Jens und Jan Ehrhardt im Interview: „Die EZB muss Geld drucken“

Jens und Jan Ehrhardt im Interview: „Die EZB muss Geld drucken“

, aktualisiert 17. November 2011, 11:42 Uhr
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Jens Ehrhardt (links) und sein Sohn Jan Ehrhardt: Die Vermögensverwalter fordern Unterstützung durch die Notenbank.

Quelle:Handelsblatt Online

Der Euro wird so nicht überleben, meint der erfahrene Vermögensverwalter Jens Ehrhardt. Gemeinsam mit seinem Sohn Jan erklärt er, warum es jetzt die Notenbank richten muss - auch wenn das die Inflation anheizt.

Handelsblatt: Die erste Frage an den Vater: Sie sind seit vier Jahrzehnten im Geschäft. Wie erleben Sie das derzeitige Chaos an den Märkten?

Jens Ehrhardt: Manche Tage sind frustrierend. Man werkelt herum – und am Ende steht doch ein Minus. Es passieren so extreme Dinge, die können Sie gar nicht ahnen; nehmen Sie die Volksabstimmung in Griechenland, erst versetzt die Ankündigung alle in helle Aufregung, dann wird das Referendum ebenso plötzlich wieder abgesagt.

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Handelsblatt: Was muss passieren, um die Lage zu beruhigen?

Jens Ehrhardt: Jetzt ist die EZB gefragt. Sie muss handeln - und das auch offensiv ankündigen. Wir brauchen diese Unterstützung.

Handelsblatt: Das heißt konkret?

Jens Ehrhardt: Die EZB muss Geld drucken und Anleihen der Krisenstaaten in großem Stil aufkaufen. Allein die Ankündigung, dass sie ein bestimmtes Renditeniveau für Italien verteidigt, dürfte an den Märkten etwas bewegen. Mein Sohn meint außerdem, dass die EZB den Leitzins weiter senken muss.

Handelsblatt: Wie bitte?

Jan Ehrhardt: Die Zinssenkung war ein Schritt in die richtige Richtung. Aber das reicht nicht. Die EZB sollte die Leitzinsen schrittweise weiter senken, bis auf nahe null. Das drückt den Euro und fördert den Export in den Peripherieländern.

Handelsblatt: In einer so wichtigen Frage hören Sie auf Ihren Sohn?

Jens Ehrhardt: Wir haben darüber diskutiert. Ich war zunächst skeptisch, weil ich eine solche Geldpolitik nicht für seriös halte. Ich war eher auf der Linie eines Axel Weber. Aber mein Sohn hat mich überzeugt, dass es - wenn man den Euro behalten will - kaum anders geht.

Handelsblatt: Geld drucken, Zinsen senken – damit wird doch nur Zeit gekauft, die Probleme aber bleiben und werden sogar noch größer.

Jens Ehrhardt: Eine gute Lösung ist das nicht, aber unter den schlechten immer noch die beste. Was wäre die Alternative? Wir sind an einem kritischen Punkt. Wenn Sie nichts tun, besteht die Gefahr, dass das Finanzsystem zusammenbricht.

Jan Ehrhardt: Man sollte nicht erwarten, dass man einen Aufschwung bekommt, wenn die Notenbank Geld druckt. Neue Arbeitsplätze entstehen dadurch kaum. Aber zumindest würde es helfen, die Märkte zu beruhigen.


Der Euro wird so nicht überleben

Handelsblatt: Eine Alternative wären Euro-Bonds, also gemeinsame Anleihen aller Euro-Länder. Was halten Sie davon?

Jan Ehrhardt: Davon halten wir nichts. Damit würden die hohen Schulden auf alle aufgeteilt und die gesunden Länder mit hineingezogen. Deutschland müsste die Hauptlast tragen, mit entsprechenden Folgen für unsere Kreditwürdigkeit. Wenn die Märkte schon gestützt werden müssen, dann ist es besser, wenn die EZB das tut.

Handelsblatt: Je mehr Geld in Umlauf kommt, desto größer die Gefahr von Inflation. Oder nicht?

Jens Ehrhardt: Das Geld kommt immer irgendwo an, es fließt in die Wirtschaft und wird die Inflation anheizen. In den nächsten zwölf Monaten wird das aber noch kein Thema sein, erst ab 2013 könnte Inflation zum Problem werden.

Handelsblatt: Die Deutschen fürchten sich vor Hyperinflation und Währungsreform. Ist diese Angst berechtigt?

Jens Ehrhardt: Ich will eigentlich kein Öl ins Feuer gießen. Aber ich kann ein solches Szenario langfristig nicht ausschließen.

Wird der Euro überleben?

Jens Ehrhardt: In der heutigen Form kann der Euro nicht weiter existieren. Einige Länder müssen ausscheiden. Nicht von heute auf morgen, aber in den nächsten Jahren führt kein Weg daran vorbei. Es ist zu gefährlich, wenn dies ungeordnet abliefe. Die Folgen wären Kapitalflucht bis hin zu einem Bank-Run in den betroffenen Ländern, was Kettenreaktionen auslösen würde. Die Märkte müssen Schritt für Schritt darauf vorbereitet werden

Handelsblatt: Wo liegen die Ursachen für die Krise in Europa?

Jens Ehrhardt: Der Euro ist das Problem. Die Währungsunion war von Anfang an kein einheitlicher Wirtschaftsraum, zu viele Länder waren und sind nicht wettbewerbsfähig. Das wird in der aktuellen Krise offensichtlich

Handelsblatt: Als Exportnation hat Deutschland sehr vom Euro profitiert.

Jens Ehrhardt: Diese Lobhudelei kann ich nicht nachvollziehen. Der Euro mag der Exportwirtschaft selektiv genutzt haben, der wesentlich größeren Binnenkonjunktur hat er aber geschadet und damit die wirtschaftlichen Ungleichgewichte verstärkt. Im Übrigen glaube ich nicht, dass wir viel weniger exportieren würden, wenn wir die D-Mark hätten. Die Chinesen kaufen einen BMW nicht, weil die Währung günstig oder teuer ist, sondern weil die Qualität stimmt.


Wo die Ehrhardts Chancen sehen

Handelsblatt: Wünschen Sie sich die D-Mark zurück?

Jens Ehrhardt: Ich denke nicht, dass die D-Mark wieder eingeführt wird. Wirtschaftlich wäre das zwar durchaus möglich und keineswegs wirtschaftlicher Selbstmord, wie immer behauptet wird, politisch ist es aber keine Option. Eher vorstellbar wäre ein gemeinsamer ‚Nord-Euro’ der wirtschaftlich stärkeren Länder.

Handelsblatt: Wir möchten gerne vom Sohn wissen, wie er in dieser Situation Geld anlegt.

Jan Ehrhardt: Ich gehe davon aus, dass sich die Konjunktur in den nächsten Monaten schwächer entwickeln wird. Deshalb setze ich auf defensive, nicht-zyklische Aktien oder ausgewählte Unternehmensanleihen. Noch ist es zu früh, um ganz stark zu investieren. Aber im nächsten Jahr dürften sich wieder Kaufgelegenheiten ergeben.

Handelsblatt: Auf welche Werte schauen Sie?

Jan Ehrhardt: Ich beobachte zurzeit sehr genau asiatische Konsumwerte, auch die Sektoren Pharma und Telekom in China gefallen mir.

Handelsblatt: Und wo sehen Sie Chancen, Jens Ehrhardt?

Jens Ehrhardt: Asien wird auf die Dauer am besten abschneiden. Die Aktien dort sind so niedrig bewertet wie bei der letzten Baisse. Ich glaube, die Furcht vor einer Krise in Asien wird weit übertrieben. In Europa würde ich nur defensive Dividendentitel kaufen und Unternehmen mit hohen Schulden meiden.

Handelsblatt: Wie sieht es mit Gold aus? Sind Sie, Jan, ebenso ein großer Freund davon wie Ihr Vater?

Jan Ehrhardt: Ich denke, ein Anteil von zehn Prozent Gold im Depot schadet nicht.

Jens Ehrhardt: Ich würde sogar sagen: zwanzig Prozent, zur Hälfte physisch und zur Hälfte in Goldminenaktien.

Handelsblatt: Zuletzt hat Gold nicht vor Verlusten geschützt. Ist der Aufwärtstrend nicht schon vorbei?

Jens Ehrhardt: Der Goldpreis war sehr schnell, sehr stark gestiegen. Gold war bei vielen Zeitungen auf der Titelseite - ein Indiz für einen ungesunden Hype. Inzwischen ist diese Übertreibung aber korrigiert. Was bleibt ist der langfristige Aufwärtstrend. Die Fundamentaldaten - hohe Nachfrage bei gleichzeitig begrenztem Angebot - sprechen für steigende Preise.


Waren Sie zu vorsichtig?

Handelsblatt: In den vergangenen zwei, drei Jahren haben Ihre Fonds nicht sonderlich gut abgeschnitten. Waren Sie zu vorsichtig?
Jens Ehrhardt: Die Fonds haben sich stabil entwickelt, die Volatilität war gering. Das ist uns wichtiger, als immer volles Risiko zu gehen. Durch das, was im Moment an den Märkten geschieht, fühlen wir uns in unserer Skepsis bestätigt.

Handelsblatt: Der Fonds, den der Sohn managt lief deutlich besser. Fällt es schwer, das zu akzeptieren?

Jens Ehrhardt: Gar nicht. Das hat er gut gemacht, das muss man neidlos anerkennen.

Handelsblatt: Sind Sie stolz, besser als der Vater abzuschneiden?

Jan Ehrhardt: Konkurrenz ist gut fürs Geschäft, das bringt die ganze Firma nach vorne.

Handelsblatt: Wann haben Sie sich zuletzt gestritten?

Jan Ehrhardt: Wir diskutieren viel, aber Streit gibt es dabei nie. Wir versuchen, immer eine gemeinsame Lösung zu finden. Da wir verschiedene Schwerpunkte haben, kommen wir uns selten in die Quere. Mein Vater ist für die Strategie zuständig, ich mehr für die Auswahl einzelner Werte.

Handelsblatt: Gibt es einen Termin, wann der Junior den Chefposten übernimmt?

Jan Ehrhardt: Ich hoffe nicht! Dann müsste ich dreimal so viel arbeiten.

Jens Ehrhardt: Wir sind mit der Aufteilung, so wie sie ist, zufrieden. Ich lasse meinem Sohn jetzt schon große Freiheiten. Das ist auch wichtig. Ich hätte mit meinem Vater nie so zusammenarbeiten können. Er wollte, dass ich wie er Fotograf und Dokumentarfilmer werde. Aber das hätte nicht funktioniert, dafür war er viel zu bestimmend.


Die Kunden sind abgehärtet

Handelsblatt: Macht Ihnen der Job noch Spaß?

Jens Ehrhardt: Ich könnte auch in Monaco sitzen und Steuern sparen. Aber das wäre mir zu langweilig.

Handelsblatt: Was hat sich seit der Finanzkrise geändert?

Jens Ehrhardt: Der Beruf ist viel anspruchsvoller geworden. Es sind unberechenbare Faktoren hinzugekommen. Früher ist man mit einer antizyklischen Strategie meist gut gefahren. Wenn die Stimmung an den Märkten schlecht war, konnten Sie gut investieren. Heutzutage wissen Sie nie, ob die Stimmung schon auf dem Tiefpunkt ist oder ob es noch schlimmer kommt.

Handelsblatt: Jan Ehrhardt, Sie sind erst knapp zehn Jahre dabei. Haben Sie schon mal eine so kritische Situation erlebt?

Jan Ehrhardt: Als ich hier im Haus anfing, stand der Dax bei 2200 Punkten. Die Kunden waren sehr nervös, es gab Telefonate bis in die Nacht. Kritisch war auch der Sommer 2008. Ich weiß noch von einer Krisensitzung am Wochenende. Die Gefahr war, dass wir nicht mehr an das Geld kommen, wenn Banken in Schieflage geraten. Wir entschieden sämtliche Barbestände aufzulösen und kurzfristig in Staatsanleihen umzuschichten.

Handelsblatt: Was sagen die Kunden heute, sind die nervös?

Jens Ehrhardt: Eigentlich bleiben die Leute diesmal erstaunlich ruhig. Das ständige Auf und Ab an den Märkten hat sie in den vergangenen Jahren abgehärtet. Bei uns hat noch niemand an der Tür gerüttelt, weil er an sein Geld wollte. In einer früheren Krise ist das schon vorgekommen.

Handelsblatt: Wir danken für das Interview.


Vitae: Die Ehrhardts

Jens Ehrhardt (Jahrgang 1942) ist einer der Charakterköpfe der deutschen Vermögensverwalterszene. Als Gründer und Vorstandschef der DJE Kapital wacht der Münchner über ein Vermögen von rund zehn Milliarden Euro. Kunden müssen mindestens eine halbe Millionen Euro mitbringen, um sich individuell betreuen zu lassen. Privatkunden können kleinere Summen in den DJE-Fonds anlegen.

Jan Ehrhardt (Jahrgang 1975) ist im vorigen Jahr in den Vorstand von DJE Kapital aufgerückt. Er verantwortet Research und Marketing. Schon seit 2003 verantwortet er als Manager einen Fonds des Hauses, den DJE Dividende & Substanz. Vor dem Eintritt ins väterliche Unternehmen war er unter anderem für Merrill Lynch in Frankfurt sowie für die Credit Suisse Group in New York tätig.

Quelle:  Handelsblatt Online
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