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Niedecken im Interview: „Geld beruhigt, aber ich verprasse es nie“

von Christian Schnell Quelle: Handelsblatt Online

Der Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken hat mit seiner Band BAP 19 CDs herausgebracht. Nun sprach er mit Handelsblatt über Gitarren als Geldanlage, die Piratenpartei und über Rock'n'Roll in der Finanzszene.

Wolfgang Niedecken.
Wolfgang Niedecken.

KölnHandelsblatt: Herr Niedecken, zwischen all den Dingen, die Ihnen nach Ihrem Schlaganfall im November durch den Kopf gegangen sind, haben Sie da auch an die eigene Altersvorsorge und an die Versorgung Ihrer Familie gedacht?

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Wolfgang Niedecken: Ja, aber nicht als Erstes. Da war ich nur unglaublich glücklich, dass ich wieder zu mir gekommen bin. Im Laufe der Zeit kommen einem dann Dinge in den Kopf wie: Ich habe noch überhaupt kein Testament gemacht. Und keine Patientenverfügung. Damit nerve ich jetzt alle gleichaltrigen Freunde. Ich bin auf jeden Fall sehr stark daran interessiert, dass meine vier Kinder versorgt sind und dass meine Frau und ich fürs Alter vorgesorgt haben. Aber das war unabhängig vom Schlaganfall schon vorher sonnenklar.

Sie mussten die Tournee unterbrechen, und es war zeitweise für Ihre Musiker nicht klar, wie es weitergehen wird.

Die waren erst mal alle glücklich, dass ich überlebt habe. Wir konnten nach zwei Wochen planen, wie es weitergehen wird. Nachdem ich in der Neurologie von oben bis unten auf den Kopf gestellt worden war, war klar, dass ich in einem halben Jahr wieder auftreten könnte. Für die Musiker war das großartig.

Sind die Musiker bei Ihnen fest angestellt?

Nein, das sind freie Mitarbeiter. Die kriegen Verträge für Probenphasen, fürs Studio und für Auftritte in allen Größenordnungen. Und natürlich Gema und GVL.

War das früher in der ersten BAP-Phase anders?

Ja. Aber irgendwann erübrigen sich diese Hippie-Modelle, weil Leute dabei sind, die nie einen Schlag tun und an anderen wiederum alles hängen bleibt. Mit Leuten, die nur High Life machen und alle halbe Jahre mal gucken, was auf ihrem Konto hängengeblieben ist, kann man auf Dauer nicht zusammenarbeiten.

Und wie ist es heute?

Jetzt bin ich praktisch der Chef. Aber es passiert sehr selten, dass ich irgendetwas par ordre du mufti durchsetze. Ich bin Team-Player.

Stellen Sie auch finanzielle Dinge anders auf?

Mein Verständnis für Zahlen ist im negativen Sinn legendär. Aber letztendlich bin ich ja Geschäftsführer von Travelling Tunes Productions, unserer Vermarktungsfirma, und muss mich deshalb zwangsläufig damit beschäftigen. Aber ich würde das niemals tun, ohne auf Leute zurückzugreifen, die wirklich Ahnung davon haben. Gott sei Dank ist mein bester Freund jemand, der auf alles guckt, der wirtschaftlich nicht eingebunden ist und der das als Freundschaftsdienst macht. Es ist der Ex-Chef von Jack Wolfskin, Manfred Hell. Ansonsten habe ich einen guten Steuerberater und einen guten Tour-Manager, denen ich vertraue.

Spüren Sie als Musiker die Finanzkrise?

Schwer zu sagen, es gibt ja kaum Vergleichsmöglichkeiten. Man müsste eher die heutigen Zeiten mit denen vergleichen, als es noch keine illegalen Downloads gab und man Tonträger noch nicht ohne Qualitätsverlust kopieren konnte. Wenn wir früher ein Album veröffentlicht haben, und es ging von null auf eins, dann wussten wir, es wird sich irgendwo zwischen 500 000 und einer Million Mal verkaufen. Wenn wir heute von null auf eins gehen, können wir froh sein, wenn wir die 100 000er-Grenze überschreiten.


„Wir sind heilfroh, dass wir als BAP einen guten Namen als Live-Band haben“

Alles andere ist illegaler Download?

Ja. Andererseits drängen allwöchentlich unzählige Neuproduktionen auf den Markt, und sämtliche Zahlen relativieren sich ohnehin.

Wie kompensieren Sie das?

Man muss mehr auf Tournee gehen. Wir sind heilfroh, dass wir als BAP einen guten Namen als Live-Band haben. Nur von den Plattenumsätzen würde es sehr schwer, weiterexistieren zu können. Aber wir spielen nach über 30 Jahren immer noch in der Bundesliga und sind noch nie abgestiegen. Meist erreichen wir sogar einen Champions-League-Platz.

Hätten Sie durch die Erfolge der vergangenen drei Jahrzehnte nicht längst ausgesorgt?

Klar konnte ich Anfang der Achtziger plötzlich über Summen verfügen, an die ich früher nie im Traum gedacht hatte. Irgendwann hatten wir mit "Für usszeschniggge" und "Vun drinne noh drusse" zwei Doppel-Platin-Alben; die haben sich über eine Million Mal verkauft. Aber da hat man nicht ausgesorgt, mit vier Kindern und zwei dämlichen Doppel-Platin-Alben. Da musste ich schon noch ein bisschen was tun.

Werden Sie wegen Ihrer Bekanntheit oft von Finanzberatern kontaktiert? Man würde Sie ja tendenziell dem ethisch-ökologischen Bereich zurechnen.

Das haben wir alles gemacht, es hat aber nur bedingt funktioniert. Das ist genauso einer Blase unterworfen wie alles andere.

Das heißt, Sie haben mit diesen Investments auch Geld verloren?

Ja, auch. Das war aber in der Zeit, in der alle Geld verloren haben.

In den achtziger Jahren äußerten Sie sich mal, dass Sie ständig überlegen, wie Ihnen etwas ausgelegt wird. Ist das heute anders, wenn Sie öffentlich über das Thema Geld reden können?

Heute bin ich sehr viel selbstbewusster. Ich bin ja zu Geld wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Ich habe Musik gemacht, vorher Kunst studiert. Und plötzlich war da mehr Geld auf dem Konto, als ich mir jemals vorstellen konnte. Mit Ach und Krach habe ich die Stellen bemerkt. Das sind jetzt nicht 30 000, sondern 300 000. Auf einmal war von Millionen die Rede. Angst, Angst, nur noch Angst! Das dann verantwortlich zu investieren und nicht auf den Kopf zu hauen, ist eine Aufgabe. Geld beruhigt, aber ich verprasse es nie. Das meiste gebe ich wahrscheinlich für Reisen aus.

Und für was noch?

Ich sammle alte Gitarren. Gute alte Gitarren, die eine Geschichte erzählen. Ich habe zum Beispiel eine Gibson Les Paul Goldtop aus dem ersten Jahr, in dem sie gebaut wurde, von 1952. Sie ist ein Jahr jünger als ich. Die erzählt mir die ganze Geschichte seit 1952. Aber das würde ich jetzt nicht als Luxus bezeichnen, vielleicht eher sogar als Geldanlage. Die Dinger werden ja nicht billiger.

Spielen Sie die auch, oder erfreuen Sie sich nur am Anblick?

Ich versuche, gerade diese Gitarre nicht nur als Museumsstück anzusehen. Eigentlich ist sie im Urzustand nicht spielbar. Sie verstimmt sich immer wieder. Man musste sie mit einem neuen Steg versehen, durfte aber immer nur die Original-Bohrlöcher nehmen. Ich halte meine Gitarren so, dass ich sie auch spielen kann. Aber nur im Studio. Wenn die auf der Tour einmal umfallen, das kostet!


„Ich verhalte mich im wahrsten Sinne des Wortes gewissenhaft“

Gibt es hier auch Fälschungen?

Wenn man da nicht genau Bescheid weiß, wird man auch übers Ohr gehauen. Gitarrenfälscher gibt es genug, die die so herstellen können, dass sie wirklich alt aussehen. Irgendwann kommt man an einen wirklichen Crack, der dir sagt, wo welche Bestandteile her sind. Da guckst du blöde.

Ist Ihnen das schon passiert?

Gott sei Dank nein.

Viele Ihrer frühen Texte, beispielsweise "Stell der vüür", wo es um die mündliche Anhörung bei Kriegsdienstverweigerern geht, sind längst von der Realität überholt. Haben Sie sich dem Mainstream angenähert oder der Mainstream an Sie?

Ich bin mittlerweile über 30 Jahre älter, habe eine andere Lebenswirklichkeit. Damals habe ich mir maximal Gedanken drüber gemacht, wie ich meine Miete bezahle, ob ich Sprit im Auto habe und wie ich meinen Deckel in der Kneipe bezahlt kriege. Das ist nicht mehr. Ich bin vierfacher Familienvater, habe erwachsene Kinder. Ich verhalte mich im wahrsten Sinne des Wortes gewissenhaft. Ich folge keiner Partei, weil man sich als Künstler keiner Parteiräson unterwerfen sollte. Was weiß ich, was noch links ist. Keine Ahnung!

Mit den Piraten ist zuletzt eine Partei in Länderparlamente eingezogen, deren extreme Forderungen nach Umsonstkultur im Netz gerade für Künstler existenzbedrohend sind.

Oh Gott, diese Nerds, die einen anonym im Internet bedrohen, wenn man anderer Meinung ist. Ich finde die Partei ganz furchtbar. Ich kann doch keiner Partei einen Blankoscheck ausstellen, die sagt, wir wissen zwar noch nicht, was wir mit deiner Stimme machen, aber wir machen das jetzt einfach mal. Du musst uns jetzt einfach mal vertrauen. Wir sehen ja abenteuerlich genug aus, dass du auch als Künstler uns wählen kannst.

Sehen Sie Gemeinsamkeiten bei den Piraten mit der Protestbewegung vor 30 Jahren?

Nein, überhaupt nicht. Damals ging es um Ökologie und Abrüstung; heute geht es darum, wie man unentgeltlich an das geistige Eigentum anderer kommt.

Welchen Politikern vertrauen Sie stattdessen?

Ich habe immer gerne, wenn Politiker auch mit bitteren Wahrheiten ankommen. Nehmen wir die Agenda 2010. Schröder hat es gemacht, obwohl er wusste, er wird dafür abgestraft. Deswegen hat er bei mir immer noch einen großen Bonuspunkt: weil er es endlich gewagt hat. Vielleicht hätte man mehr an die kleinen Leute denken sollen. Wenn jedoch alle auf der Welt unser Existenzminimum hätten, würden wir "Hurra" schreien.

Beispielsweise in Afrika, wo Sie sich seit Jahren engagieren? Wie geht es Ihnen, wenn Sie sehen, dass dieser arme Kontinent mit den immensen Rohstoffschätzen von Investoren aufgekauft wird?

Das ist ganz bitter. Die Europäer versuchen dort, Korruption auszuschalten und nur mit Staaten zusammenzuarbeiten, in denen die Menschenrechte zumindest in einem gewissen Standard vorhanden sind. Den Chinesen ist das alles vollkommen egal, Hauptsache, sie kommen an die Rohstoffe. Dieser Kontinent ist unendlich reich und wird nur ausgebeutet. Wie die Kinder dort in den Bergwerken arbeiten müssen, um Gold zu schürfen, das ist etwas, was in unseren Medien nur nach Mitternacht auf Phoenix stattfindet.


„Kultursponsoring ist nicht auf unseren Mist gewachsen“

Ein europäisches Krisengebiet ist Griechenland. Nun sind ausgerechnet viele Ihrer Lieder und Texte dort entstanden. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie allabendlich die Nachrichten sehen?

Ich denke an die Leute, die ich dort kenne und die wirklich keine Prasser sind. Das sind arbeitsame Menschen. Diejenigen, die Griechenland in der Euro-Zone haben wollten, saßen in korrupten Parteien in Athen, in Brüssel und auch in der Bundesregierung. Die haben sich gerne täuschen lassen. Dabei war das Land einfach nicht reif. Natürlich wäre diese Krise dreimal finanziert, wenn alle Großreeder und sonstigen Reichen ihre Steuern bezahlen würden. Der kleine Mann hat sich an Zustände gewöhnt. Aber der kleine Mann hat auch nicht gesagt: Lasst uns in betrügerischer Weise in die Euro-Zone eintreten.

Sie waren einer der ersten Künstler in Deutschland, die Tourneen mit Sponsoren durchgeführt haben. Muss das heutzutage sein?

Kultursponsoring ist nicht auf unseren Mist gewachsen. Man musste es eben irgendwann akzeptieren. Wichtig ist, dass wir Sponsoren haben, die für uns auch okay sind. Wir sind auch mal drauf reingefallen. Unsere 1990er-Tournee "X für e U" haben wir von Camel Collection sponsern lassen. Wir haben uns eingeredet, es sind ja nicht die Zigaretten, sondern die Outdoor-Klamotten. Kurzum: Wir sind reingefallen.

Sie haben kürzlich in einem Interview mit der "Zeit" gesagt, man könne auch Rock'n'Roller sein, ohne in einer Band zu spielen. Glauben Sie, dass es auch in der Finanzszene Rock'n'Roller gibt?

Ich glaube schon, dass es dort Menschen gibt, die das nach bestem Wissen und Gewissen betreiben, und zwar in selbstbestimmter Form. Es gibt auch Schlipsträger, die Rock'n'Roller sein können. Man darf sich nur einfach nicht verbiegen. Vorbild ist sicher Bob Dylan. Er hat nie versucht, das Publikum anzuschleimen.

Sie sind jetzt wieder auf Open-Air-Tournee, ebenfalls Ihr Vorbild Bob Dylan. Wen wird man länger auf der Bühne sehen?

Altersmäßig bin ich genau zehn Jahre jünger. Aber ich denke, wir werden das beide machen, bis wir nicht mehr können. Weil es unser Lebensinhalt ist.

Als Juror bei "Deutschland sucht den Superstar" wird man Sie somit also nicht sehen?

Mit Sicherheit nicht!

Herr Niedecken, vielen Dank für das Interview.

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