Intelligent investieren: „Behavioral Finance“ – viel Wind um wenig Wissen

kolumneIntelligent investieren: „Behavioral Finance“ – viel Wind um wenig Wissen

Kolumne von Thorsten Polleit

„Behavioral Finance“ ist in aller Munde. Mit dieser Theorie sollen die Kapitalmärkte besser prognostizierbar sein. Es ist aber zweifelhaft, ob diese verhaltenspsychologische Lehre Erkenntniswert für den umsichtigen Investor hat.

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Wie die Schafe: Bahavioral Finance erkennt in Marktentwicklungen den Herdentrieb

Die Verwissenschaftlichung der Geldanlage wird in der Finanzindustrie großgeschrieben. Denn es stärkt die Überzeugungskraft erheblich, wenn sich Anlageempfehlungen und -produkte durch Theorien legitimieren (oder doch zumindest scheinlegitimieren) lassen. Das mag beispielsweise auch den bislang ungebrochenen Siegeszug der modernen Finanzmarkttheorie (oder: „Modern Portfolio Theory“) in den letzten Jahrzehnten erklären. Wie keine andere Theorie prägt sie das Anlageverhalten der Mehrzahl der Investoren, formt ihre Vorstellung hinsichtlich Risiko, Diversifikation, Portfoliozusammensetzung und Erfolgsmessung.

Doch die moderne Finanzmarkttheorie leidet unter logischen Inkonsistenzen (die an dieser Stelle jedoch nicht thematisiert werden) und verleitet zu fragwürdigen Investitionsentscheidungen. Beispielsweise geht sie davon aus, dass die Aktienkurse zu jedem Zeitpunkt alle relevanten Informationen enthalten. Und dass aus diesem Grund der Investor nicht besser abschneiden kann als der Gesamtmarkt.

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Er soll daher nicht ausgewählte Einzelaktien kaufen, sondern von Banken aufgelegte Aktienindex-Zertifikate oder -ETFs. Das Risiko wird in der modernen Finanzmarkttheorie als Schwankung der Börsenkurse definiert. Für beide Aussagen gibt es jedoch überzeugende Gegenargumente.

Zur Person

  • Thorsten Polleit

    Dr. Thorsten Polleit ist Chefvolkswirt der Degussa sowie Mitgründer und volkswirtschaftlicher Berater und Mitgründer des P&R REAL VALUE Fonds. Er ist zudem Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. In seiner auf wiwo.de erscheinenden Kolumne "Intelligent investieren" widmet er sich alle 14 Tage (immer mittwochs) den grundlegenden Irrtümern und Erkenntnissen der Geldanlage.

In den letzten Jahren hat sich eine theoretische Neuerung nach vorn gearbeitet: die Verhaltensökonomik („Behavioral Economics“) beziehungsweise ihre Teildisziplin, die verhaltensorientiere Finanzmarkttheorie („Behavioral Finance“). Der US-amerikanische Ökonom Richard H. Thaler (*1945) hat in diesem Jahr den Wirtschaftsnobelpreis für seine Verdienste erhalten, die Wirtschaftswissenschaft mit verhaltenspsychologischen Erkenntnissen integriert zu haben. Vor ihm wurden bereits Ökonomen dieser Disziplin ausgezeichnet: Robert Fogel (1993), George Akerlof (2001), Daniel Kahnemann (2002), Elinor Ostrom (2009) und Robert Shiller (2013).

Doch selbst prestigeträchtige Ehrungen sollten den umsichtigen Anleger nicht davon abhalten, kritische Überlegungen anzustellen.

Auf den ersten Blick scheint die Botschaft der verhaltenspsychologischen Finanzmarkttheoretiker überzeugend zu sein: Marktakteure handeln nicht immer rational (vernünftig), sondern sie treffen viel häufiger als gedacht irrationale Entscheidungen. Die Verhaltensökonomen führen dafür Erklärungsfaktoren ins Feld wie zum Beispiel begrenzte Vernunft („Limited Rationality“), soziale Präferenzen („Social Preferences“) und mangelnde Selbstkontrolle („Lack of Self-Control“). Wer wollte bestreiten, dass solche (und weitere Einflüsse) das Handeln der Marktakteure prägen? Die Kritik am Behavorismus macht sich auch nicht an ihnen, sondern an etwas weitaus Grundlegenderem fest.

Gewichtiger Streitpunkt

Zu kritisieren ist sein wissenschaftliches Fundament. Es geht um die wichtige (Streit-)Frage: Was ist die richtige wissenschaftliche Methode? Die wissenschaftliche Methode bezeichnet, einfach gesprochen, das Vorgehen, um Wissen (Erkenntnis) über ein Erkenntnisobjekt zu gewinnen. In den Naturwissenschaften geht man üblicherweise wie folgt vor: Man formuliert eine Hypothese, zum Beispiel: „Wenn A, dann B“; oder: „Wenn A sich um x ändert, ändert sich B um y“. Dann wird die Hypothese anhand von Experimenten (Laborversuchen) getestet. Bestätigt sich die Hypothese, ist sie bis auf weiteres nicht widerlegt. Bestätigt sie sich nicht, gilt sie als verworfen (falsifiziert).

Was aber kann man mit derartigen Testergebnissen anfangen? Weniger als Sie vielleicht denken. Wenn die Hypothese bestätigt wird, heißt das nicht, dass man sich auf den unter-suchten Zusammenhang verlassen kann. Er könnte nämlich in der Zukunft anders sein als in der Untersuchung. Und wenn sich die Hypothese nicht bestätigt, heißt das nicht, dass der Zusammenhang künftig nicht doch Gültigkeit haben wird. Mit anderen Worten: Man kann auf Basis von Experimenten (aus logischen Gründen) keine abschließenden Gewissheiten ableiten. In den Naturwissenschaften ist das allerdings relativ unproblematisch, weil es hier Gesetzmäßigkeiten (man spricht heutzutage meist von „Modellen“) gibt.

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