Joachim Goldberg: "Die Masse liegt meistens falsch"

InterviewJoachim Goldberg: "Die Masse liegt meistens falsch"

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Wie gehen Anleger mit Nullzins, Krisengefahren und nervösen Märkten um?

von Christof Schürmann

Verhalten sich deutsche Anleger mit ihrer Fokussierung auf Sparbücher und Festgeldanlagen trotz Zinstief irrational? Der Verhaltensforscher Joachim Goldberg über die Psyche der Anleger und haussierende Märkte.

WirtschaftsWoche Online: Herr Goldberg, Anleger horten hierzulande 2000 Milliarden Euro auf Bargeld nahen Konten, obwohl es so gut wie keine Zinsen mehr gibt. Ist das nicht irrational?
Herr Joachim Goldberg: Nein, ganz und gar nicht. Die Menschen suchen nach Sicherheit und Wertzuwachs. Auf Sparkonten fanden sie bisher beides.

Die Sicherheit ist scheinbar, der Wertzuwachs nach Steuern und Inflation ehrlich gerechnet negativ.
Dennoch: Das Guthaben wächst, wenn auch nur sehr langsam, wenn auch nur nominal. Das ist besser als gar nichts. Als Mantra gilt doch allgemein derzeit, eine schwarze Null ist besser als eine rote Null. Die Sicherheit ist naturgemäß relativ. Garantien gibt es nirgendwo.

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Noch schließt die Bankenbranche Negativ-Zinsen auf übliche Konten aus. Was, wenn diese doch kommen sollten?
Ich glaube auch dann nicht, dass der Druck schon groß genug ist, das Geld in andere Vermögensklassen anzulegen.

Warum nicht?
Die Menschen sehen etwa den Aktienmarkt als stark schwankende Geschichte an und bleiben lieber fern. Wenn pro Jahr sagen wir ein Viertel Prozent vom Kapital bei der Bank abgezogen wird, treibt mich das nicht unbedingt an die Börse, weil die auch an einem normalen Tag mal zwei, drei Prozent oder noch mehr runter gehen kann.

Ein Fehler?
Das kann man so oder so sehen. Mit Aktien muss ich mich – wenn ich keinen Vermögensverwalter bemühe – beschäftigen, mit einem Sparbuch oder einer Lebensversicherung so gut wie nicht.

Bei letzterer gibt es auch starke Schwankungen, die sind nur nicht sichtbar.
Genau. Was ich nicht sehe, das lässt mich aber eben kalt.

Aktienkurse schwanken, häufig auch stark. Aber auf lange Sicht geglättet lassen sich doch stetige Renditen erzielen.
Solange Anleger nicht den Grundgedanken einer Aktienanlage erkennen, nämlich dass sie eine Beteiligung an einem Unternehmen erwerben, solange wird es schwierig bleiben, sie an die Börse zu locken. Zumal Anleger hierzulande zu häufig auf Anlagen hereingefallen sind, die gerade stark vermarktet wurden. Intransparente Immobilieninvestments oder strukturierte Produkte zum Beispiel.

Mit einer Aktie habe ich zumindest theoretisch die Chance auf Wertaufholung selbst nach größten Krisen. Schuldpapiere werden irgendwann fällig und dann bedient oder eben nicht.
Genau. Das ist der große Vorteil der Aktie. Aber die Deutschen investieren eben nicht, weder an der Börse noch großartig in den Konsum. Es ist bei uns seit Generationen vererbt, das Kapital nicht anzugreifen und bestenfalls die Zinsen als Taschengeld zu verwenden. Bei Aktien kann Kapital auf kurze Sicht eben auch mal weniger werden. Das halten nur wenige aus.

Verluste vermeiden, Gewinne ignorieren Warum wir das Sparbuch jeder Rendite vorziehen

Hyperinflation, Kriegsenteignung, 2000er-Crash und Lehman-Pleite sind so tief in der Anlegerpsyche der Deutschen verankert, dass sie den langjährigen Aktienboom verschmähten. Finanzieller Wahnsinn? Nein, eher Weisheit.

50.000 Mark für ein Brot Quelle: Getty Images, Montage

Ich könnte ja auch Anleihen bonitätsstarker Unternehmen kaufen, die bringen mit zwischenzeitlichen Unterbrechungen seit einem Vierteljahrhundert hohe Wertzuwächse.
Könnte ich. Aber jetzt noch? Das Umfeld ist tendenziell deflationär, das heißt die Rendite nach Abzug der Preissteigerung ist derzeit noch positiv, was für Käufe spricht. Nahezu alle Auguren gehen von auch über Jahre niedriger Inflation aus, wenn man sich die Erwartungen anschaut. Auch schön. Aber die Masse liegt meistens falsch. Wenn sich niemand vorstellen kann, dass es in vier oder fünf Jahren auch mal wieder fünf Prozent Zins für langfristige Anlagen gibt, dann sollte man zumindest ins Kalkül ziehen, dass es womöglich doch so kommen kann.

Sollten in ein paar Jahren die Zinsen deutlich höher sein, dann könnte es zu Schwierigkeiten bei einer derzeit gerade sehr beliebten Anlage kommen – den Immobilien.
Richtig. Wer zu wenig tilgt, den haut es dann schnell um, insbesondere weil die Preise für Wohnungen und Häuser im Moment nicht eben günstig sind.

Nahezu alle großen Märkte haussieren seit Jahren: US-Aktien, deutsche Aktien, insbesondere die Nebenwerte, ebenso die in der großen Währungen notierten Anleihen und dazu Gold. Pessimismus ist dennoch kaum zu finden. Irritiert Sie das?

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Man darf nicht vergessen, dass gerade die US-Notenbank mit ihren quantitativen Lockerungsprogrammen sowohl an den Anleihe- als auch den Aktienmärkten für massive Aufwärtstrends gesorgt hat, wobei fundamentale Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt wurden.

Wie reagiere ich jetzt als Anleger darauf?
Nach wie vor gilt das Gesetz, breit zu streuen und bei Aktien nicht alles auf ein Pferd zu setzen. Und – was noch wichtiger ist – nicht aus Verzweiflung Produkte zu kaufen, die man nicht versteht, nur weil sie vordergründig mehr Rendite als ein Sparbuch abwerfen. Sonst bleibt am Ende vom Kapital noch weniger übrig. 

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