Euro verliert massiv: Warum die Schweiz dem Euro nicht traut

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Euro verliert massiv: Warum die Schweiz dem Euro nicht traut

, aktualisiert 15. Januar 2015, 18:03 Uhr
von Christof Schürmann, Andreas Toller

Die Schweizer Notenbank hat überraschend den Mindestkurs zum Euro aufgehoben. Damit reagiert sie auf drohende Staatsanleihekäufe durch die EZB. Hat die Schweiz ihr Vertrauen in den Euro verloren?

Drei Jahre lang verhinderte die Schweizer Nationalbank durch umfangreiche Devisenkäufe, dass der Schweizer Franken immer teurer wird. Franken sind seit Ausbruch der Euro-Schuldenkrise eine gefragte Fluchtwährung. Die hohe Nachfrage aus dem Ausland trieb den Wert des Franken in die Höhe und belastete den Exportsektor der Alpenrepublik, deren Produkte im Ausland immer teurer wurden.

Die Schweizer Nationalbank (SNB) griff daraufhin mit ungewöhnlicher Konsequenz in den Devisenmarkt ein. Durch den massiven Ankauf von Euros und Euro-Anleihen sollte der Wechselkurs immer bei mindestens 1,20 Franken für den Euro liegen, eine weitere Überbewertung des Franken so verhindert werden. Die Bilanz der SNB verlängerte sich in diesen Jahren von 200 auf mehr als 500 Milliarden Franken.

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SNB schickt Euro, Dollar und Dax auf Talfahrt

Jetzt gibt die SNB auf und den Franken-Kurs frei – an der Börse sorgte das für ein Erdbeben. Der Rückzug aus der aktiven Wechselkurspolitik hat die Märkte völlig kalt erwischt, der Euro verlor zeitweise mehr als 20 Prozent gegenüber dem Franken, auch der Dollar sackte um 13 Prozent gegenüber der Schweizer Währung. Gegenüber dem Dollar verlor der Euro zunächst ein Prozent, bis zum Abend lag er mit 1,7 Prozent im Minus.

Statements zur Franken-Freigabe der Schweizer Notenbank

  • "Entscheidung war längst überfällig"

    "Die Entscheidung der Schweizer Notenbank war längst überfällig. Ihre Wechselkurspolitik hat zwar in den vergangenen Jahren Schweizer Exporteure geschützt und deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwächeren Franken unterstützt. Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen. Denn der Franken wird langfristig gegenüber dem Euro aufwerten. Die Wertverluste auf die Devisenreserven könnten deshalb enorm groß werden. Der Zeitpunkt der Entscheidung ist sicherlich nicht zufällig. Die Erwartung eines Anleihenkaufprogramms der EZB sollte den Euro mittelfristig weiter schwächen, und damit die sonst notwendigen Ankäufe und diese Verluste für die Schweizer Notenbank erhöhen."

    DIW-Präsident Marcel Fratzscher

  • "Ein Zusammenhang mit den EZB-Maßnahmen liegt auf der Hand"

    „Ein Zusammenhang mit den zu erwartenden zusätzlichen geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank liegt auf der Hand. Dies nicht zuletzt auch deshalb, als das von der SNB im Dezember eingeführte Instrument der negativen Zinsen genau am 22. Januar in Kraft tritt, exakt am Tag der EZB Entscheidung“
    Joachim Corbach, Währungsexperte der Fondsgesellschaft Swiss & Global Asset Management in Zürich

  • "Wirft ein schlechtes Licht auf die Lage der Eurozone“

    Mit der Freigabe des Wechselkurses läuft die SNB nun Gefahr, dass der Schweizer Franken
    massiv aufwertet. […] Bereits kurz nach der Entscheidung hat
    die SNB am Devisenmarkt interveniert, um die Aufwertung zu bremsen. […] Tatsächlich dürften sich die Schweizer Währungshüter von der Geldpolitik der EZB befreien wollen.[…] Damit könnte die SNB wieder eine unabhängige Geldpolitik betreiben. Letztlich wirft der heutige Schritt damit vor allem ein schlechtes Bild auf die Lage in der Eurozone“.

    Christoph Weil, Analyst Commerzbank

  • „Euro wird nicht ins Bodenlose fallen“

    Mit der unerwarteten Aufhebung des Mindestkurses riskiert die SNB nun ihre Glaubwürdigkeit. Schließlich versicherte sie bis zuletzt, dass der Mindestkurs zum Euro der zentrale geldpolitische Pfeiler sei. […]
    Auch wenn es nun keinen expliziten Mindestkurs zum Euro mehr gibt, dürfte die SNB auch in Zukunft den Franken nicht ins Bodenlose fallen lassen. […] Weitere Interventionen am Devisenmarkt hatte die SNB "bei Bedarf" explizit nicht ausgeschlossen.[…] Sollte sich der Kurs im Zuge eines voraussichtlichen Beschlusses der EZB, Staatsanleihen aufzukaufen und einer unübersichtlichen politischen Lage in Griechenland im Zuge der Neuwahlen (25. Januar) wieder merklich unter Parität bewegen, rechnen wir kurzfristig mit weiteren Deviseninterventionen der SNB.

    Manuel Andersch, BayernLB

  • „Schweizer Notenbank wird stärker am Devisenmarkt intervenieren müssen“

    Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass der Schweizer Franken immer eine der Währungen ist, die in Zeiten von Risikovermeidung, als sicherer Hafen dienen […] Die heutige Entscheidung geht auf die Kosten zukünftiger fester Wechselkursversprechen, in denen die SNB weniger glaubwürdig erscheinen wird. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie eine solche Maßnahme in den nächsten Jahren wiederholt. Folglich wird die SNB noch stärker auf den Devisenmärkten intervenieren müssen.“

    Karsten Junius, Chef-Ökonom der Bank J. Safra Sarasin

  • "Ein Befreiungsschlag der SNB"

    „Das ist ein überraschender Schritt der SNB. [...] Sie hätte aber auch eine sanftere Abkehr wählen können, etwa über eine Bindung an einen Währungskorb. Der völlige und abrupte Rückzug erscheint aktuell kontraproduktiv für die EZB. Es ist auch ein Befreiungsschlag der SNB. Sie kann sich nun wieder auf ihr geldpolitisches Mandat und die Makroökonomie konzentrieren. Die Frage ist nun, was das für die Realwirtschaft bedeutet. Der starke Ölpreisverfall zusammen mit `flash crash`-Aufwertung des Franken birgt eine sehr große Deflationsgefahr. Die Schweizer Unternehmen verlieren stark an Wettbewerbsfähigkeit. Und in der Finanzindustrie könnte es einige Investoren auf dem falschen Fuß erwischt haben. Auf das Vertrauen in Zentralbanken eine Anlagestrategie aufzubauen, ist hoch problematisch. Und natürlich stellt sich nun die Frage: Wie vertrauenswürdig sind Zentralbanken?“

    Dirk Aufderheide, Chief Currency Strategist Active der Deutschen Asset & Wealth Management (Deutsche AWM)

  • "Nach Übertreibungsphase wieder höher Kursniveaus"

    "Die SNB beugt sich dem Marktdruck, setzt aber ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Interventionen der vergangenen Wochen waren wohl für die eidgenössischen Währungshüter zu viel. Bei der Einführung des Mindestwechselkurses war an punktuelle Interventionen gedacht, nicht aber an permanente. Letztlich dürfte aber auch die Gold-Initiative eine gewisse Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. Die Bevölkerung zeigt gegenüber dem Aufbau hoher Fremdwährungsbestände in Euro Skepsis. Letztlich hatte die SNB damit auch ein Legitimationsproblem.
    Zwar schreibt die SNB, dass die Schweizer Exportwirtschaft sich auf die neue Situation einstellen konnte, doch ob die Unternehmen mit Kursen von 0,92 gegenüber dem Euro klar kommen, bleibt fraglich. Da der Schweizer Franken auf den aktuellen Kursniveaus deutlich gegenüber dem Euro überbewertet ist, sollten sich nach einer Übertreibungsphase wieder höhere Kursniveaus beim Währungspaar Euro/Franken einstellen."

    Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Group (Liechtenstein)

  • "Währungspolitik der Schweizer buchstäblich zerrissen"

    "Die Schweizer haben das Ausmaß der europäischen Probleme und die Trägheit der europäischen Politik unterschätzt. Die Schweizer Nationalbank ist ursprünglich davon aus gegangen, dass Europa seine Hausaufgaben machen und Strukturreformen durchführen würde. Das ist nicht schnell genug passiert. Hierdurch verlor der Euro gegenüber dem US-Dollar bedeutend an Wert. Die Mindestkopplung zwischen Euro und Schweizer Franken zog den Franken mit in die Tiefe.
    Würde die Schweizer Nationalbank die Mindestkopplung weiter durchsetzen, müsste sie ihre Bilanz viel weiter aufblähen, als ursprünglich erwartet. Nach eigener Aussage wäre ihr das auf Dauer nicht nachhaltig möglich gewesen. Die Divergenz in der wirtschaftlichen Entwicklung von Europa und den USA hat die Währungspolitik der Schweizer buchstäblich zerrissen."

    Marcel van Leeuwen, Geschäftsführer der DWPT Deutsche Wertpapiertreuhand GmbH

  • "Weckruf für Investoren, Zentralbanken nicht zu trauen"

    "Für uns ist dieser Paukenschlag folgerichtig. Die Schweizer wollen angesichts der aggressiven Geldpolitik der EZB, die erwartungsgemäß diese Woche einen Freibrief vorm Europäischen Gerichtshof für ihre Staatsanleihenkäufe ausgestellt bekam, mit dem Euro keine Schicksalsgemeinschaft bilden. [...] Der Schritt unterstreicht, dass Draghi in diesem Jahr "aus allen Rohren feuern" wird und die Schweizer diesen Schritt nicht mitgehen wollen! Sie wissen um die langfristig verheerenden Folgen dieser Politik. Viele Investoren hatten sich auf den Mindestkurs des Schweizer Franken zum Euro verlassen und dürften jetzt massive Verluste erleiden. Der heutige Schritt zeigt ein weiteres Mal: Wir dürfen den Versprechen der Zentralbanken nicht Glauben schenken!
    Ohnehin werden wir nicht müde, ständig den Ausspruch Marc Fabers zu zitieren: "Wer sein Gold verkauft, vertraut den Regierungen". Der heutige Paukenschlag der Schweizer Notenbank ist somit ein Weckruf für die Investoren, Zentralbanken und Regierungen nicht zu vertrauen! Gold und Silber verbriefen kein Schuldversprechen eines Dritten und sind das Investment für diejenigen, die Zentralbanken und Regierungen einen gesunden und völlig berechtigten Argwohn entgegenbringen."

    Thorsten Schulte alias "Silberjunge" in einer Sondermitteilung an seine Leser

  • "Euro schon vor Monaten zum Abschuss freigegeben"

    „Inhaltlich kann man den Schweizern ihre Entscheidung kaum übel nehmen. Die EZB hat den Euro schon vor Monaten zum Abschuss freigegeben und wird in Kürze ein Programm zur quantitativen Lockerung bekannt geben, in dessen Rahmen sie europäische Staatsanleihen aufkaufen wird. Tendenziell wird der Euro dadurch weiter geschwächt. Hätte die SNB ihre Bindung an den Euro aufrecht erhalten, wäre der Franken immer mehr zum rot-weiß lackierten Euro geworden. Natürlich hätte man von vornherein die Untergrenze gar nicht erst einziehen dürfen.“

    Daniel Kühn, Chefredateur des Finanzportals Godmode Trader

Sogar die Aktienmärkte reagierten verschnupft. Der Leitindex der Schweizer Börse SMI brach in der Spitze um fast 14 Prozent ein und rutschte zeitweise unter 8000 Punkte. Letzten Endes schloss der Dax am Abend sogar wieder fünfstellig.

Schlechter erging es der Schweizer Börse. Die Aktien von Schweizer Exporteuren wie der Swatch Group oder Cie. Financière Richemont fielen an der Börse Zürich jeweils um mehr als 15 Prozent. Mit Ausnahme des Telekomkonzerns Swisscom rutschten alle SMI-Werte massiv ab. "Der Schritt der SNB heute ist ein Tsunami, für die Exportwirtschaft und für den Tourismus, letztlich für das ganze Land", schrieb Swatch-CEO Nick Hayek in einer E-Mail. "Es fehlen mir die Worte."

Zumindest Euro-Anleger in Schweizer Aktien freuten sich: Nestlé-Papiere gewannen bis zu zehn Prozent. Für Schweizer Anleger dagegen crashten die Titel des Nahrungsmittelkonzerns um bis zu sieben Prozent.

Der Dax verließ vorübergehend seinen Aufwärtstrend und machte aus einem Plus von einem Prozent ein Minus von mehr als einem Prozent. Im Tagesverlauf schwächten sich die Ausschläge jedoch ab, schon am Mittag lag der Dax wieder im Plus. Am Abend lag der Dax mehr als zwei Prozent über dem Vortagesschluss. Auch der europäische Aktienindex Euro-Stoxx sowie der Goldpreis in Dollar stiegen um mehr als zwei Prozent. In Euro schoss der Goldpreis sogar um knapp vier Prozent nach oben.

An Schweizer Bankautomaten waren zeitweise keine Euro mehr zu bekommen, weil die Devisenkurse so stark schwankten. Probleme bekommen durch den Schritt der SNB auch Immobilienbesitzer in Österreich und Polen. Dort ist die Immobilienfinanzierung über einen Fremdwährungskredit in Schweizer Franken wegen der niedrigen Zinsen sehr beliebt. Durch die Aufwertung des Franken werden deren Kredite nun schnell sehr teuer. Laut Schätzungen lauten in Polen 40 Prozent der Immobilienkredite auf Franken, 700.000 Haushalte sollen betroffen sein.

Der Franken ist damit zur Jagd durch ausländische Investoren freigegeben, während der Euro von den Schweizern aufgrund seiner Schwäche fallengelassen wird. Damit der Franken aber auch nicht zu attraktiv wird, hat die SNB auch gleich an der Zinsschraube gedreht. Demnach wird noch härter bestraft, wer Franken hortet.

Den Einlagenzins für Guthaben bei der Zentralbank senkt sie deutlich von -0,25 auf -0,75 Prozent. Dahinter steckt wohl die Hoffnung, dass so weniger Anleger in den Franken flüchten. Prompt stieg auch die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen, die sich plötzlich auf der Verkaufsseite wiederfanden. Mit einer begrenzten Aufwertung könne sie leben, hieß es von Seiten der Notenbank. Laut Mitteilung der SNB trägt sie aber bei der Gestaltung ihrer Geldpolitik auch künftig der Wechselkurssituation Rechnung. Sie bleibt deshalb bei Bedarf am Devisenmarkt aktiv, um die monetären Rahmenbedingungen zu beeinflussen.

Doch woher kommt der überraschende Schritt, der den Euro zwischenzeitlich auf 0,80 Franken abstürzen ließ?

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