Geldanlage: "Anleger werden auf jeden Fall Vermögen verlieren"

InterviewGeldanlage: "Anleger werden auf jeden Fall Vermögen verlieren"

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Top-Unternehmensberater Stelter plädiert für den Kern-Euro, weltweite Schuldenschnitte und mehr Investitionen in die Bildung

von Stefan Hajek

Top-Berater Daniel Stelter fordert ein sofortiges Ende des Wirtschaftens auf Pump, einen Schuldenschnitt und mehr Investitionen in Zukunftsprojekte wie Bildung, Ressourcen-Schonung und Zuwanderung.

Herr Stelter, wollten Ihre Kollegen bei Boston Consulting nicht mehr Ihre kühnen Ideen zur Schuldenkrise hören; oder warum haben Sie das Unternehmen so plötzlich verlassen?

Stelter: Nein, Boston Consulting (BCG) hat immer einen offenen Stil gepflegt, in dem auch kontroverse Ideen willkommen sind. Abgesehen davon habe ich allerdings angesichts der enormen Probleme, vor denen wir stehen, eindringlich davor gewarnt, dass es zu Schuldenschnitten kommen wird. In Zypern ist es dann zum ersten Mal passiert.

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War dies der Grund im Jahre sechs der Krise das gefühlt sechzigste Buch über die Krise zu schreiben?

Die Krise wird in der öffentlichen Diskussion entweder einseitig festgemacht an den Staatsschulden oder am Euro. Beide sind aber nicht die einzige Ursache der Krise, und sie sind schon gar nicht die einzigen Probleme, die wir haben. Der wahre Umfang der Krise ist viel größer. Viele Autoren, Wissenschaftler und Politiker, vor allem solche, die einfache Lösungen wie einen Euro-Austritt proklamieren, verkaufen gefährliche Scheinlösungen.

Sie wollen am Euro festhalten?

Wenn wir den Euro nicht hätten, würden wir ihn sicherlich mit dem heutigen Wissen nicht mehr einführen. Jetzt müssen wir den Schaden verringern und nicht weiter vergrößern. Eine Rückkehr zu nationalen Währungen wird nicht so einfach und geordnet ablaufen können, wie es uns einige Eurokritiker Glauben machen wollen. Es gäbe ein Riesenchaos, in den Südländern Bank-Runs, eine europaweite Depression und politische Unruhen. Auf jeden Fall würde die deutsche Exportwirtschaft einbrechen und die Arbeitslosigkeit in die Höhe schießen. Wir müssten einen guten Teil der Forderungen, die wir an die Krisenstaaten haben, abschreiben.

Zur Person

  • Daniel Stelter

    Daniel Stelter, 49, ist promovierter Betriebswirt und einer der gefragtesten Unternehmensberater Europas. 23 Jahre lang hat er für die Boston Consulting Group (BCG) Vorstandschefs und Finanzvorstände zahlreicher Dax-Unternehmen und internationaler Konzerne beraten und war als Senior Partner Mitglied im weltweiten Executive Committee von BCG. Per Ende Juli hat der Autor des aktuellen Wirtschafts-Bestsellers "Die Billionen Schuldenbombe" BCG überraschend verlassen. Ziel vorerst unbekannt.

Also ein "Weiter so!" mit allen langfristigen Kosten, weil sonst Chaos droht?

Nein, die gegenwärtige Politik vergrößert den Schaden nur. Europaweit wachsen die Schulden weiterhin schneller als die Wirtschaft. Das wird nicht gut gehen. Wir brauchen eine Rosskur, die auch eine Neuordnung des Euroraumes beinhaltet. Griechenland und Portugal haben keine Chance, im Euro eine wettbewerbsfähige Wirtschaft zu schaffen, bei Spanien sind Zweifel sehr angebracht.

Ein Zurück zu nationalen Währungen liegt nicht im deutschen Interesse?

Nein, aber ein stärkerer Kerneuro langfristig schon. Deshalb müssten die verbleibenden Staaten eine richtige Fiskalunion schaffen, wie in den USA: Mit einem gemeinsamen Finanzminister, gemeinsamen Bonds und einer Vereinheitlichung von Sozialstandards wie Arbeitslosenhilfe und Renteneintrittsalter. Wenn unsere Partnerländer dies nicht wollen, wird es sehr schwierig sein, einen solchen reduzierten Euroraum zu erhalten. Dann müssen wir in der Tat abwägen, wie der Schaden am kleinsten ist. Weiter durchwursteln wie bisher, indem man keinen austreten lässt und immer alle Löcher stopft, aber keine richtige Wirtschaftsunion macht, wird auf Dauer unbezahlbar. Die Einführung des Euros hat den Verschuldungsboom und die Immobilienblasen in Ländern wie Irland und Spanien ermöglicht, dennoch ist er nicht unser größtes Problem.

Sondern?

Seit über 30 Jahren wachsen die Schulden in der gesamten westlichen Welt, also Nordamerika, Europa, Japan und Australien, schneller als die Wirtschaft. Seit den 1980ern haben wir unseren Wohlstand mit immer mehr neuen Schulden erkauft, weil das reine Wirtschaftswachstum dafür nicht mehr ausreichte. Begonnen hat das unter Ronald Reagan, beschleunigt hat den Prozess der frühere US-Notenbankpräsident Alan Greenspan, für mich einer der Hauptschuldigen an der Misere.

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21 Kommentare zu Geldanlage: "Anleger werden auf jeden Fall Vermögen verlieren"

  • Oberflächlich bewertet eine in vielen Punkten zutreffende Analyse der Situation. Den Kern der Problematik trifft es dennoch nicht. Den Schulden stehen ja gigantische Vermögen gegenüber, schließlich "gehören ja die Schulden" irgendjemandem. Analysiert man diese Vermögensbesitzer, stellt sich eindeutig heraus, das mit zunehmender Tendenz schon lange eine relativ kleine Minderheit "Besitzter" und damit einzige Profiteure dieser "fehlerhaften Vermögensballung" sind. Das Vermögen wird nur gegen Zins herausgegeben und so in einer bereits sehr hoch verschuldeten Volkswirtschaft dem wichtigen realen Geldfluss von Arbeit, Einkommen und Konsum entzogen. Wir haben also erst einmal ein "Vermögensverteilungsproblem" aus dem die meisten anderen Probleme resultieren. Faktisch ist zuviel Vermögensballung in wenigen Händen immer ein Problem. Zudem nutzen Steuergesetzte eher dem erwerbslosen Einkommen durch Kapitaleinkommen als realer Arbeit. Alle notwendigen und möglichen Sozialausgaben sind an menschliche Arbeitsleitung und Einkommen gekoppelt. Durch Produktivitätssteigerung fallen aber immer mehr Menschen aus dem Erwerbsleben raus oder müssen zu Niedriglöhnen arbeiten, teilweise bezuschusst durch den Staat. Die wundersame Geldvermehrung um den Faktor drei der letzten zehn Jahre ist nur bei einer kleinen Zahl von Vermögensbesitzern angekommen. In der EU sind 25-30 Millionen Menschen jetzt schon arbeitslos. Wo bitte sollen die Jobs herkommen, wenn wir in Billiglohnländern produzieren lassen? Was würden "Rücklagen für Renten und Pensionen" bringen, wenn schon jetzt die privaten Altersvorsorgesysteme gefährdet sind, weil man solch große Vermögensansammlungen auch nicht längerfristig schützen kann? Es müssen völlig neue Modelle her, die nichts mehr mit den alten Strukturen zu tun haben. Längere Lebensarbeitszeit macht zwar rechnerisch nur Sinn, aber nur, wenn es auch Jobs gibt. Bleiben ältere länger am Arbeitsplatz fehlen die freien Stellen für jüngerer Nachrücker ja bereits heute.

  • Wir können bereits am 22. Sept. damit beginnen diesen Irrsinn zu beenden. Stecker ziehen und Blockparteien abwählen. Diejenigen, die uns diese Suppe eingebrockt haben können nicht die gleichen sein, die sie auslöffeln.
    @Michel: es sit ziemlicher Quatscha was Sie da behaupten "Den Schulden stehen ja gigantische Vermögen gegenüber, schließlich "gehören ja die Schulden" irgendjemandem. Analysiert man diese Vermögensbesitzer, stellt sich eindeutig heraus, das mit zunehmender Tendenz schon lange eine relativ kleine Minderheit "Besitzter" und damit einzige Profiteure dieser "fehlerhaften Vermögensballung" sind.
    Fakt ist, daß die großen Kapitalsammelstellen (z.B. Versicherungen) Besitzer von Staatsanleihen sind - und darunter massiv leiden. Es zu reduzieren auf wenige Superreiche ist so ziemlich der größte Humbug, den ich hier gelesen habe.

  • 10 % der Bevölkerung halten über die Hälfte des Privatvermögens, d. h. 90 % haben weniger als die Hälfte des Privatvermögens.
    Second Magazine vom 08.04.12:
    Aufgrund des Artikels (Thema Arbeitslosigkeit in Deutschland) hatten wir eine tiefergehende Analyse vorgenommen, und wir kamen zu dem Schluss, das darf doch nicht wahr sein:
    5,4 Millionen Menschen empfangen ALG I+II. (Statistisches Bundesamt)
    8,8 Millionen Menschen ernähren sich unterhalb des Mindestlohnes (DGB 14.03.12)
    18 Millionen Menschen bekommen Geld zur Grundsicherung (Statistisches Bundeamt)
    nicht weniger als 32 Millionen Menschen haben im Monat weniger als 400,00 €. Das lässt sich auch nicht mit den immer wieder gefälschten Zahlen beschönigen.
    Der Großteil der Bevölkerung hat kein Geld zum konsumieren, was dazu führt, dass die hergestellten und importierten Waren nicht verkauft werden. Auf lange Sicht führt dies dazu, dass die Gewinne der Firmen zurückgehen. Um dies abzufangen, wird das Personal reduziert, teilweise durch Zeit- und Leiharbeiter ersetzt, was wiederum dazu führt, dass weniger Geld für Konsum zur Verfügung steht. Eine Abwärtsspirale, die sich in den letzten Jahren ständig wiederholt.
    Dringend benötigte Gelder für Bildung und Ausbildung sowie eine Förderung des Standortes Deutschland werden nicht bereit gestellt. Stattdessen wird völlig sinnfrei der Euro "gerettet" und Milliarden ins Ausland geschafft. Die Aufgabe der Regierung, das Volk zu vertreten, wird schon lange nicht mehr wahrgenommen. Die Politik handelt nur zugunsten der Lobbyisten und um sich die eigenen Taschen zu füllen.

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