Gbureks Geld-Geklimper: Geschäftsberichte zwischen Dichtung und Wahrheit

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Robert Halver (r.), Wertpapierhändler und Analyst, ist das bekannteste Gesicht des DAX.

Kolumne von Manfred Gburek

An den zu dicken Büchern mit mehreren hundert Seiten auswuchernden Geschäftsberichten kommt kein Aktionär vorbei. Wer ihre Lektüre mit der Interpretation von Kurskurven verknüpft, kann als Anleger sogar besonders erfolgreich sein.

Wer sich mit Aktien beschäftigt, unterscheidet traditionell zwischen fundamentaler und technischer Analyse. Im ersten Fall geht es vor allem um die Kunst, aus Geschäftsberichten mit mehreren hundert Seiten Umfang die Wahrheit herauszufiltern, im zweiten Fall um die Interpretation von Kurskurven. Beide Aufgaben können nicht nur private Anleger mit wenig Börsenerfahrung zur Verzweiflung treiben, sondern auch erfahrene Analysten. Warum, liegt auf der Hand: Geschäftsberichte geben längst nicht alle Geheimnisse von Unternehmen preis; und Kurskurven zeigen zwar bestimmte Verhaltensmuster von Anlegern aus der Vergangenheit, verraten aber höchstens ganz erfahrenen Kurvendeutern etwas über möglichen Entwicklungen in der Zukunft.

Die zehn wichtigsten Aktien-Regeln

  • Eigene Strategie festlegen

    Gegen die größer werdenden Unwägbarkeiten sollte man sich zuallererst mit einer Strategie wappnen: Wer an kräftiges Wachstum in Deutschland glaubt, an einen anhaltenden Boom der Schwellenländer und hohen privaten Konsum, kann weiter am Aktienmarkt investieren. Wer skeptisch ist, sollte seine Bestände hingegen nicht aufstocken.

  • Widerstandskraft zeigen

    Eng verbunden mit der ersten Regel: Immer wieder kommt es vor, dass sich Dinge anders entwickeln, als man erwartet hat. Es ist wichtig, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und nicht jeder Entwicklung hinterherzulaufen. Eine solche Reaktion zeugt nicht von einem geringen Vertrauen in die eigene Strategie. Es kostet meist auch Geld, weil die Masse schon vorher diese Richtung eingeschlagen und das Gros an Rendite eingefahren hat.

  • Richtig mischen

    Groß oder klein, spekulativ oder konservativ, liquide oder illiquide, dividendenstark oder dividendenschwach, Substanz oder Wachstum: Bei Aktien ist die Auswahl riesig. Der richtige Mix aus spekulativen und konservativen Titeln hilft, Schwankungen zwischen guten und schlechten Zeiten auszugleichen. Nicht zu unterschätzen sind starke Dividendenzahler, die Jahr für Jahr den Grundstock für eine solide Rendite legen.

  • Barrieren einbauen

    Keine Frage, die Börsen haben in den vergangenen zehn Jahren stärker geschwankt als in allen Dekaden zuvor. Das wird so bleiben, mit wachsendem Computerhandel sogar noch zunehmen. Wer sein Risiko minimieren will, baut Barrieren ein – sogenannte Stopps. Gerne werden Stopps bei 20 Prozent über und unterhalb des aktuellen Kurses gewählt. Dann wird automatisch verkauft, wenn diese Grenzen erreicht sind. Kommt eine Phase überraschend steigender Kurse mit anhaltendem Aufwärtstrend, lässt sich die Barriere leicht nach oben verschieben. Wichtig ist dann, auch die Barriere am unteren Ende nachzuziehen.

  • Herdentrieb beobachten

    Wichtig in Phasen überraschender Kurssteigerungen oder -stürze ist es, das Verhalten der Masse zu beobachten. Ist es noch nachvollziehbar oder völlig irrational? Häufig ist es irrational. Dann hilft meist die zweite Regel: Widerstandskraft zeigen. Nach einigen Monaten kehrt die Rationalität von ganz allein zurück. Der Kurssturz aus dem vergangenen Jahr und die jüngste Entwicklung beweisen das gerade wieder.

  • Risiko rausnehmen

    Sind Aktien wie seit Jahresbeginn schon um 30, 40 oder gar 50 Prozent gestiegen, dann sind Anschlussgewinne in der Regel nur noch schwer zu erzielen. Phrasenverdächtig ist zwar die alte Weisheit: „An Gewinnmitnahmen ist noch niemand zugrunde gegangen.“ Richtig ist sie trotzdem.

  • Insidern folgen

    Firmenchefs haben einen gewaltigen Vorteil gegenüber normalen Aktionären. Sie wissen weit mehr als jeder Analyst oder Kommentator, wie es in ihrem Unternehmen aussieht. Insider nennt man sie deshalb. Sie melden ihre Orders innerhalb von fünf Handelstagen an die Börsenaufsicht Bafin. Das Handelsblatt veröffentlicht alle zwei Wochen das sogenannte Insider-Barometer, das aus der Summe aller Kauf- und Verkaufsorders Schlüsse für den weiteren Verlauf in Dax & Co. zieht. Jüngste Tendenz: Vorstände und Aufsichtsräte verkaufen mehr als sie kaufen. Vorsicht also!

  • Geopolitische Ereignisse beachten

    Terroranschläge und Naturkatastrophen kommen unerwartet. Politische Konflikte wie aktuell zwischen Israel und dem Iran schwelen meist länger. Entscheidende Wahlen wie jüngst in Russland und in diesem Jahr noch in Frankreich und den USA sind vorhersehbar und haben immer Einfluss auf die Börse. Dabei gilt generell: Wahljahre sind gute Börsenjahre.

  • Auf reale Werte setzen

    Mit Optionsscheinen oder Bonus-Zertifikaten lässt sich zwar aus einem Aufwärtstrend ein noch größerer Profit schlagen. Dies sind jedoch in der Regel Wetten ohne realen Hintergrund. Aktien sind reale Werte.

  • Moden misstrauen

    Vor allem Aktien einzelner Branchen unterliegen immer wieder gewissen Moden. Doch die wechseln wie im realen Leben, und manchmal geht das schneller, als man denkt. Das bekommt gerade die einst angesehene Solarenergie-Branche bitter zu spüren.

An diesem Mittwoch versuchte das Forschungsteam um den Münsterschen Professor Jörg Baetge auf Einladung des Deutschen Aktieninstituts, den Geschäftsberichten wenigstens ein paar  Geheimnisse zu entlocken. Dabei verwünschte Baetge die vielen verwirrenden Vorschriften, die inzwischen von den Oberbuchhaltern der Nation einzuhalten sind und so seltsame Namen tragen wie BilReG (erweiterte Risiko- und Prognoseberichterstattung), TUG (Bilanzeid im Konzernlagebericht) oder ÜRUG (übernahmespezifische Informationen für Muttergesellschaften).

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Kein Beispiel für transparente Prognoseberichterstattung im Geschäftsbericht: Die BMW Group. Quelle: dpa

Umgang mit Brandbeschleunigern

Wenn es allein dabei bliebe. Bleibt es aber nicht. So machte der Professor seinem Herzen Luft, als er die Versuche der Bankenlobby, im Bundesjustizministerium besonders günstige Rechnungslegungsstandards für sich auszuhandeln, einen „Skandal erster Ordnung“ nannte. Außerdem bemängelte er, dass Schönfärberei über den Bankensektor hinaus an der Tagesordnung sei, und nannte dazu gleich ein markantes Beispiel: „Eigenkapitalquoten werden durch Financial Engineering nach oben manipuliert.“

Da fragen sich private Anleger zu Recht, was ihnen die Lektüre von Geschäftsberichten überhaupt noch bringt. Eine berechtigte Frage. Doch bevor sie andere Informationsquellen anzapfen, sollten sie bedenken: Bei allem Durcheinander, das die Bilanzierung nach IFRS (International Financial Reporting Standards) in den vergangenen Jahren mit sich gebracht hat, ist es Anlegern mittlerweile möglich, Zeitreihen aufzustellen und wenigstens daraus Schlüsse zu ziehen. Wobei sie allerdings bedenken müssen, dass IFRS-Vorschriften „Brandbeschleuniger“ sind. Als solche hat sie jedenfalls schon vor Jahren Karlheinz Küting bezeichnet, das Urgestein unter den Bilanzprofessoren.

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