Ein Kartell, was keins mehr ist: Neue Ära am Ölmarkt

Ein Kartell, was keins mehr ist: Neue Ära am Ölmarkt

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Opec-Generalsekretär al-Badri beim Treffen der Opec-Staaten in Wien.

Nachdem die Opec am Donnerstag beschlossen hat, die Fördermenge vorerst stabil zu halten, stürzt der Ölpreis ab. Das Kartell scheint tief gespalten, es werden weiterhin sinkende Preise erwartet.

Der Ölpreis scheint keinen Boden mehr zu kennen. Nach dem Treffen der Opec-Länder rauschte der Preis für das flüssige Gold so rasant in den Keller wie selten zuvor. Ein Barrel der Sorte Brent kostete zeitweise nur noch etwas mehr als 71 US-Dollar, die Sorte WTI fiel allein am Freitag um rund sechs Prozent und liegt nun deutlich unter der 70-Dollar-Marke.

Am Donnerstag hatten die Öl exportierenden Länder beschlossen, die Fördermengen stabil zu lassen. Der Markt soll also weiterhin selber die Preise regulieren. Da es aktuell ein Überangebot im Markt gibt, fallen die Preise.

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Auch wenn niedrige Energiepreise oft als positiver Faktor für das globale Wachstum gesehen würden, sorge das Ausmaß des Preisrutsches doch für Verunsicherung, sagte Michael Turner, Stratege bei RBC Capital Markets. Zumal viele damit rechnen, dass die Preise noch weiter sinken werden. „Wir erwarten, dass es einen Preisverfall bis 60 Dollar und darunter geben kann“, sagte Igor Setschin, der Chef des größten russischen Ölkonzerns Rosneft im Interview mit „Börsen-Zeitung“ und „Welt“. Allerdings rechnet Setschin nicht unmittelbar damit, sondern in den nächsten sechs Monaten.

So funktioniert der Rohstoffhandel

  • Future-Contracts

    Bei einem Future-Contract kauft der Investor Rohstoffe nicht an regulären Märkten zu aktuellen Preisen sondern handelt auf Terminmärkten wie der deutsch-schweizerischen EUREX, der Chicago Mercantile Exchange (CME) zu der die Chicago Board of Trade (CBoT) gehört oder der London International Financial Futures Exchange (LIFFE). Hier wird der jeweilige Rohstoff zu einem Termin in der Zukunft gekauft. Der Investor bestellt beispielsweise im Februar Kakao, der im Juli geliefert werden soll.

  • Spot-Preis

    Spot-Geschäfte mit ihren kurzen Erfüllungsfristen sind das Pendant zu den Terminmärkten. Zwischen Bestellung und Lieferung liegen maximal zwei Börsentage. Der Spot-Preis ist dementsprechend der Preis, den Händler kurzfristig für den jeweiligen Rohstoff zahlen beziehungsweise erzielen. Bei Kassa-Preis dagegenhandelt es sich um den aktuellen Preis von Finanztiteln.

  • Cost of Carry

    Die Costs of Carry bei Rohstoffen setzen sich beispielsweise aus Lager- und Speditionskosten zusammen. Der Wert eines Future-Kontrakts besteht aus dem Kassa-Preis, also dem bei Vertragsabschluss herrschendem aktuellen Kakaopreis, und den Costs of Carry. Deshalb liegen die Future-Preise bei Termingeschäften anfangs meist über den Kassa-Preisen. Wenn ein Investor im März Kakao für Dezember bestellt, entstehen schließlich Lagerkosten für neun Monate. Er zahlt also den aktuellen Preis plus die Lager- und Speditionskosten. Der Händler kann die Lagerkosten aber über die neun Monate hinweg abschreiben - je näher der Liefertermin rückt, desto stärker nähert sich der Future-Preis dementsprechend wieder dem Kassa-Preis an.

  • Nearby–Future

    Der Nearby-Future ist der Rohstoff-Kontrakt mit der kürzesten Fälligkeit. Das Gegenteil, also der Future-Kontrakt mit der längsten Laufzeit, heißt dagegen Most-Distant-Futures-Contract.

  • Rollen

    Wer direkt in Rohstoffe investieren will, kauft statt einer Aktie oder eines Zertifikats einen Future-Kontrakt mit einer bestimmten Laufzeit und einem Erfüllungszeitpunkt. Der Erfüllungszeitpunkt ist nichts anderes als der Liefertermin. Das heißt, wer ein Kakao-Future mit einer Laufzeit bis Juli 2013 kauft, bekäme im Juli 2013 auch die gekaufte Menge Kakao geliefert.

    Ursprünglich ging es bei Warentermingeschäften schließlich um den Kauf physischer Rohstoffe. Mittlerweile sind viele der Kontrakte Spekulationsgeschäfte. Wer nur Geld verdienen und nicht auf zig Tonnen Kakao sitzen möchte, muss also vor Ende der Laufzeit seinen Kontrakt verkaufen und einen neuen mit einem späteren Liefertermin kaufen. Dieser Vorgang nennt sich rollen.

  • Rollrendite

    Beim Rollen können Anleger sowohl Gewinne als auch Verluste machen: Wer seinen alten Kontrakt günstig verkauft und den neuen Kontrakt teuer kauft, erwirtschaftet eine negative Rollrendite, macht also Rollverluste. Verkauft er dagegen teuer und kauft billig, fällt die Rollrendite positiv aus, er macht Rollgewinne.

  • Contango

    Bei einer Contango-Situation ist der Spot-Preis geringer als der ausgemachte Preis bei Fälligkeit des Future-Kontrakts. Wenn ein Anleger seinen Vertrag in so einer Situation weiterverkauft und in einen Most-Distant-Futures-Contract investiert, kann er Gewinne abgreifen. Wer dagegen bei niedrigem Spot-Preis und hohem Terminpreis seine Kontrakte abstößt und Kontrakte mit nächstmöglicher Lieferzeit kauft (Nearby-Futures) riskiert Verluste.

    Das Gegenteil von Contango ist eine Backwardation.

  • Backwardation

    Bei der Bachkwardation-Situation liegt der Preis der Future-Kontrakte unter denen am Kassamarkt. Der Anleger verkauft also vor Liefertermin seinen Kontrakt bei aktuell hohem Preis und kann günstig einen den Nearby-Future erstehen. Er verbucht also Rollgewinne.

Für Verbraucher sind das verlockende Aussichten, sie können auf billiges Tanken und Heizen hoffen. Auch einige Wirtschaftszweige profitieren. Schon am Freitag gehörten Aktien der großen Fluglinien zu den Gewinnern. Die Papiere der Lufthansa waren mit einem Plus von knapp vier Prozent größter Dax-Gewinner. Fluglinien können den nötigen Treibstoff deutlich günstiger einkaufen, erheben trotzdem weiterhin einen Zuschlag für Kerosin. Insgesamt machen die Treibstoffkosten immerhin rund ein Drittel der Betriebskosten aus, der Preisrutsch macht sich also in der Bilanz bemerkbar.

Neue Zeiten

In dem sie die Preise stabil hält, bricht die Opec mit ihrer bisherigen Tradition. Bisher wurden eher die Fördermengen gekürzt, um die Einnahmen der Ölexporteure hochzuhalten. Diese Resignation wirft bei vielen Beobachtern die Frage auf, ob das Kartell überhaupt noch gebraucht wird. Denn die zwölf Mitgliedstaaten sind tief gespalten.

Einige Förderländer leiden gewaltig unter den gesunkenen Einnahmen. Venezuela beispielsweise hat große wirtschaftliche Probleme. Die Lateinamerikaner gehören zu den größten Ölförderern der Welt und sind vom schwarzen Gold abhängig. Der Staat deckt seine Deviseneinnahmen zu 95 Prozent durch Einnahmen aus dem Ölgeschäft.

Vor dem Opec-Treffen Wer ist die Supermacht am Ölmarkt?

Das Treffen der Opec-Länder wird brisant: Während manche Förderländer unter dem sinkenden Ölpreis leiden, profitieren andere. Und der Konflikt spitzt sich zu: Es geht um die Vorherrschaft am globalen Ölmarkt.

Eine Öl-Raffinerie in Saudi-Arabien. Quelle: dpa

Auf der anderen Seite stehen die mächtigen Golfstaaten um den mit Abstand größten Opec-Produzenten Saudi-Arabien. Das Land hatte eine Senkung der Fördermenge schon unmittelbar vor dem Treffen abgelehnt. „Die Golfländer können mit dem Preis einfach noch leben“, kommentierte etwa Energieanalystin Cornelia Meyer die Entscheidung in Wien.

Als möglichen Grund für das ungewohnte Verhalten der Saudis werden vor allem politische Ziele genannt. Einige wollen einen Komplott mit den USA gegen Russland sehen, von einem kalten Krieg ums Öl ist die Rede. "Bilde ich mir das ein oder haben wir es mit einem globalen Ölkrieg zu tun, mit den USA und Saudi-Arabien auf der einen Seite und Russland und dem Iran auf der anderen ?", fragte der Journalist Thomas Friedman kürzlich in der "New York Times".

Komplott auf allen Seiten

Natürlich sieht man vor allem in Russland viele Anzeichen für diesen Komplott. "Obama will, dass Saudi-Arabien die russische Wirtschaft zerstört", heißt es in russischen Zeitungen. Ein russischer Ölmanager erklärte im "Spiegel", es sei doch offenbar kein Zufall, dass der für Russland so wichtige Rohstoff ausgerechnet jetzt so viel billiger würde.

Insgesamt als wahrscheinlicher gilt jedoch, dass die Saudis mit dem Preiskrieg versuchen, ihre Spitzenposition auf dem Energiemarkt zu behaupten. Denn ausgerechnet die USA schwingen sich dazu auf, ihnen den Rang abzulaufen - mit Fracking.

Schließlich gilt die umstrittene Schiefergas-Förderung in den USA als Auslöser für die niedrigen Ölpreise, da durch Fracking das Angebot an Öl deutlich gestiegen ist. „Die USA werden als neues Schlachtfeld betrachtet“, sagt Expertin Amrita Sen vom Analysehaus Energy Aspects. Freiwillig wird Saudi-Arabien seine Hauptrolle im Ölkarussell nicht an die USA abtreten wollen.

Gut möglich also, dass die Saudis den Preis niedrig halten wollen, um den Amerikanern das fracken schwer zu machen. Denn je niedriger der Preis je Barrel, desto weniger lohnt sich das kostenintensive Fracking. „Der Markt braucht langfristige Investitionen, für die Preise um die 90 Dollar pro Barrel eine kritische Marke darstellen“, sagt Analystin Sen.

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Kein Wunder, dass Experten von einer neuen Ära am Ölmarkt sprechen, auch vom globalen Ölkrieg ist die Rede. Einer der Teilnehmer könnte auch Russland sein, denn Putins Reich ist durch die Entscheidung der Opec schwer getroffen. Im Haushaltsplan für 2014 rechnet die Regierung in Moskau mit einem durchschnittlichen Preis von 104 Dollar je Barrel. Diese Annahme ist nun endgültig Makulatur, weshalb der Rubel in Reaktion auf die Opec-Entscheidung auf ein Rekordtief fiel.

Im Anschluss an das Opec-Treffen war der Streit innerhalb des Kartells an den Gesichtern der Teilnehmer abzulesen. Venezuelas Außenminister Rafael Ramirez war sichtlich verärgert und lehnte jegliche Stellungnahme ab. Aber der selbsterklärte Sieger scheint festzustehen. Denn der saudische Ölminister Ali al-Naimi jubelte mit einem breiten Grinsen: "Das war eine tolle Entscheidung."


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