Norbert Walter im Interview: „Die Party für Anleger ist vorbei“

Norbert Walter im Interview: „Die Party für Anleger ist vorbei“

, aktualisiert 22. November 2011, 10:36 Uhr
Bild vergrößern

Der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank und Autor, Norbert Walter, mahnt zur Besonnenheit.

von Dörte JochimsQuelle:Handelsblatt Online

Der langjährige Chefvolkswirt der Deutschen Bank möchte am Euro festhalten. Allerdings fürchtet er dramatische Verwerfungen durch die Schuldenkrise. Trotzdem bestehe Hoffnung, vor allem für Deutschland.

Herr Walter, sind Sie persönlich eigentlich in Anleihen investiert?

Ehrlich gesagt haben Anleihen von Autoherstellern mein Depot in der Finanzkrise gerettet. Doch Autohersteller sind Zykliker. Wenn wir in eine Rezession geraten, wird es die Branche treffen. Früher hätte ich gesagt, wenn die Zeiten schlechter werden, sollte man besser auf Versorger setzen. Doch damit wäre man wohl aufgrund der Energiewende eher schlecht gefahren. Es hat sich eben vieles verändert. So manche Gesetzmäßigkeit gilt heute nicht mehr.

Anzeige

Was erwarten Sie – etwa in Bezug auf die Zinsen. Womit müssen Anleger rechnen?

Die Zinsen werden weiter tief stehen und sich unterhalb der Inflationsgrenze bewegen. Dennoch ist die Party für Anleger vorbei. Die ungewöhnlichen Ereignisse sind zahlreich. Wir bewegen uns dann immer wieder außerhalb von unserem Erfahrungsbereich. Jeder Anleger muss einfach wissen: Es gibt derzeit keine nennenswerte Rendite ohne nennenswertes Risiko.

Der risikolose Zins, den es jahrelang für Euro-Staatsanleihen gab, ist passé. Eine Folge der Euro-Krise?

Es gibt keine Euro-Krise! Seit der Einführung des Euro ist der Kurs unserer Währung gegenüber dem Dollar von 1,18 auf 1,35 gestiegen. Das ist eine Aufwertung. Zudem lag die Inflation bei durchschnittlich 1,9 Prozent. Zu DM-Zeiten waren es 2,8 Prozent. Die Schweizer scheinen dem Euro mehr zu vertrauen als die Europäer. Sie haben immerhin ihren Franken daran gekoppelt.

Wie nennen Sie denn dieses Phänomen, das im Euroraum Unsummen verschlingt?

Viele europäische Gesellschaften haben jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt. Es gibt daher ein Staatsschuldenproblem. Das ist übrigens keineswegs auf den Euroraum beschränkt. So müssen auch die Ungarn und die Engländer dringend sparen.

Aber für manche Euro-Länder lagen die Zinsen um 500 Basispunkte über dem Euribor. Erstmals ist in Griechenland ein Schuldenschnitt nötig geworden…

… Die Situation ist dramatisch. Allein auf Grund des Zinsanstieges wäre bei Privatleuten der Bankrott so gut wie sicher. Jetzt muss man gewährleisten, dass Staaten, die in Not geraten, von den Zinsforderungen nicht überfordert werden. Die Geberländer müssen sie entlasten. Das ist meiner Meinung nach die billigste Lösung. Dennoch ist es schwierig, dafür eine politische Mehrheit zu finden. Es könnte gehen, wenn die angeschlagenen Länder bereit sind, zeitweise auf einen Teil ihrer politischen Souveränität zu verzichten.

Viele Volkswirte meinen, wenn etwa Griechenland abwerten könnte, wäre die Situation leichter zu bewältigen…

Dieses Argument kommt oft. Doch in der Praxis funktioniert es fast nie. Nehmen Sie Ungarn und damit ein Land, das hochverschuldet ist und ja noch abwerten könnte. Das Problem: In den Lehrbüchern steht nicht, wie man mit Schulden umgeht, die in Yen oder CHF aufgenommen wurden. Oder Frankreich. Bis zur Einführung des Euro wertete die Volkswirtschaft den Franc immer wieder gegenüber der DM ab, um die Industrie konkurrenzfähig zu halten. Doch erst seit Frankreich Mitte der 80er Jahre die deutsche Stabilitätspolitik adaptierte und den Franc an die DM band, gibt es viele starke Unternehmen dort, die Konkurrenz nicht fürchten müssen.

Was halten Sie denn davon, wenn die EZB marode Staatsanleihen kauft?

Natürlich ist es nicht Aufgabe der Zentralbank, Junk Bonds in die Bilanz zu nehmen. Wenn aber europäische Parlamente und Regierungen nicht rechtzeitig handeln, um zu verhindern, dass die Währung zusammenbricht, dann können solche Aktionen eine Zwischenlösung sein.

Erhöhen Rettungsmaßnahmen wie diese nicht massiv die Inflation?

Bisher gelangte die Liquidität, die in die Märkte gepumpt wird, nicht in den Umlauf. Die EZB hat wochengleich die erhöhte Liquidität wieder abgeschöpft. Zudem: Die Banken, die sich gegenseitig nicht trauen, horten das Geld, statt es weiter zu geben. Der hohe Goldpreis lässt zwar darauf schließen, dass viele Anleger eine hohe Inflation erwarten. Aber abgesehen vom Preisdruck bei Rohstoffen sehe ich keine Inflationsgefahr für den Euroraum.

Und was wird passieren, wenn sich die Ratings von Italien und Griechenland weiter verschlechtern?

Die Ratingagenturen sind an sich ein heikler Punkt. Sie geben kein gutes Bild ab. Natürlich war das alte Rating etwa für Italien zu günstig. Doch die Häuser sagen nicht, wir haben die Lage jahrelang nicht sachgerecht eingeschätzt und werten jetzt ab. Sie stufen die Länder herunter, obwohl die Politik bereits in die richtige Richtung ging, ohne weiteren Kommentar. Noch dazu wird mit unterschiedlichem Maß gemessen. So haben die USA ein höheres Defizit als Griechenland. Die Staatsschuldenquote ist fast so hoch wie in Italien. Dennoch können sich die Amerikaner zu 2,2 Prozent verschulden.

Haben wir überhaupt eine Chance, diese Situation zu bewältigen.

Wir Deutschen neigen immer dazu alles schwarz zu sehen. Dabei hat allein die deutsche Einheit 2.000 Milliarden Euro verschlungen. Jetzt kommen etwa 500 Milliarden Euro hinzu. Soviel zur Dimension. Wir Deutschen haben viele Stärken.

Wo gibt es denn Grund für Optimismus?

Ökonomisch geht es uns derzeit hervorragend: So lag das Wachstum in Deutschland in den letzten 6 Quartalen bei drei Prozent. Wir wachsen damit doppelt so schnell wie in den vergangenen 15 Jahren. Allein die Bauwirtschaft legte um sechs Prozent zu. Und vor allem: Wir haben nur 2,7 Millionen Arbeitslose. Vor wenigen Jahren lag die Zahl noch bei 5,4 Millionen. Die Kurzarbeit ist weg. Wir haben Vollbeschäftigung im Land. Und skurriler Weise wird der Finanzminister mitten in der Staatsschuldenkrise einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen können.

Das klingt nach guten Zeiten. Wie sieht denn das Investitionsklima im nächsten Jahr aus? Werden Firmen leicht an Kredite kommen?

Wer gut dasteht, kann etwas machen. Wer über ein gängiges und verständliches Geschäftsmodell verfügt und robuste Erträge generiert, wird bei der Finanzierung kein Problem haben. Schwierig wird es für alles, was groß, neu und risikoreich ist. Hier kann es richtige Probleme geben. Syndizierte Kredite funktionieren nicht mehr.

Heißt das, Sie würden derzeit auch auf Aktien von soliden Unternehmen setzen?

Aktien sind im Verhältnis zu vielen anderen Assetklassen derzeit günstig bewertet. Dennoch kann es noch weiter nach unten gehen. Wie gesagt, eine nennenswerte Rendite gibt es nicht ohne nennenswertes Risiko. Denn immer wieder passieren nicht vorhersehbare Ereignisse. Und ob Sie Unternehmensanleihen oder Aktien einsetzen, bleibt Geschmackssache.

Zurück zur Staatsschuldenkrise: Wäre es für die Deutschen nicht besser, den Euro aufzugeben?

Es gibt für uns keine Alternative zur Solidarität mit Europa. Was wäre denn das Ende des Euro: Man müsste Griechenland rausschmeißen, Italien und wahrscheinlich irgendwann sogar Frankreich. Die Trennung würde quer durch Konzerne wie Airbus verlaufen. Zudem bezieht die deutsche Autoindustrie derzeit ihr Glas komplett von der französischen Saint Gobain. Oder nehmen Sie den Finanzkonzern Unicredit. Eine Schieflage betrifft nicht nur Italien, sondern München und Wien stehen genauso in der Verantwortung.

Was schlagen Sie also vor?

Zunächst müssen die Geberländer die Kosten der Schuldenbedienung auf ein erträgliches Niveau herabschleusen. Die Risikoprämien müssen weit unter den heutigen Marktniveaus zum Stehen kommen. Das kostet Geld, ist aber die billigste Lösung. Doch man sollte nicht nur Geld nach Griechenland schicken.

Sondern?

Die Griechen könnten von spanischem Know-How profitieren, um Hotels zu managen oder von deutschem Know-How, um eine Industrie aufzuziehen. Aber auch die Deutschen sollten sich Hilfe holen. Wir können zwar gut produzieren und hervorragend Produkte erfinden. Aber in punkto Marketing steht es denkbar schlecht. So war ich unlängst bei den Dithmarscher Kohltagen an der Nordseeküste in Schleswig-Holstein eingeladen. Auf Grund des salzigen Bodens können hier Kohl oder Möhren ohne Chemie hervorragend gedeihen. Aber kaum jemand weiß davon. Die Bauern dort sollten sich dort dringend einen Südtiroler für die Vermarktung engagieren.

Zur Person

Norbert Walter wurde 1978 Professor und Direktor im Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Im Jahr 1987 wechselte er in die volkswirtschaftliche Abteilung der Deutschen Bank und wurde 1990 deren Chefvolkswirt. Nach seinem altersbedingten Ausscheiden Ende 2009 gründete der Vater zweier Töchter die Gesellschaft Walter & Töchter Consult. Der 68jährige hält jährlich etwa 150 Vorträge, veröffentlicht regelmäßig Kommentare auf seiner Website www.walterundtoechter.de.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Immobilien-Wertfinder:Was Mieten und Kaufen in Ihrer Region kostet
Immobilien-Wertefinder

Mit unserem interaktiven Tool finden Sie Interessierte Mieten und Kaufpreise in ihrem Viertel und ihrer Straße. Mehr...

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%