Ende der Euphorie: Anleger werden in Schwellenländern vorsichtiger

Ende der Euphorie: Anleger werden in Schwellenländern vorsichtiger

, aktualisiert 22. Mai 2011, 14:43 Uhr
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Einkaufstraße in Bangalore: Indien leidet unter einer hohen Inflation.

von Christian Schnell, Alexander Busch, Florian Willershausen und Finn Mayer-KuckukQuelle:Handelsblatt Online

Brasilien, Russland, Indien, China - Aktien aus den BRIC-Staaten galten bei westlichen Anlegern lange als Renditebringer. Doch die jüngsten Rückschläge an den Börsen haben die Investoren aber vorsichtiger werden lassen.

Frankfurt/Sao Paulo/Moskau/Mumbai/PekingDie Aktienmärkte in den Industriestaaten entwickeln sich weit besser als in den Schwellenländern. Dieser Trend hat sich in den vergangenen Wochen deutlich abgezeichnet – ablesbar an den jeweiligen Aktienindizes. Die bisher gültige Börsenweisheit, dass in den aufstrebenden Ländern Brasilien, Russland, Indien und China (BRIC) auch für westliche Anleger weit mehr zu holen ist als am heimischen Markt, ist damit widerlegt.

Anziehende Inflationsraten und steigende Leitzinsen verunsichern zudem viele Anleger. Auch hatten erstmals seit zwei Jahren mehr Analysten ihre Prognosen für Unternehmen aus BRIC-Staaten gesenkt als erhöht, heißt es bei der Agentur Bloomberg. „Wir haben die Übergewichtung von Schwellenländeraktien abgebaut“, sagt Joost van Leenders, Anlagestratege bei BNP Paribas Investment Partners.

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Eine ähnliche Strategie verfolgen momentan viele westliche Investoren. Nicht, weil sie sich generell aus diesen Märkten zurückziehen wollen, sondern weil sich das Wachstum, das in den vergangenen Jahren in den BRIC-Ländern meist im zweistelligen Prozentbereich lag, verlangsamt hat. Die Euphorie im Hinblick auf die BRIC-Staaten – der Begriff wurde vor gut zehn Jahren von der US-Bank Goldman Sachs eingeführt – scheint endgültig verflogen zu sein.

Jahrelang war die Abkürzung BRIC bei Investoren gleichbedeutend mit überdurchschnittlichen Renditen und hohem Wachstum. Doch das ist – zumindest in der ausgeprägten Form wie bisher – vorbei. Noch haben zwar die meisten Investoren Papiere aus den BRIC-Ländern in ihren Depots übergewichtet. Weil sich derzeit aber das Umfeld nach Ansicht vieler Experten verschlechtert, verkaufen sie einen Teil der Aktien aus den BRIC-Staaten und nehmen Gewinne mit.


Liquidität fließt zurück in die Industrieländer

Das Geld stecken sie im Gegenzug in europäische und US-Aktien. Diesen Papieren räumen sie mittlerweile bessere Kurschancen ein als noch vor Monaten. „Die großen europäischen Papiere sehen im Vergleich zu ihren historischen Kursniveaus nach wie vor günstig aus“, sagt Tom Beevers, Fondsmanager bei BNY Mellon.

Grund für die veränderte Einstellung der Anleger gegenüber den BRIC-Ländern ist auch deren Wandel von aufstrebenden zu entwickelten Volkswirtschaften. Standen Brasilien, Russland, Indien und China bei der Einführung des Begriffs vor zehn Jahren noch an der Schwelle zu einem Industrieland, so ist dieser Schritt inzwischen gemacht.

Das bedeutet weniger Wachstum und veränderte Chancen bei der Geldanlage. China beispielsweise wandelt sich gerade von der Exportnation zum Konsumweltmeister, heißt es bei der Fondsgesellschaft Fidelity. Angesichts steigender Einkommen werde nicht nur mehr, sondern auch qualitativ Hochwertigeres konsumiert. Dies komme nicht nur aus dem Westen, sondern auch aus dem eigenen Land.

Ebenso Infrastrukturprojekte sind weiter ein großer Wachstumstreiber. Besonders die Urbanisierung unterstützt diesen Trend, glauben die Experten von JP Morgan Asset Management. Insgesamt seien in den BRIC-Staaten 700 Unternehmen in Infrastrukturprojekte eingebunden, in die gleichfalls investiert werden könne. Interessante Anlagemöglichkeiten gibt es somit weiterhin, sie sind nur schwerer zu finden.


Brasilien: Der Staat mischt sich zu sehr ein

Eigentlich müsste es Brasiliens Börse gutgehen: Die Rohstoff- und Ölpreise sind trotz der Korrektur so hoch wie lange nicht. Viele Unternehmen verzeichnen Rekordgewinne, Banken wie Merrill Lynch rechnen für 2011 mit 20 Prozent Gewinnwachstum. Trotzdem hat der Börsenindex Bovespa in São Paulo dieses Jahr schon sieben Prozent verloren. Damit zählt er weltweit zu den schlechtesten Aktienmärkten.

Die Gründe: Brasilianische Konzerne, die prinzipiell besonders von der Energie- und Rohstoffhausse profitieren könnten, haben Probleme mit dem Staat. Denn dieser mischt sich zunehmend in ihr Management ein: Der Energieriese Petrobras etwa hat sich bis heute nicht von der Kapitalerhöhung erholt, durch die die Regierung ihren Anteil von 40 auf knapp 50 Prozent erhöht hat.

Obwohl der Ölpreis in diesem Jahr um 20 Prozent gestiegen ist, durfte der Konzern wegen Inflationsgefahr auf Anweisung aus Brasília die Preise nicht erhöhen. Weltweit gewinnen Ölaktien, Petrobras hingegen verliert.

Teilweise sind aber auch die Gewinnerwartungen zu hoch. So verlor die Aktie des Ölproduzenten OGX an einem Tag 17 Prozent an Wert, nachdem die Analysten von einem unabhängigen Gutachten über die Reserven des Konzerns enttäuscht worden waren. Auch die wachsende Inflation und die Aufwertung der brasilianischen Währung bereiten Sorgen: Inzwischen zweifelt niemand daran, dass die Zentralbank bald die Zinsen auf über zwölf Prozent erhöht. Das wird die Wirtschaft bremsen. Schon im März hat Brasilien im Hinblick auf die BIP-Entwicklung schwächer abgeschnitten als andere OECD-Länder.


Russland: Abhängigkeit vom Öl schafft Vorhersehbarkeit

Wie eh und je ergeben sich die russischen Börsen ihrem Schicksal: Der dollarbasierte RTS-Aktienindex folgt dem Ölpreis auf Schritt und Tritt. Auch die Kurven im Handel der Börse Micex, der in Rubel läuft, imitieren die Kapriolen des schwarzen Goldes.

Allerdings mit unterschiedlichen Folgen, denn die russische Landeswährung hat zum Dollar seit Jahresbeginn ein Drittel an Wert gewonnen. Als Anfang April das Barrel Öl der Sorte Urals knapp 120 Dollar kostete, notierte der RTS-Index etwa 25 Prozent höher als im Januar, der Micex aber nur fünf Prozent. Solche Unterschiede hatte es lange nicht gegeben.

Mitte April gab dann der Ölpreis deutlich nach – und zog die russischen Börsen mit nach unten. „Titel von Banken, Handel und Konsumgüterherstellern konnten die Indexverluste kaum bremsen“, sagt Matthias Siller, Fondsmanager bei Barings.

Russland mag kein sicherer Hafen für ausländische Investoren sein – aber es ist ein Markt, der sich angesichts der Abhängigkeit vom Ölpreis besser vorhersehen lässt als Brasilien oder China. So ergibt sich ein paradoxes Bild: Ausländische Investoren haben seit Jahresbeginn Geld nach Russland geschaufelt – und die Russen selbst schaffen ihr Kapital aus der Heimat weg. Seit Anfang Januar sind mehr als 30 Milliarden Dollar aus Russland abgeflossen, vornehmlich in die Schweiz.

Beobachter führen dies auf Wahlen im kommenden März zurück: Wenn Premierminister Wladimir Putin als Präsident kandidiert, dürften sich die Rahmenbedingungen für private Unternehmen verschlechtern. Der Einfluss des Staates auf die Firmen werde tendenziell zunehmen, heißt es.


Indien: Die Inflation ist ein Problem

Noch Ende März hatte sich am indischen Aktienmarkt Optimismus breitgemacht, einen Monat später scheint die gute Stimmung verflogen. Der Leitindex Sensex hatte binnen zwei Wochen um rund zehn Prozent zugelegt und machte den Investoren Hoffnung, dass er erneut über die Marke von 20000 Punkten steigen könnte. Inzwischen hat der Index seine Gewinne fast vollständig abgegeben und droht erneut unter 18000 Punkte zu fallen.

Das wirtschaftlich drängendste Problem des Subkontinents, dessen Wachstum nach wie vor beeindruckend ist, ist die Inflation. Am 3. Mai hatte die indische Zentralbank die Leitzinsen zum neunten Mal seit März 2010 erhöht – dieses Mal um weitere 50 Basispunkte auf 7,25 Prozent. Erst am Freitag betonte Notenbankchef Duvvuri Subbarao, dass die Bank bereit sei, Wachstum zu opfern, um die Inflation in den Griff zu bekommen.

Indien kämpft noch immer mit Inflationsraten zwischen acht und zehn Prozent; zuletzt hatte am vergangenen Samstag eine flächendeckende Benzinpreiserhöhung um fünf Rupien (rund acht Cent) pro Liter indische Medien und die Bevölkerung in Aufruhr versetzt. Mit ihrer klaren Position hat die indische Zentralbank einen Anteil daran, dass sich die Aktienkurse dort in den vergangenen Tagen schlechter entwickelt haben als im BRIC-Raum.

Zumindest für die kommenden Monate bleibt der indische Aktienmarkt unberechenbar. Steigende Produktionszahlen und ein weiterhin immenses Wirtschaftswachstum gehen einher mit ebenfalls stark steigenden Preisen und Löhnen. Im für Indien sehr wichtigen Dienstleistungssektor betrug die Lohnsteigerung 14 Prozent auf Jahressicht. Die Inflation bleibt der dominante Faktor, an dem sich die Richtung des indischen Aktienmarkts entscheidet. Und auf absehbare Zeit scheint die Zentralbank hier zu keinen Kompromissen bereit zu sein.


China: Wann kommt der Kurssturz?

Auf jeden Aufschwung folgt ein Abschwung – diese Tatsache gilt auch für China, das seit 20 Jahren einen Boom erlebt. Doch für den ausländischen Investor ist eine ganz andere Information entscheidend: Wann kommt der Kurseinbruch? Spätestens dann sollte der Anleger Kasse gemacht haben?

Derzeit sieht die chinesische Story noch intakt aus. Die Unternehmen im Besitz der Regierung in Peking haben im Februar ein Gewinnplus von 30 Prozent verzeichnet. Vermutlich wird China jedoch in ein oder zwei Jahren einen Durchhänger erleben. Der Staat hat die Folgen der Wirtschaftskrise von 2008 mit hohem Kapitaleinsatz abgewehrt, die Folgen sind hohe Inflation und ineffiziente Investitionen. Die viele Liquidität fließt zudem zu einem guten Teil in den Immobilienmarkt. Einige Ökonomen sehen darin die „größte Blase der Welt“.

Doch in der chinesischen Staatswirtschaft bedeutet das lange nicht, dass die Korrektur unmittelbar bevorsteht. Die Planer in Peking können den Geldhahn offenhalten. Die derzeitige Führungsgeneration mit Premier Wen Jiabao und Präsident Hu Jintao an der Spitze hat ein erhebliches Interesse daran, dass die Wirtschaft noch bis Frühjahr 2013 läuft. Dann enden ihre Amtszeiten. Ökonom Michael Pettis von der Peking-Universität erwartet eine deutliche Abschwächung nach dem Führungswechsel. Die nächste Generation der Staatslenker könnten dann eine Korrektur zulassen, um in den folgenden Jahren stolz eine Erholung vorweisen zu können.

Der US-Ökonom Nouriel Roubini erwartet aus anderen Überlegungen eine Korrektur für 2013. Bis dahin könne die Regierung das Karussell immer höherer Investitionen weiterdrehen – danach sei eine Steigerung nicht mehr möglich; zudem stoße das exportorientierte Wachstum an seine Grenzen.

Die Regierung hat die Gefahren erkannt. In diesem Jahr hat sie das Wachstumsziel nur auf acht Prozent festgelegt, nachdem der Wert zuletzt meist über zehn Prozent lag. In Wirklichkeit wird das Wachstum vermutlich höher ausfallen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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