Lohnkürzung, Jobverlagerung, Preissenkung: So hart trifft der starke Franken die Schweizer Unternehmen

ThemaKonjunktur

Lohnkürzung, Jobverlagerung, Preissenkung: So hart trifft der starke Franken die Schweizer Unternehmen

Nachdem der Franken vom Euro entkoppelt wurde und stark aufwertete haben viele eidgenössische Unternehmen in den Krisenmodus geschaltet. Welche Branchen am härtesten getroffen sind und wie die Unternehmen reagieren.

Philip Mosimann brauchte drei Tage, dann hatte er sich von dem Schock erholt. Erstens, schrieb der Chef des Züricher Mischkonzerns Bucher an seine Vorstandskollegen, werde an Innovationen festgehalten. Zweitens: Jede Neueinstellung in der Schweiz erfolge nur mit seiner Zustimmung. Drittens: Bei Investitionen ab 100.000 Schweizer Franken müsse er sein Okay geben. Viertens: Das Management der einzelnen Konzerngesellschaften solle ihm Maßnahmen vorschlagen. „Das geht von längerem Arbeiten über günstigeren Einkauf, Prozessstraffung bis zum Prüfen der Wertschöpfungskette“, ließ Mosimann seine Leute wissen. „Auch ein Stellenabbau darf kein Tabu sein.“ Immerhin rechne er mit 15 Prozent weniger Umsatz in diesem Jahr, das sei nicht schön, aber verkraftbar.

Statements zur Franken-Freigabe der Schweizer Notenbank

  • "Entscheidung war längst überfällig"

    "Die Entscheidung der Schweizer Notenbank war längst überfällig. Ihre Wechselkurspolitik hat zwar in den vergangenen Jahren Schweizer Exporteure geschützt und deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwächeren Franken unterstützt. Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen. Denn der Franken wird langfristig gegenüber dem Euro aufwerten. Die Wertverluste auf die Devisenreserven könnten deshalb enorm groß werden. Der Zeitpunkt der Entscheidung ist sicherlich nicht zufällig. Die Erwartung eines Anleihenkaufprogramms der EZB sollte den Euro mittelfristig weiter schwächen, und damit die sonst notwendigen Ankäufe und diese Verluste für die Schweizer Notenbank erhöhen."

    DIW-Präsident Marcel Fratzscher

  • "Ein Zusammenhang mit den EZB-Maßnahmen liegt auf der Hand"

    „Ein Zusammenhang mit den zu erwartenden zusätzlichen geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank liegt auf der Hand. Dies nicht zuletzt auch deshalb, als das von der SNB im Dezember eingeführte Instrument der negativen Zinsen genau am 22. Januar in Kraft tritt, exakt am Tag der EZB Entscheidung“
    Joachim Corbach, Währungsexperte der Fondsgesellschaft Swiss & Global Asset Management in Zürich

  • "Wirft ein schlechtes Licht auf die Lage der Eurozone“

    Mit der Freigabe des Wechselkurses läuft die SNB nun Gefahr, dass der Schweizer Franken
    massiv aufwertet. […] Bereits kurz nach der Entscheidung hat
    die SNB am Devisenmarkt interveniert, um die Aufwertung zu bremsen. […] Tatsächlich dürften sich die Schweizer Währungshüter von der Geldpolitik der EZB befreien wollen.[…] Damit könnte die SNB wieder eine unabhängige Geldpolitik betreiben. Letztlich wirft der heutige Schritt damit vor allem ein schlechtes Bild auf die Lage in der Eurozone“.

    Christoph Weil, Analyst Commerzbank

  • „Euro wird nicht ins Bodenlose fallen“

    Mit der unerwarteten Aufhebung des Mindestkurses riskiert die SNB nun ihre Glaubwürdigkeit. Schließlich versicherte sie bis zuletzt, dass der Mindestkurs zum Euro der zentrale geldpolitische Pfeiler sei. […]
    Auch wenn es nun keinen expliziten Mindestkurs zum Euro mehr gibt, dürfte die SNB auch in Zukunft den Franken nicht ins Bodenlose fallen lassen. […] Weitere Interventionen am Devisenmarkt hatte die SNB "bei Bedarf" explizit nicht ausgeschlossen.[…] Sollte sich der Kurs im Zuge eines voraussichtlichen Beschlusses der EZB, Staatsanleihen aufzukaufen und einer unübersichtlichen politischen Lage in Griechenland im Zuge der Neuwahlen (25. Januar) wieder merklich unter Parität bewegen, rechnen wir kurzfristig mit weiteren Deviseninterventionen der SNB.

    Manuel Andersch, BayernLB

  • „Schweizer Notenbank wird stärker am Devisenmarkt intervenieren müssen“

    Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass der Schweizer Franken immer eine der Währungen ist, die in Zeiten von Risikovermeidung, als sicherer Hafen dienen […] Die heutige Entscheidung geht auf die Kosten zukünftiger fester Wechselkursversprechen, in denen die SNB weniger glaubwürdig erscheinen wird. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie eine solche Maßnahme in den nächsten Jahren wiederholt. Folglich wird die SNB noch stärker auf den Devisenmärkten intervenieren müssen.“

    Karsten Junius, Chef-Ökonom der Bank J. Safra Sarasin

  • "Ein Befreiungsschlag der SNB"

    „Das ist ein überraschender Schritt der SNB. [...] Sie hätte aber auch eine sanftere Abkehr wählen können, etwa über eine Bindung an einen Währungskorb. Der völlige und abrupte Rückzug erscheint aktuell kontraproduktiv für die EZB. Es ist auch ein Befreiungsschlag der SNB. Sie kann sich nun wieder auf ihr geldpolitisches Mandat und die Makroökonomie konzentrieren. Die Frage ist nun, was das für die Realwirtschaft bedeutet. Der starke Ölpreisverfall zusammen mit `flash crash`-Aufwertung des Franken birgt eine sehr große Deflationsgefahr. Die Schweizer Unternehmen verlieren stark an Wettbewerbsfähigkeit. Und in der Finanzindustrie könnte es einige Investoren auf dem falschen Fuß erwischt haben. Auf das Vertrauen in Zentralbanken eine Anlagestrategie aufzubauen, ist hoch problematisch. Und natürlich stellt sich nun die Frage: Wie vertrauenswürdig sind Zentralbanken?“

    Dirk Aufderheide, Chief Currency Strategist Active der Deutschen Asset & Wealth Management (Deutsche AWM)

  • "Nach Übertreibungsphase wieder höher Kursniveaus"

    "Die SNB beugt sich dem Marktdruck, setzt aber ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Interventionen der vergangenen Wochen waren wohl für die eidgenössischen Währungshüter zu viel. Bei der Einführung des Mindestwechselkurses war an punktuelle Interventionen gedacht, nicht aber an permanente. Letztlich dürfte aber auch die Gold-Initiative eine gewisse Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. Die Bevölkerung zeigt gegenüber dem Aufbau hoher Fremdwährungsbestände in Euro Skepsis. Letztlich hatte die SNB damit auch ein Legitimationsproblem.
    Zwar schreibt die SNB, dass die Schweizer Exportwirtschaft sich auf die neue Situation einstellen konnte, doch ob die Unternehmen mit Kursen von 0,92 gegenüber dem Euro klar kommen, bleibt fraglich. Da der Schweizer Franken auf den aktuellen Kursniveaus deutlich gegenüber dem Euro überbewertet ist, sollten sich nach einer Übertreibungsphase wieder höhere Kursniveaus beim Währungspaar Euro/Franken einstellen."

    Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Group (Liechtenstein)

  • "Währungspolitik der Schweizer buchstäblich zerrissen"

    "Die Schweizer haben das Ausmaß der europäischen Probleme und die Trägheit der europäischen Politik unterschätzt. Die Schweizer Nationalbank ist ursprünglich davon aus gegangen, dass Europa seine Hausaufgaben machen und Strukturreformen durchführen würde. Das ist nicht schnell genug passiert. Hierdurch verlor der Euro gegenüber dem US-Dollar bedeutend an Wert. Die Mindestkopplung zwischen Euro und Schweizer Franken zog den Franken mit in die Tiefe.
    Würde die Schweizer Nationalbank die Mindestkopplung weiter durchsetzen, müsste sie ihre Bilanz viel weiter aufblähen, als ursprünglich erwartet. Nach eigener Aussage wäre ihr das auf Dauer nicht nachhaltig möglich gewesen. Die Divergenz in der wirtschaftlichen Entwicklung von Europa und den USA hat die Währungspolitik der Schweizer buchstäblich zerrissen."

    Marcel van Leeuwen, Geschäftsführer der DWPT Deutsche Wertpapiertreuhand GmbH

  • "Weckruf für Investoren, Zentralbanken nicht zu trauen"

    "Für uns ist dieser Paukenschlag folgerichtig. Die Schweizer wollen angesichts der aggressiven Geldpolitik der EZB, die erwartungsgemäß diese Woche einen Freibrief vorm Europäischen Gerichtshof für ihre Staatsanleihenkäufe ausgestellt bekam, mit dem Euro keine Schicksalsgemeinschaft bilden. [...] Der Schritt unterstreicht, dass Draghi in diesem Jahr "aus allen Rohren feuern" wird und die Schweizer diesen Schritt nicht mitgehen wollen! Sie wissen um die langfristig verheerenden Folgen dieser Politik. Viele Investoren hatten sich auf den Mindestkurs des Schweizer Franken zum Euro verlassen und dürften jetzt massive Verluste erleiden. Der heutige Schritt zeigt ein weiteres Mal: Wir dürfen den Versprechen der Zentralbanken nicht Glauben schenken!
    Ohnehin werden wir nicht müde, ständig den Ausspruch Marc Fabers zu zitieren: "Wer sein Gold verkauft, vertraut den Regierungen". Der heutige Paukenschlag der Schweizer Notenbank ist somit ein Weckruf für die Investoren, Zentralbanken und Regierungen nicht zu vertrauen! Gold und Silber verbriefen kein Schuldversprechen eines Dritten und sind das Investment für diejenigen, die Zentralbanken und Regierungen einen gesunden und völlig berechtigten Argwohn entgegenbringen."

    Thorsten Schulte alias "Silberjunge" in einer Sondermitteilung an seine Leser

  • "Euro schon vor Monaten zum Abschuss freigegeben"

    „Inhaltlich kann man den Schweizern ihre Entscheidung kaum übel nehmen. Die EZB hat den Euro schon vor Monaten zum Abschuss freigegeben und wird in Kürze ein Programm zur quantitativen Lockerung bekannt geben, in dessen Rahmen sie europäische Staatsanleihen aufkaufen wird. Tendenziell wird der Euro dadurch weiter geschwächt. Hätte die SNB ihre Bindung an den Euro aufrecht erhalten, wäre der Franken immer mehr zum rot-weiß lackierten Euro geworden. Natürlich hätte man von vornherein die Untergrenze gar nicht erst einziehen dürfen.“

    Daniel Kühn, Chefredateur des Finanzportals Godmode Trader

Rezession im Sommerhalbjahr

Gut einen halben Monat nach dem 15. Januar, als die Schweizer Notenbank den Kurs des Franken vom Euro abkoppelte und den Wert der eidgenössischen Währung auf diese Weise um ein Fünftel in die Höhe jagte, beginnen die Unternehmen des Alpenlandes zu reagieren. Viele haben in den permanenten Krisenmodus geschaltet und stellen sich auf eine längere Durststrecke ein. Der Euro hat sich zwar etwas erholt, doch die Konjunkturforschungsstelle der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich rechnet im Sommerhalbjahr mit einer kurzen Rezession und zwei aufeinanderfolgenden Quartalen mit einer schrumpfenden Wirtschaft.

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Nicht alle Schweizer Unternehmen sind gleichermaßen von der Verteuerung der Waren und Dienstleistungen gegenüber dem Ausland betroffen. Die Trennlinie ist nicht scharf, sondern oft fließend.

Am härtesten ist der Tourismus getroffen. „Wir sind die Hauptleidtragenden der Franken-Stärke, keine Branche ist so stark betroffen“, sagt Jürg Schmid, Direktor des Schweizer Tourismusverbandes. „Wird der Franken ein Prozent teurer, verliert der alpine und ländliche Tourismus 1,2 Prozent Gäste aus dem Euro-Raum.“

Stornierungen füllen schon jetzt die E-Mail-Postfächer der Herbergen. „Wir haben 25 bis 40 Prozent weniger Anfragen als üblich“, sagt Pascal Jenny, Kurdirektor in der Wintersporthochburg Arosa – und das in der Hochsaison.

Kommentar Risse im System der Notenbanken

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihre Bilanz um weit mehr als 2000 Milliarden Euro durch den Kauf von Staatsanleihen aufblasen. Diese Aussicht hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) in Panik versetzt.

Die Schweizernotenbank Quelle: Bloomberg

Große Hoffnung setzt die Branche deshalb in ihre Landsleute. „Knapp die Hälfte der Übernachtungen in den Schweizer Hotels gehen auf das Konto von Schweizern“, sagt Andreas Züllig, Präsident des Branchenverbandes Hotelleriesuisse und Chef des Schweizerhofs in Lenzerheide in Graubünden. Allerdings intensiviert die österreichische Konkurrenz die Jagd auf die Nachbarn, für die sich der Urlaub außerhalb der Heimat durch den starken Franken gehörig verbilligt. Im nahen Vorarlberg nur knapp zwei Stunden von Zürich entfernt, locken Hotels mit „Schweizer Tagen“ und „Franken-Euro-Swiss-Highlights“.

Wenig von ihren Landsleuten haben die Reiseveranstalter, wenn die Kunden im Ausland buchen. Die großen Veranstalter räumen auf bestimmte Arrangements 10 bis 20 Prozent Rabatt ein, der ihnen voll auf die Margen durchschlägt. „Ein Großteil der gewährten Währungsrabatte geht auf unsere Kosten, da wir die budgetierten Umsätze in Fremdwährungen lange im Voraus absichern“, sagt Kurt Eberhard, Schweiz-Chef des Veranstalters Hotelplan.

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