Elsässers Auslese: Die emotionale Dividende

kolumneElsässers Auslese: Die emotionale Dividende

Kolumne von Markus Elsässer

Mit festen Zinseinnahmen ist vorerst nicht mehr zu rechnen. Mieteinnahmen und Dividendenausschüttungen sind nun angesagt. Die dritte Einkommenskomponente für mich: die „emotionale Dividende“. Sie ist zudem steuerfrei.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so ergangen ist. Von klein auf bin ich zur Sparsamkeit erzogen worden. Aufgewachsen bin ich in einer Zeit relativ stabiler Wechselkurse und fester Zinseinnahmen auf Sparguthaben. Hatte man sich größere Kapitalbeträge erarbeitet, waren Termingelder mit Laufzeiten von einem Monat bis zu einem Jahr eine herrliche Sache.

Da konnte man die Zinssätze für die verschiedenen Laufzeiten gegen einander abwägen und Einschätzungen zur weiteren Zinsentwicklung treffen. Das hat nicht nur Spaß gemacht, sondern einem auch schon während des Jahres Zinsgutschriften beschert. Diese konnte man dann gleich wieder anlegen. Der Zinseszinseffekt hat mir immer Freude gemacht.

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Bei den Anleihen sah es ähnlich aus. Der Anleger konnte sich seine jährlich festen Zinsauszahlungstermine quasi selber aussuchen und sein Anleihen-Depot nach Laufzeiten im eigenem Stil staffeln. Die höchste Rendite brachten in der Regel die Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit. Das war die Königsklasse.

Der Instrumentenkasten der EZB

  • Die EZB soll's richten

    Wieder einmal blicken alle in der Euro-Schuldenkrise gebannt nach Frankfurt: die Europäische Zentralbank (EZB) soll es im schlimmsten Fall richten, mit ihrem Waffenarsenal intervenieren und so die Märkte beruhigen.

  • Die Mittel der EZB

    Zwar streiten sich Fachleute und auch die Notenbanker darüber, wie effektiv, nachhaltig und sinnvoll weitere Eingriffe der Geldpolitik sein könnten. Fest steht aber: die EZB verfügt als einzige Institution über einen gut gefüllten und theoretisch sofort verfügbaren Instrumentenkasten, um angeschlagenen Banken unter die Arme zu greifen, Institute im Falle eines Bank-Runs mit neuem Geld zu schützen und durch ihre Finanz-Feuerkraft wenigsten für eine begrenzte Zeit wieder für Ruhe an den Börsen zu sorgen.

  • Liquiditätssalven für das Finanzsystem

    Vor dem Wahlsonntag in Athen verdichten sich die Hinweise, dass die großen Notenbanken der Welt gemeinsame Sache machen und die Märkte mit Geld fluten könnten. Eine solche konzertierte Aktion der Zentralbanken gab es schon einmal - Anfang Oktober 2008, kurz nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers, als weltweit die Finanzströme zu versiegen drohten.
    In der aktuellen Krise rund um die Überschuldung Griechenlands und anderer südeuropäischer Länder hat bislang nur die britische Notenbank angekündigt, dass sie gemeinsam mit dem Finanzminister in London ihren Bankensektor zum Schutz vor aus Griechenland überschwappenden Problemen mit 100 Milliarden Pfund fluten will. Am Freitag sorgte die Aussicht auf eine gemeinsame Intervention der Zentralbanken zunächst für bessere Stimmung an den Märkten.

  • Senkung des Leitzinses unter 0,75 Prozent

    Aktuell steht der Leitzins der EZB bei 0,75 Prozent. Die Notenbank kann natürlich jederzeit an dieser in normalen Zeiten wichtigsten Stellschraube drehen. Es wäre ein historischer Schritt: Noch nie seit Bestehen der Währungsunion lag der Schlüsselzins für die Versorgung des Finanzsystems mit frischer Liquidität niedriger.
    Allerdings nimmt der Spielraum der EZB mit jeder weiteren Leitzinssenkung ab - schließlich rückt damit die Nulllinie unausweichlich immer näher. Fachleute erwarten, dass die Zentralbank mit weiteren Zinssenkungen so lange wartet wie nur möglich, um für den Fall echter Verwerfungen an den Finanzmärkten, wie sie etwa bei einem Austritt der Griechen aus der Euro-Zone drohen würden, noch Munition zu haben.

  • Absenken des Einlagezinssatzes auf Null

    Um den Geldmarkt wiederzubeleben und die Banken zu ermuntern mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf zu geben, könnte die EZB den sogenannten Einlagezinssatz auf null Prozent kappen. Dieser Zins liegt aktuell bei 0,25 Prozent. Das bedeutet, dass Banken, die keiner anderen Bank mehr trauen, immerhin noch Geld dafür bekommen, wenn sie überschüssige Liquidität bei der EZB parken. Bei einem Einlagezinssatz von einem Prozent entfiele der Anreiz dies zu tun. Doch ob die Banken der EZB den Gefallen tun oder das Geld dann lieber horten, ist fraglich. Aktuell parken sie jedenfalls knapp 800 Milliarden Euro in Frankfurt.

  • Weitere Langfrist-Refinanzierung der Banken

    Im Dezember und im Februar ist es der EZB gelungen, mit zwei jeweils drei Jahre laufenden Refinanzierungsgeschäften die Gemüter der Banker wenigstens für eine Zeit lang zu beruhigen. Damals sicherten sich die Geldhäuser insgesamt rund eine Billion Euro bei der Zentralbank zum Billigtarif von nur einem Prozent.
    Einige Experten glauben, dass weitere langlaufende Geschäfte dieser Art das durch die Unsicherheit über die Zukunft der Euro-Zone untergrabene Vertrauen wieder zurückbringen könnten. Die Banken, die sich um den Jahreswechsel bei der EZB bedient haben, sind allerdings ohnehin bis mindestens Ende 2014 abgesichert. Außerdem kann jede Bank darüber hinaus bei den wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäften der Notenbank aus dem Vollen schöpfen.

  • Weitere Erleichterungen für das Bankensystem

    Damit den Banken die Sicherheiten nicht ausgehen, die diese als Pfand bei den Refinanzierungsgeschäften mit der Notenbank stellen müssen, kann die EZB weitere Erleichterungen bei den Anforderungen beschließen. Sie kann dabei auch selektiv nach Ländern vorgehen, um gezielter zu helfen. Allerdings sind Erleichterungen bei den Sicherheiten immer auch ein Politikum, weil dadurch die Risiken steigen, die die Zentralbank durch die Refinanzierung in ihrer Bilanz ansammelt. Im Fall der Fälle müssten diese von den Steuerzahlern der Mitgliedsländer getragen werden.

  • Erneuter Start der Staatsanleihenkäufe

    Die EZB hat seit Mai 2010 Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Länder für mehr als 200 Milliarden Euro gekauft. Das im Fachjargon SMP (Securities Markets Programme) genannte Programm ist wegen seiner möglichen Nebenwirkungen in Deutschland und einigen anderen nord- und mitteleuropäischen Ländern umstritten. Es ruht derzeit, kann allerdings jederzeit wieder vom EZB-Rat in Kraft gesetzt werden.
    Ob es allerdings noch seine erhofften positiven Wirkungen am Bondmarkt entfalten kann, ist unklar. Wegen der Erfahrungen bei der Umschuldung Griechenlands im Frühjahr dürften wenige private Investoren wie Banken oder Versicherungen der EZB folgen und wieder in den Markt gehen, weil sie fürchten, dass die Zentralbank erneut einen Sonderstatus als Gläubiger durchsetzen könnte, wie sie es im Fall Griechenland getan hat.

  • Zusätzlicher Kauf anderer Wertpapiere

    Theoretisch kann die EZB neben Staatsanleihen auch andere Arten von Wertpapieren kaufen und auf diese Weise Geld schaffen: zum Beispiel Bankschuldverschreibungen, Aktien und Unternehmensanleihen. Während der Ankauf von Bank Bonds eine durchaus denkbare Möglichkeit wäre, Liquidität bei den Banken zu schaffen, scheinen andere Wege wenig erfolgversprechend. So könnte die EZB wohl schlecht erklären, warum sie etwa Aktien von Banken kauft, nicht aber von Auto- oder Chemiekonzernen. Oder sie setzt sich dem Verdacht aus, der einen Bank mehr Aktien abzukaufen als anderen oder zum Beispiel spanische Institute deutschen oder österreichischen Banken vorzuziehen.

  • Weitere Reduzierung der Mindestreserveanforderung

    Theoretisch kann die EZB auch ihre Anforderungen an die Mindestreserve der Banken, die diese bei ihr halten müssen, absenken. Sie hat dies um den Jahreswechsel bereits getan und den Satz ihrer gesamten Einlagen, den jede Geschäftsbank bei ihr parken muss, von zwei auf ein Prozent halbiert. Dadurch hatte sie damals eine Summe von rund 100 Milliarden Euro für die Banken freigemacht. Ein solcher Schritt würde es für Banken in Südeuropa, die wohl am ehesten unter einer Kapitalflucht leiden würden, leichter machen, Mittel flüssig zu halten.

Kluge und geduldige Anleger investierten jedes Jahr in eine neue Zehnjahres-Anleihe. Nach zehn Jahren war es dann soweit. Alle zehn Anleihen im Depot brachten den maximalen Zehnjahreszins. Gleichzeitig wurde aber ab dem zehnten Jahr jährlich eine Anleihe fällig und zur Rückzahlung gebracht. So, als hätte man in eine Anleihe mit nur einjähriger Laufzeit investiert. Man hatte also auf das gesamte Anleihen-Depot die hohe Zehnjahreszinseinnahme, ab dem zehnten Jahr aber kalkulierbare und beständige Kapitalrückflüsse, so als hätte man das Geld kurzfristig angelegt. Das brachte dem Anleger neben dem hohen Zins zusätzlich eine enorme Planungssicherheit über seine Kapitalbewegungen.

Elsässers Auslese Keine Zinseinnahmen mehr – was nun?

Mit den Zinseinnahmen ist es endgültig vorbei. Auf eine Trendumkehr zu setzen, ist naiv. Anleger müssen lernen, ihr Kapital vermehrt Risiken auszusetzen.

Anzeigetafel an der Börse in Frankfurt. Quelle: dpa

Diese Ära geht dieser Tage leider zu Ende. Alle weiteren Investitionen in alternative Anlageklassen, die einen Ertrag abwerfen sollen, bedeuten letztlich nun, sich einem echten Kapitalrisiko auszusetzen. Aktien und Immobilien mit ihren Bardividenden und Mieterträgen sind Schwankungen unterworfen. Und auch bei den Edelmetallen, die keinerlei jährlichen Ertrag ausschütten, muss der Anleger mit Wertschwankungen rechnen.

Der Schritt aus der Planungssicherheit und des gesicherten Werterhalts, wie ich ihn oben beschrieben habe, wird vielen Geldanlegern sehr schwer fallen. Gute Aktien, Immobilien und auch Gold sind eine aussichtsreiche Anlageklasse, ohne Frage. Aber ich halte es für grundverkehrt, dass Millionen von Sparer auf diesen Weg mehr oder minder nun „gezwungen“ werden sollen. Sie sind auf den Umgang mit Risiko nicht vorbereitet. Und auch gefühlsmäßig ist nichts gewonnen, wenn der Anleger nachts nicht mehr schlafen kann. Das auf und ab der Börsenkursbewegungen kann so mancher Mitbürger nicht ertragen. Und auch der Umgang mit Mietern und Hausverwaltern ist nicht jedermanns Sache.

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