
Fußballfans werden in den nächsten Tagen gebannt in Richtung Polen und Ukraine schauen. Auch für Aktienanleger lohnt sich der Blick nach Osten - zum Beispiel in unser Nachbarland Polen. Nationalspieler wie Lukas Podolski und Robert Lewandowski stehen mit ihrer grenzüberschreitenden Karriere für die engen deutsch-polnischen Beziehungen: Deutschland ist seit zwei Jahrzehnten der mit Abstand wichtigste Handelspartner Polens, das so direkt von der wachsenden Nachfrage aus der stärksten Volkswirtschaft Europas profitiert.
Zudem ist die polnische Wirtschaft größer und weniger exportabhängig als zum Beispiel die von Tschechien oder Ungarn. Im ersten Quartal 2012 wuchs Polens Bruttoinlandsprodukt um 0,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Das ist ein europäischer Spitzenwert und lässt für das Gesamtjahr ein Plus von über 2,5 Prozent erwarten - eine endspielreife Leistung, gefördert nicht zuletzt durch Investitionen für die EM. Polen erscheint damit auch für Aktienanleger attraktiv.
Zu den Turnierfavoriten gehört Russland, das sich bei der EM 2008 nur den Spaniern geschlagen geben musste und zuletzt 14 Spiele in Folge gewonnen hat. Auch Anleger in Osteuropa kommen an dem Land kaum vorbei. Nimmt man die großen Osteuropa-Fonds zum Maßstab, machen russische Aktien rund 70 Prozent der Portfolios aus. Die Moskauer Börse wird traditionell von den großen Energiewerten dominiert. Auf Öl und Gas gehen über 60 Prozent des russischen Exports und rund 45 Prozent aller Staatseinnahmen zurück. Wenn sich die Energiepreise in den kommenden Monaten wieder erholen - was ich erwarte -, spricht dies für Aktien aus Russland.
Weitere positive Aspekte sind die erfolgreiche Neubildung des Kabinetts, mit der nunmehr eine politische Basis für notwendige Reformen geschaffen ist, und der bevorstehende Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation WTO. Auch russische Aktien besitzen damit interessante Perspektiven, zumal sie zurzeit sehr niedrig bewertet sind.
Gerade Russland ist allerdings auch ein Beispiel für die politischen und strukturellen Herausforderungen, vor denen Teile Osteuropas weiterhin stehen. Die russische Gesellschaft fordert verstärkt Wandel und Reformen, und das Regierungsduo Putin/Medwedjew wird am Ende seiner Amtszeit daran gemessen werden, wie konsequent es diese Forderungen umsetzt. Für den wirtschaftlichen Aufschwung Russlands sind vor allem Strukturreformen wie vermehrte Investitionen in Infrastruktur, Bürokratieabbau und Privatisierungen erforderlich - die neue Regierung hat solche Schritte bereits angekündigt.
Weniger Chancen für Außenseiter
Jedes Turnier hat Außenseiter, die für eine Überraschung gut sind. Am Aktienmarkt stehen die Chancen für die "Kleinen" wie Tschechien und Ungarn derzeit aber weniger gut. Beide Länder sind stark von der Wirtschaft des Euro-Raums abhängig und dürften 2012 eine milde Rezession erleben. In Ungarn hat die Politik der Regierung zuletzt zu Unstimmigkeiten mit der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds geführt.
Auf längere Sicht interessant dagegen ist die Türkei, die von vielen Fondsmanagern der Region Osteuropa zugeschlagen wird - in Regionen-Fonds sind türkische Aktien oft mit einem Anteil von rund zehn Prozent vertreten. Eine günstige Bevölkerungsstruktur und solide aufgestellte Exportunternehmen sprechen für das Land. Mittel- bis kurzfristig sind aber einige Probleme zu bewältigen: Zum Beispiel muss das durch staatliche Eingriffe beschädigte Vertrauen in die türkische Lira gestärkt werden.
Fazit: Aus Osteuropa kommen nicht nur gute Fußballspieler. Die Schwellenregion vor unserer Haustür überzeugt vielfach mit solidem Wachstum und guten Zukunftsaussichten. Welche Mannschaft sollten Aktienanleger jetzt aufstellen? Für alle, die auf eine geschlossene Teamleistung setzen, sind Fonds-Anlagen dank ihrer Risikostreuung gut geeignet. Als starke Einzelspieler kommen unter anderem Energie-, Stahl- und Infrastrukturtitel infrage.
Die Anlageempfehlung gibt die Einschätzung des Autors wider. Sie ist keine Empfehlung der Redaktion.






















