterbewertete Aktien aufzuspüren“, fasst Lyxor-Chef Simon Klein zusammen.



















