Intelligent investieren: Spekulierst Du noch, oder investierst Du schon?

kolumneIntelligent investieren: Spekulierst Du noch, oder investierst Du schon?

, aktualisiert 28. September 2017, 06:34 Uhr
Bild vergrößern

Ist Spekulieren erfolgloses Investieren?

Kolumne von Thorsten Polleit

Zwischen Investieren und Spekulieren liegt ein großer Unterschied. Lernen lässt sich das von Benjamin Graham, Investorenlegende und Vater des „Value Investing“. Er gibt uns gute Gründe an die Hand zu investieren.

Wenn Sie, lieber Leser, darüber nachdenken, wie Sie bislang ihre Geldanlageentscheidungen getroffen haben: Würden Sie dann sagen, dass Sie investiert oder eher spekuliert haben? Vermutlich werden Sie entgegnen: Es kommt darauf an, wie man Investieren und Spekulieren definiert. Recht haben Sie. In der Tat haben die Begriffe Investieren und Spekulieren für unterschiedliche Personen (zu unterschiedlichen Zeiten) eine unterschiedliche Bedeutung.

Etwas flapsig könnte man sagen: Investieren ist erfolgreiches Spekulieren, und Spekulieren ist erfolgloses Investieren. Doch ganz so einfach ist es nicht. Benjamin Graham (1894–1976) – akademischer Lehrer, Investor und Autor der in Fachkreisen bekannten Bestseller Security Analysis (1934, verfasst zusammen mit David L. Dodd (1885 – 1988)) und The Intelligent Investor (1949) – hat sich eingehend mit der Frage auseinandergesetzt, was Investieren und was Spekulieren eigentlich ausmacht. Seine Überlegungen dazu sind zeitlos, sind heute noch hilfreich für jeden, der investieren – und nicht spekulieren – will.

Anzeige

Auf die „Sicherheitsmarge“ kommt es an

Graham verdeutlicht den Unterschied zwischen Investieren und Spekulieren mit dem Konzept der „Sicherheitsmarge“ (englisch: „Margin of Safety“). Die Sicherheitsmarge bezeichnet die Differenz zwischen dem Kaufpreis eines Wertpapiers und seinem fundamentalen, oder: intrinsischen, Wert. Kostet beispielsweise eine Aktie an der Börse 40 US-Dollar, und beträgt ihr Wert (den Sie als Investor richtig ermittelt haben) 100 US-Dollar, so beträgt die Sicherheitsmarge 60 US-Dollar oder 60 Prozent: Um diesen Betrag beziehungsweise Prozentsatz kann der Aktienwert fallen, ohne dass Ihr investiertes Kapital verloren geht.

Verkehrte (Finanz)welt Warum aktive Fonds sich neu erfinden müssen

Computerpower, Gebührennachteile und schlechte Performance haben das aktive fundamentale Aktieninvestment tief in die Krise gestürzt: Doch ein Abgesang wäre fehl am Platz. Es braucht eine Profilschärfung.

Erleben wir also gerade den Todesstoß für das fundamentale Active Investing? Im Gegenteil! Quelle: Fotolia

Eine hohe Sicherheitsmarge stellt dem Investor zum einen erhöhte Renditechancen in Aussicht, in unserem Beispiel von 150 Prozent (wenn die Aktie, die man zu 40 US-Dollar gekauft hat, nachfolgend auf ihren Wert von 100 US-Dollar steigt). Eine hohe Sicherheitsmarge schützt den Investor zudem, die Zukunftsaussichten – und damit den Wert der Aktie - überschätzt zu haben. Wir können damit festhalten: Je höher die Sicherheitsmarge ausfällt, desto höher ist die Renditechance, und desto niedriger ist gleichzeitig auch das Risiko für den Investor. Dieser Mechanismus gilt auch umgekehrt. Doch gibt es überhaupt Phasen, in denen die Preise an der Börse von ihrem Wert abweichen und in denen ein umsichtiger Graham-Investor das Prinzip der Sicherheitsmarge ausnutzen kann?

Vertreter der modernen Finanzmarkttheorie verneinen das. Sie vertreten die Auffassung, die Börsenkurse entsprechen stets ihrem fundamentalen Wert, und dass es daher dem Anleger nicht möglich ist, durch gezielte Auswahl von Aktien eine Rendite zu erzielen, die höher ist als die Rendite des Gesamtmarktes. Auf diesen Glaubenssätzen ist die heutige Finanzbranche, ist das Verhalten der Mehrheit der Finanzmarktakteure aufgebaut. Doch ist das, was die moderne Finanzmarkttheorie vorgibt, überzeugend?

Preise weichen zuweilen vom Wert ab

Man darf durchaus Zweifel anmelden. Zum einen sprechen logische Gründe gegen die moderne Finanzmarkttheorie: Würden die Börsenkurse stets ihrem Wert entsprechen, würde es gar keinen Handel, keine Transaktionen geben (können). Denn dann hätte niemand einen Grund zu kaufen oder zu verkaufen. Das aber entspricht nicht der Wirklichkeit: Es wird gehandelt, und zwar fortwährend und ausdauernd, eben weil unterschiedliche Marktakteure unterschiedliche Einschätzungen über den richtigen Wert von Aktien, Anleihen und Devisen haben.

Vor allem aber gibt es immer wieder Phasen, in denen Sorge, Furcht und Panik den Börsenkurs der Aktie weit unter ihren (fundamentalen) Wert treiben. Ein Beispiel war die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009. Die Aktienkurse fielen extrem stark und unter ihren Wert, auch die von Unternehmen, die erfolgreiche Geschäftsmodelle hatten und die weiterhin in der Lage waren, Gewinne zu erzielen. Gerade in der Zeit der großen Krise boten sich also ausgezeichnete Kaufgelegenheiten: Nach Graham investiert man dann beherzt, wenn die Sicherheitsmarge hinreichend hoch ausfällt.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%