Flucht aus dem Bankkonto: Wie Unternehmen auf Strafzinsen reagieren

Flucht aus dem Bankkonto: Wie Unternehmen auf Strafzinsen reagieren

von Mark Fehr, Jürgen Berke, Rüdiger Kiani-Kreß, Matthias Kamp, Jürgen Salz und Peter Steinkirchner

Gebühren auf Guthaben zwingen Unternehmen zu riskanteren Geldanlagen und entfremden sie immer stärker von ihren Banken.

Zunächst nicht. Derzeit nicht. Bisher nicht. Auf dieses Vokabular mit bewusst kurzer Halbwertszeit greifen viele Banker in diesen Tagen bei der Antwort auf die Frage zurück, ob sie Gebühren auf Guthaben ihrer Kunden verlangen. Es gibt aber mit der Commerzbank und den Zentralinstituten der Volks- und Raiffeisenbanken, DZ Bank und WGZ Bank, schon Kredithäuser, die das offen zugeben.

Die verkehrte Sparwelt ist Realität geworden, jedenfalls bei einem Teil der Banken und für einen Teil der Kundschaft. Betroffen seien nur Profi-Anleger wie Fondsgesellschaften oder Konzerne mit sehr hohen Einlagen, beteuern die Banken immer wieder. Mittelständler und Sparer blieben verschont. Zunächst. Derzeit. Bisher.

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Negative Zinsen

Doch das Drohszenario negativer Zinsen beschleunigt bei den Unternehmen bereits die Entfremdung von ihren Banken. Die Rolle der Institute als vertrauenswürdige Geldbewahrer der deutschen Wirtschaft verliert an Bedeutung. Banken werden zu austauschbaren Dienstleistern, die Industrie koppelt sich mit innovativem Finanzmanagement und eigenen Banklizenzen immer stärker von der Bankenwelt ab.

Kassieren Banken bald auf breiter Front Guthabengebühren auch von Kleinsparern und Mittelstand? „Für Privatanleger erwarte ich Negativzinsen erst, wenn die EZB den Einlagenzinssatz noch weiter senkt, etwa auf minus 0,5 Prozent“, sagt Oliver Mihm, Chef der auf Retailbanking spezialisierten Beratung Investors Marketing in Frankfurt. Relevant wäre das in erster Linie für Kunden der Vermögensverwaltung mit Guthaben ab rund einer Million Euro.

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Firmenkunden

Nach Einschätzung von Mihm wird es jedoch zuerst Firmenkunden treffen, weil bei diesen wegen der höheren Einlagen der Hebel für die Banken stärker sei. Über solche Vorstöße berichtete im September als erster Hornbach, eine Baumarktkette mit 3,4 Milliarden Euro Umsatz und hohen Kassenbeständen. Auch der Lufthansa wurden Strafzinsen angedroht, die Banken haben sie allerdings bisher noch nicht in die Tat umgesetzt. Der Energieriese E.On konnte drohende Strafzinsen vermeiden, indem er sein Geld in alternative Anlagen steckte und Bankverbindungen wechselte.

„Am Ende werden auch viele Mittelständler voraussichtlich einen Negativzins zahlen müssen“, erwartet Johannes Heckmann, Co-Chef des Oberpfälzer Chemikalienherstellers Nabaltec. Das Unternehmen mit 133 Millionen Euro Umsatz und mehr als 400 Mitarbeitern ist langjähriger Commerzbank-Kunde, wurde von dieser aber noch nicht auf das Thema Negativzins angesprochen. Falls es so weit käme, würde sich Heckmann nach anderen Banken umschauen, sagt er. Um Negativzinsen zu umgehen, wären auch Geldanlagen mit drei oder sechs Monaten Laufzeit denkbar.

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