Inflation: Wenn sich Geld in Luft auflöst

Inflation: Wenn sich Geld in Luft auflöst

, aktualisiert 16. Dezember 2011, 10:52 Uhr
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Aufgefressen: Die Deutschen fürchten um ihr Geld.

von Jörg Hackhausen und Ingo NaratQuelle:Handelsblatt Online

Die Angst der Deutschen vor Inflation sitzt tief. Sie fürchten, dass das Ersparte durch Geldentwertung aufgefressen wird. Woher kommt diese Angst? Und wie berechtigt ist sie?

Düsseldorf, FrankfurtEuropa hat einen riesigen Schuldenberg angehäuft. In zehn Jahren sind die Schulden in der Euro-Zone fast auf das Doppelte angewachsen. Zu lange haben die Staaten über die Verhältnisse gelebt, und mussten auch noch für die Rettung von Banken teuer bezahlen. Am Ende wird jemand für diese Schulden aufkommen müssen. Wer dieser jemand wird, ist auch schon klar: jeder Bürger, Sparer, Arbeitnehmer. Die Frage ist nur, auf welche Art und Weise. 

Würde man die Schulden des Staates auf die Bürger umrechnen, dann wäre jeder Deutsche mit einem Schlag mit 25.000 Euro verschuldet. Wenn der Euro-Rettungsschirm hinzukommt, wächst dieser Betrag über die Garantien des Bundes auf 30.000 Euro an. Eine vierköpfige Familie ist demnach mit mehr als 120.000 Euro verschuldet. „Viele deutsche Familien wären sofort insolvent, wenn sie zusätzlich zu ihren sonstigen Lasten diese Schulden bezahlen müssten“, sagt Jörg Schubert, Vorstand der Bantleon Bank.

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Die wenigsten Experten glauben, dass sich die Schulden allein durch Sparmaßnahmen in den Griff bekommen lassen. Erstens sind Sparmaßnahmen - die Kürzung von Löhnen und staatlichen Leistungen sowie Steuererhöhungen – nicht gerade einfach durchzusetzen. Zweitens können sie eine schwächelnde Volkswirtschaft erst Recht abwürgen. Aber was ist die Alternative?

Ein harter Schnitt ist die eine Möglichkeit, die Schulden zu reduzieren. Der Schuldner erklärt, dass er seine Schulden oder einen Teil davon nicht mehr zurückzahlen wird. Den Schaden haben die Gläubiger - nicht nur die Großkopferten, sondern auch die kleinen Sparer. Sie sind entweder direkt betroffen, wenn sie entsprechende Staatsanleihen gekauft haben, oder indirekt, wenn ihre Lebensversicherung in eben diese Papiere investiert hat. Im Fall von Griechenland soll diese Variante durchexerziert werden. Doch die Widerstände sind groß. Einen solchen Schuldenschnitt dürfte es so schnell nicht wieder geben, schon gar nicht für größere Staaten.

Die andere Möglichkeit der Entschuldung geht über Inflation. Ein paar Jahre mit höherer Inflation - schon fällt die Tilgung der Schulden leichter, das Vermögen der Sparer allerdings schmilzt dahin. Während eine Staatspleite mit einem Schlag kommt, zehrt Geldentwertung das Vermögen schleichend auf. Das Ergebnis ist zwar dasselbe. Aber für die Politik dürfte dieser Weg der verlockendere sein, da niemand dem Wähler erklären muss, warum das Geld mit einem Mal weg ist.

Für den Staat hätte das nicht nur den Vorteil, dass die Zinslast nicht mehr so bedrohlich erscheint, die allgemeine Teuerung führt auch dazu, dass mehr Menschen mehr Steuern bezahlen. Schließlich basiert das Steuersystem auf nominalen Größen. Wenn sich das Durchschnittseinkommen auf dem Papier erhöht, muss ein höherer Anteil an Steuerpflichtigen den Maximalsatz bezahlen; Stichwort: „kalte Progression“.


Vertrauen in das Geld geht verloren

„Es könnte einen Anreiz für die Regierungen der Industriestaaten geben, Inflation in einem höheren Maß als in der jüngeren Vergangenheit üblich zuzulassen“, heißt es in einer Studie der Man Group zum Thema Inflationsgefahr. Dass Politiker, die wiedergewählt werden wollen, hochgradig unpopuläre Sparmaßnahmen durchsetzen werden, sei nicht besonders plausibel. Eine Zeit steigender Teuerung werde „mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht wenige Monate dauern“, sondern könnte „ein Begleiter der nächsten Jahre sein“.

Nach einer Umfrage von TNS Infratest im Auftrag der Allianz fürchtet fast die Hälfte der Befragten, dass ihre Ersparnisse durch Inflation aufgefressen werden. „Die Menschen haben schon das Vertrauen in Politiker, Banker und Staaten verloren. Jetzt verlieren sie vielleicht auch das Vertrauen in ihr Geld“, warnt der britische Historiker und Buchautor Adam Fergusson.

Noch ist Inflation kein akutes Problem. Die Teuerungsrate lag im November bei 2,4 Prozent – sie ist das zweite Mal in Folge gesunken. Die Bundesbank sagt für 2012 sogar einen Rückgang der Inflationsrate auf 1,8 Prozent voraus. 2013 sollen es sogar nur 1,5 Prozent sein. Die Argumentation der Währungshüter: Die Unternehmen hätten im Abschwung weniger Spielraum für Preiserhöhungen, außerdem stiegen die Energiepreise weniger stark.“

Entwicklung der Inflationsrate und der Leitzinsen in Prozent

 Leitzins der EZB (gemittelt)Inflationsrate
19992,710,55
20004,031,42
20014,281,94
20023,181,48
20032,261,04
20042,001,65
20052,021,52
20062,781,60
20073,522,26
20083,882,60
20091,160,40
20101,001,10
20111,002,20
Quelle:

Statistisches Bundesamt, EZB

Andere Ökonomen sehen das nicht ganz so entspannt. Sie kritisieren vor allem die Rolle der Notenbank in der Schuldenkrise. Die privaten Investoren glauben nicht mehr daran, dass Länder wie Griechenland, Portugal oder Irland ihre Schulden bedienen können. Auch Italien und Spanien gelten als Wackelkandidaten, die eventuell gestützt werden müssen. Und selbst an der Kreditwürdigkeit von Frankreich oder Deutschland wird gezweifelt. Um einen Crash zu verhindern, springt die Europäische Zentralbank ein. Sie nimmt die Anleihen der Schuldenstaaten, die die Privatinvestoren verschmähen, in ihre Bücher. Nebenbei verteilt sie auch noch Geld fast zum Nulltarif an die Banken. Das ist nichts anderes als Geld drucken.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Forderungen, die EZB solle die Notenpresse heißlaufen lassen, bislang abgewehrt. Doch Ökonomen fragen sich, wie lange Merkel noch stand hält. „Sie hat schon bei der Energiepolitik und beim Mindestlohn ihre Position geändert. Das könnte auch bei der Monetarisierung von Staatsschulden durch die EZB der Fall sein“, vermutet Peter Bernholz, Wirtschaftswissenschaftler in Basel.

Die Nebenwirkungen einer solchen Politik sind gefährlich: Mit jedem Euro, der neu gedruckt wird, könnte das Geld, was im Umlauf ist oder auf den Sparbüchern liegt, an Wert verlieren. In der Historie gibt es Beispiele dafür, dass die ungebremste Ausweitung der Geldmenge zu Inflation führen kann.

Das kommende Jahr dürfte für die Notenbanken heikel werden. Die großen Schuldenstaaten wie Spanien und Italien müssen mehr als viermal so viel Geld beschaffen wie in diesem Jahr. „Wenn Italien wackelt, könnte die EZB die dann erforderlichen Anleihekäufe kaum noch sterilisieren“, glaubt Stefan Homburg, Finanzwissenschaftler der Universität Hannover. Was er damit sagen will: Wenn die Notenbanker durch sehr große Anleihekäufe sehr viel Geld ins System pumpen, können sie dieses Kapital nicht mehr zurückholen. Es würde schließlich die Preise treiben.

So bald Unternehmen und Private wieder mehr Kredite aufnehmen und Geld ausgeben, kann die Inflationsrate schnell anziehen. „Dann haben wir sofort Inflation“, sagt Martin Siegel, Manager mehrerer Goldfonds. „Viele Politiker glauben, Inflation sei kontrollierbar, aber das ist ein Irrglaube.“


Geldprofis setzen auf Sachwerte

Viele Geldprofis fahren wegen der wachsenden Gefahren bereits defensive Strategien. Die Berater für wohlhabende Privatkunden bei Feri Wealth Management machen sich seit einigen Jahren für hohe Sachwertbestände stark. Das gilt auch für die Kölner Verwalter Flossbach von Storch. Die Sachwertedepots bestehen häufig aus Aktien, Immobilien, Edelmetallen und Zinspapieren der wenigen noch als sicher geltenden Staaten.

„In Zeiten hoher Inflation suchen die Menschen sichere Häfen. Sie kaufen Gold, Kunst, Land, sichere Währungen“, sagt Fergusson. Die Deutschen halten Sachwerte in Höhe von 5,2 Billionen Euro, aber sehr unausgewogen. Ein Großteil steckt in Immobilien. Nun gelten die eigenen vier Wände als guter Inflationsschutz. Doch kommen Regierungen ernsthaft in die Klemme, schreiben sie neue Regeln. „Die Staaten müssen sich zum Schuldenabbau bei den Privatvermögen bedienen“, sagt Schubert von der Bantleon Bank. Gerade das unbewegliche immobile Vermögen bietet sich für einen Zugriff an. „Wer nach dem Zweiten Weltkrieg Immobilien besaß, hatte im Handumdrehen eine Zwangshypothek im Grundbuch stehen“, sagt Homburg. Er warnt: „Der Anleger sollte nicht versuchen, klüger zu sein als alle anderen und zum Beispiel leichtsinnig Immobilien mit hoher Fremdfinanzierung erwerben.“

Umfrage: Welche Anlageformen schützen gegen Inflation?

in Prozent

Selbst genutzte Immobilien75
Kapitalanlage-Immobilien62
Kapitallebensversicherungen32
Riester-Sparen30
Sparbücher28
Aktien/Aktienfonds18
Zinspapiere12
Gold2
Andere Edelmetalle1
Quelle: Deutsches Institut für Altersvorsorge; 1000 Befragte, Forsa

Bei vermieteten Immobilien ist der Zeithorizont entscheidend. Kurzfristige Mietverträge ermöglichen es, steigende Preise schnell durch höhere Mieten auszugleichen. Wer dagegen langfristig vermietet hat, der verliert in Zeiten höherer Inflation.

Wie beim Sachvermögen ist auch Geldvermögen der Deutschen unausgewogen angelegt. Die immerhin 4,9 Billionen Euro stecken überwiegend in inflationsgefährdeten Anlagen wie Bankeinlagen, Anleihe-Direktbesitz und Versicherungen. Der größte Posten sind Versicherungen. Hier schlägt die Krisen-Falle zu. „Bei Versicherungen sollten sich gerade die Deutschen darüber klar sein, dass auch diese zu einem Teil in Staatsanleihen investiert sind“, sagt Bernholz.

Die Deutschen fürchten sich zwar vor Inflation, aber die wenigsten handeln. Das zeigt eine Umfrage der Postbank. Demnach sagen nur zwölf Prozent aller Bürger ab 16 Jahren, dass sie die Inflation beim Sparen fürs Alter berücksichtigen. Um dafür zu werben, dass sich die Deutschen mehr um ihre Finanzen kümmern sollen, rechnen die Postbanker vor, wie sich eine durchschnittliche Inflationsrate von "nur" 2,5 Prozent bemerkbar macht: Wenn ein heute 30-jähriger beim Eintritt in den Ruhestand mit 67 Jahren nach heutiger Kaufkraft über monatlich 1.500 Euro verfügen will, dann muss er im Alter das Zweieinhalbfache, nämlich 3.740 Euro, zur Verfügung haben.

Der wichtigste Ratschlag lautet, auch wenn das wenig originell klingt: Kapital gut streuen. Homburg versucht optimistisch zu bleiben und resümiert: „Mit einem blauen Auge werden wohl die meisten rechnen müssen, aber wenn zumindest das andere Auge intakt bleibt, ist das alles nicht so schlimm.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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