Daniel Yergin: "Riesige globale Umverteilung"

InterviewDaniel Yergin: "Riesige globale Umverteilung"

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Rohstoffexperte Daniel Yergin

von Angela Hennersdorf

Der Rohstoffexperte Daniel Yergin sieht den Ölpreis bis 2016 auf niedrigem Niveau, erwartet eine Marktbereinigung in den USA – und warnt vor Konflikten in den Ölstaaten.

Herr Yergin, seit über sechs Monaten befindet sich der Ölpreis im Sinkflug. Ein Barrel der Sorte Brent kostet derzeit knapp unter 50 Dollar. Ist damit die untere Preisgrenze erreicht?

Yergin: Das hängt davon ab, wie man „niedrig“ definiert. 2004 lag der Ölpreis nur bei knapp 40 Dollar pro Barrel...

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Zur Person

  • Daniel Yergin

    Daniel Yergin, 67, ist Gründer des Think Tanks Cambridge Energy Research Associates (CERA), der seit 2004 zum US-Analysehaus IHS in Washington D.C. gehört. Der Ökonom gilt als einer der weltweit renommiertesten Ölexperten.

...der Ölpreis sinkt also weiter?

Auf 100 Dollar geht es sicher nicht so schnell wieder hoch. Noch gibt es am Markt ein Überangebot. Der Ölpreis dürfte sich in der zweiten Jahreshälfte auf niedrigem Niveau stabilisieren und bis Anfang kommenden Jahres auf diesem Niveau bleiben. Die Ölproduzenten in den USA fahren ihre Investitionen in die Produktion und in die Erschließung neuer Quellen zwar zurück. Bis sich das aber am Markt bemerkbar macht, dauert es einige Monate.

Manche Ölhändler wetten bereits wieder auf steigende Preise. Sie mieten Supertanker an, um den Rohstoff auf hoher See zu lagern.

Das ist kein neues Phänomen. Das gab es schon im 19. Jahrhundert bei John D. Rockefeller. Heute ist es allerdings etwas komplizierter, denn einige Spieler in diesem Markt unterliegen seit der Finanzkrise neuen Regeln und dürfen nicht mehr mit Rohstoffen spekulieren. Nach dem US-Finanzmarktregulierungsgesetz von 2010 sind Spekulationsgeschäfte auf eigene Rechnung mit Rohstoffen für Banken streng reguliert. Das Geschäft verlagert sich deshalb auf Händler und Hedgefonds, die diesen Regeln nicht unterliegen.

Was den Ölpreis bestimmt

  • Nachfrage

    Der Ölbedarf hängt stark von der Konjunktur ab. Mit zunehmenden Wirtschaftswachstum steigt auch der Ölverbrauch. So ist der Bedarf nach Öl in den boomenden Schwellenländern China, Indien und Russland in den vergangenen Jahren massiv gestiegen und hat diese Länder zu den größten Ölverbrauchern der Welt gemacht. Hinzu kommen saisonale Einflüsse, etwa vor dem Winter mit steigendem Heizölbedarf oder der so genannten „Driving Season“ in den USA, weil dann der Benzinverbrauch sprunghaft steigt.

  • Preiselastizität

    Der Ölpreis hat kaum Auswirkungen auf die Nachfrage, da der Ölverbrauch bei steigendem Ölpreis nicht einfach so eingeschränkt werden kann – man spricht von einer preisunelastischen Nachfrage.

  • OPEC

    Der Verbund der Erdöl fördernden Länder spricht sich regelmäßig bezüglich der Fördermenge ab, was natürlich Auswirkungen auf den Ölpreis hat. Sollten sich vor allem die arabischen Länder auf ein Senkung der Fördermenge einigen, verknappt dies das Angebot und treibt den Preis für Rohöl.

  • Erdölreserven

    Erdöl ist grundsätzlich ein knappes Gut, aber es herrscht auch viel Unsicherheit darüber, wie lange die Vorkommen reichen. Hinzu kommt, dass mit steigendem Ölpreis auch der Abbau nur zu höheren Produktionskosten abbaubarer Ölvorkommen eher lohnt, z.B. die Ölgewinnung aus Ölschiefer, Ölsand oder durch Tiefsee-Bohrungen. Außerdem neigen die großen Raffinerien ebenso wie Staaten dazu, ihre Lagerhaltung auszuweiten, wenn der Ölpreis starken Schwankungen unterliegt. Stocken diese Marktteilnehmer ihre Lagerbestände massiv auf, sorgt die erhöhte Nachfrage kurzfristig für neue Preishochs.

  • Finanzmarkt

    An den Börsen wird Öl in Form von Terminkontrakten gehandelt. Die Marktteilnehmer kaufen also Öl, das erst zu einem späteren Zeitpunkt zum vereinbarten Preis geliefert wird. Vom Spotpreis wird gesprochen, wenn es sich um kurzfristige Terminkontrakte handelt, bei denen das Öl innerhalb von zwei Wochen geliefert wird. Längerfristige Terminkontrakte können auch für Spekulanten attraktiv sein.

  • Wechselkurse

    Der US-Dollar ist die Standardwährung im Rohstoffmarkt. Eine Änderung des Dollar-Kurse hat somit Einfluss auf die Ertragslage des Erdölexporteurs. Auf Staatenebene spielt dabei eine Rolle, wie viele Güter in der Handelsbilanz stehen, die in Dollar bezahlt werden. Die erdölexportierenden Länder haben daher Interesse daran, bei einem fallenden Dollarkurs die Exportpreise für Erdöl etwa durch Angebotsverknappung anzuheben.

Welche Regionen trifft der niedrige Ölpreis besonders hart?

Die Top-Drei-Verlierer sind Russland, Venezuela und Iran. Russland erlebt eine „Triple-Krise“. Die Wirtschaft befindet sich schon seit einiger Zeit im Abschwung, dann kam die Ukraine-Krise mit den Sanktionen. Der niedrige Ölpreis verschärft die Lage für den Rohstoffexporteur Russland weiter. Venezuela war schon vor dem Ölpreisverfall ein gescheitertes Land – nur dank seines Öls und der Unterstützung durch Kuba hat es sich über Wasser halten können. Das ist jetzt vorbei, Venezuela ist sehr instabil. Die Nummer Drei der Verlierer ist Iran, wo sich die wirtschaftliche Lage rapide verschlechtert. Und man darf auch Nigeria nicht vergessen: Hier sind sinkende Öleinnahmen ein echtes Sicherheitsrisiko. Mit dem Geld wird ja das Militär finanziert, das gegen die Terrorgruppe Boko Haram kämpft.

Umgekehrt gefragt: Welche Regionen profitieren am meisten vom niedrigen Ölpreis?

Natürlich profitiert Europa, hier bringen die niedrigen Rohstoffpreise konjunkturellen Schwung. Auch China gewinnt. China ist der größte Ölimporteur der Welt. Das Land hat nun eine stärkere Position bei den Verhandlungen mit seinem Hauptlieferanten Russland.

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