
DüsseldorfAm 24. Mai wird die Deutsche Telekom ihren Aktionären vermutlich drei Milliarden Euro überweisen. So spendabel zeigt sich kein anderer deutscher Konzern. Auch die Rendite kann sich sehen lassen. Mit 70 Cent je Aktie streichen Anleger gemessen am gegenwärtigen Kurs von 8,70 Euro eine Dividendenrendite von acht Prozent ein. Das ist fünfmal so viel, wie sich mit langlaufenden deutschen Staatsanleihen erzielen lässt. Doch ist die Telekom damit ein guter Dividendenwert?
Gut vielleicht, aber nicht attraktiv und vor allem nicht gut genug. Anleger erzielen zwar eine üppige Dividende – und das schon seit geraumer Zeit. Doch sie haben davon wenig, weil der Aktienkurs stetig fällt: in den letzten fünf Jahren um fast 40 Prozent, in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 50 Prozent. Den Anlegern fehlen die Perspektiven: neue Geschäftsfelder in attraktiven Märkten und vor allem steigende Gewinne.
Um die Aktionäre überhaupt noch bei Laune zu halten, schüttet die Telekom seit einigen Jahren ihren gesamten Nettogewinn aus – oder bedient ihre Aktionäre sogar aus der Substanz, weil die Nettogewinne die Ausschüttung nicht decken. Das ist alles andere als weitsichtig, denn das Geld fehlt für Investitionen und künftige Dividenden.
Besser und solider fahren Anleger mit der Telefónica, dem spanischen Wettbewerber der Telekom. Gemessen am Aktienkurs von gegenwärtig 13,40 Euro und einer um 20 Cent auf 1,60 Euro steigenden Jahresdividende liegt die Rendite bei zwölf Prozent. 77 Cent haben die Spanier bereits ausgeschüttet – die restlichen 83 Cent dürften am 31. Mai folgen. Wie Telefónica schütten inzwischen viele Unternehmen ihre Dividenden halb- oder vierteljährlich aus. Die Jahresdividende im Frühjahr ist eine deutsche Besonderheit.
Anders als die Deutsche Telekom kann sich Telefónica die Ausschüttung leisten, denn kein anderer europäischer Telekomkonzern hat in den vergangenen Jahren so viel verdient. Da bleibt genügend Luft, um die Dividenden künftig auch dann konstant zu halten, wenn die Gewinne sinken – so wie im abgelaufenen Geschäftsjahr 2011.
Solch eine Kontinuität und ein Puffer für magere Zeiten sind den Spaniern wichtig: In acht der vergangenen zehn Jahre hat Telefónica die Dividende erhöht, Senkungen gab es nie. „Nicht auf eine einmalig hohe, sondern auf eine nachhaltig hohe Dividendenrendite kommt es an“, sagt Michael Köhler, Dividendenexperte der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er zehn nachhaltige Dividendenzahler herausgefiltert. Neben der Höhe der Ausschüttung ist der Firmengewinn für die Kontinuität ein ganz entscheidendes Kriterium.
Unternehmen verdienen fast wieder so viel wie im Boomjahr 2007
Diese Einschätzung deckt sich mit der von Aktionärsschützern und Analysten. Sie halten eine Ausschüttung von maximal 50 Prozent für angemessen. In guten Zeiten sollten es maximal 30 bis 40 Prozent sein, um einen Puffer für schlechte Zeiten zu schaffen. Die andere Hälfte der Erträge entfällt gemeinhin auf Investitionen und Rücklagen.
Knapp 45 Prozent ihrer Gewinne verteilen in diesem Jahr die größten Konzerne in Euroland, die im Euro Stoxx 50 notiert sind. Dass viele Unternehmen auf rekordverdächtige Renditen von sechs und mehr Prozent kommen, liegt indes nicht an der Dividendenhöhe, sondern an den massiven Kursverlusten angesichts der Schuldenkrise. Der Index verlor binnen eines Jahres um 20 Prozent – die Dividenden steigen aber im Einklang mit den Nettogewinnen der Firmen im abgelaufenen Geschäftsjahr – und der stieg im Durchschnitt um knapp zehn Prozent.
Bereits in den Vorjahren haben sich die Kurse im Euro Stoxx 50 nur unterdurchschnittlich entwickelt. Seit Mitte 2007, als die Aktienkurse weltweit auf oder nahe beim jeweiligen Rekordhoch notierten, hat der Euro Stoxx 50 gut die Hälfte an Wert verloren. Die Unternehmen verdienen aber inzwischen wieder fast so viel wie im Boomjahr 2007 – und geben auch wieder fast so viel an ihre Anleger weiter. Gut 15 Prozent liegen die Gewinne und Dividenden noch niedriger als damals.
Das Ergebnis dieses Missverhältnisses zwischen niedrigen Aktienkursen auf der einen und recht hohen Gewinnen samt Dividenden auf der anderen Seite lautet: Die Dividendenrenditen steigen in diesem Jahr auf Rekordhöhe. Durchschnittlich erlösen Anleger mit den 50 Konzernen im Euro Stoxx 50 eine Dividendenrendite von rund 4,5 Prozent – mehr als mit den Aktien aus allen anderen Indizes auf der Welt.
Der Grund: Die Schuldenkrise und die Rezession in weiten Teilen Europas schreckt Anleger von einem Engagement in Euro-Stoxx-Aktien ab – ungeachtet der Tatsache, dass die vielen exportstarken Firmen ihre Erträge gar nicht so sehr im schwachen Heimatmarkt, sondern in den boomenden Märkten von morgen erwirtschaften.
Telefónica beispielsweise ist Marktführer in den stark wachsenden Märkten Lateinamerikas. Frankreichs Ölriese Total profitiert vom stetig steigenden Ölpreis und der robusten Weltwirtschaft samt der starken Nachfrage nach dem wichtigen Rohstoff. Die Schuldenkrise und die Sorgen vieler Investoren über die Bonität des französischen Staatshaushalts belasten die Erträge Totals nicht – wohl aber den Aktienkurs. Das führt zu den einmalig hohen Dividendenrenditen.
Europäische Großkonzerne wie Telefónica, Total, Iberdrola, und Deutsche Börse haben selbst 2009, in der schwersten Rezession der Nachkriegsgeschichte, an ihren hohen Dividenden festgehalten. Bei ihnen galt und gilt die Devise: In guten Zeiten die Ausschüttungen erhöhen – in schlechten an ihnen festhalten, um Anleger angesichts herber Kursverluste wenigstens etwas zu versöhnen.
Strategie der Unternehmen: Anleger langfristig binden
So wird etwa die Munich Re – besser bekannt als Münchener Rück – ihren Aktionären nach der Hauptversammlung am 26. April mit 6,25 Euro pro Aktie genauso viel überweisen wie im letzten Jahr. Und das trotz eines Gewinneinbruchs nach den schweren Naturkatastrophen im vergangenen Jahr und hoher Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen. Einem Nettogewinn von nur noch 780 Millionen Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr steht die Ausschüttung von 1,1 Milliarden Euro gegenüber.
Konzernchef Nikolaus von Bomhard geht es darum, eine Tradition fortzusetzen. Seit 1969 hat die Munich Re die Dividende nicht gekürzt – weder in den Wirtschaftskrisen der 70er- und 80er-Jahre noch in der Finanzkrise 2008 und auch nicht in der schwersten Rezession der Nachkriegsgeschichte 2009. Die Munich Re reicht in besonders schwierigen Zeiten schon mal mehr als 100 Prozent ihres Nettogewinns weiter – in guten Zeiten sinkt die Quote dann wieder weit unter 50 Prozent.
Warren Buffett hat diese Philosophie überzeugt. Der amerikanische Großinvestor hat 2010 sein Engagement an der Münchener Rück auf 10,2 Prozent erhöht. An keiner anderen großen deutschen Aktie hält Buffett mehr Anteile. Ihm ging es schon immer um langfristiges Wachstum (Value) vor kurzfristigen Kursgewinnen (Growth).
Hinter solch einer Dividendenpolitik steht die Überlegung, Anleger langfristig an die Firma zu binden. Vor allem die milliardenschweren Pensions- und Investmentfonds in Großbritannien und den USA legen großen Wert auf stabile Ausschüttungen und kalkulieren fest mit ihnen. So zahlen beispielsweise der Tabakkonzern Philip Morris seit 80 Jahren und der Ölriese Exxon Mobil sogar seit 125 Jahren ununterbrochen Dividenden aus. An diese jahrzehntelange Tradition mussten sich deutsche Konzerne erst gewöhnen.
Wie ein Fanal wirkt dabei bis heute der Fall Deutsche Börse. 2005 war es der britischen Beteiligungsgesellschaft TCI gelungen, den Griff der Deutschen Börse nach der London Stock Exchange zu torpedieren. TCI erzwang sogar den Rücktritt des damaligen Vorstandschefs Werner Seifert. Die eigentlich für die Londoner Börse vorgesehenen Milliarden wanderten in die Taschen von TCI und der übrigen Aktionäre: Der aggressive Hedge-Fonds drückte eine höhere Dividende – und eine Änderung der Dividendenpolitik – durch. Heute strebt die Deutsche Börse an, Jahr für Jahr 40 bis 60 Prozent des bereinigten Konzernüberschusses an die Aktionäre weiterzugeben – so wie es die meisten anderen Unternehmen auch handhaben.
Der Dax notiert nur bei 3720 Punkten – wenn die Dividenden herausgerechnet werden
Deutschlands Unternehmen mussten erkennen, dass Anleger nicht nur hohe Dividenden wünschen, sondern sie auch durchsetzen können. Wie sehr Dividenden langfristig die Aktienerträge mehren, zeigt der Blick in den Rückspiegel. Der 1988 bei 1000 Punkten gestartete Dax notiert heute bei 3720 Punkten – wenn die Dividenden nicht mit eingerechnet werden. Das ist allerdings weltweit bei den meisten Indizes üblich. Im Dow Jones oder im Euro Stoxx 50 bleiben die jährlichen Ausschüttungen außen vor. Mit Einbeziehung der Dividenden sind es aber 6580 Dax-Punkte. Das heißt, die Dividenden trugen 75 Prozent zum Gewinn bei.
Üppige Dividenden machen sogar gebeutelte T-Aktionäre noch zu Gewinnern – wenn auch nur zu kleinen. Denn wer die Aktie im November 1996 gezeichnet hat, sie zugeteilt bekam und sie bis heute gehalten hat, sitzt rechnerisch inzwischen auf einem Kursverlust von rund 40 Prozent. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wer die Dividende Jahr für Jahr hinzurechnet, kommt immerhin auf einen kleinen Gewinn von acht Prozent innerhalb von 15 Jahren. So gesehen hat nicht einmal die T-Aktie, einer der schlechtesten Werte im Dax, den Anlegern Verluste beschert.








