Qualitätsdebatte: Die wunden Punkte der Fondsbranche

Qualitätsdebatte: Die wunden Punkte der Fondsbranche

, aktualisiert 25. November 2011, 16:20 Uhr
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Die Skyline von Frankfurt im Sonnenaufgang.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Einer der Top-Vermögensverwalter hat einen Nerv getroffen: Ralf Lochmüller von Lupus Alpha wirft der eigenen Branche Qualitätsmängel vor, fordert ein Umdenken. Wie andere Fondsmanager reagieren.

DüsseldorfDas Vertrauen verspielt, die Produkte zu schlecht, die Innovation zu schnell auf den Markt gebracht – im Interview mit Handelsblatt.com ist Ralf Lochmüller hart mit der eigenen Branche ins Gericht gegangenen. Der Partner des Vermögensverwalters Lupus Alpha ist ein Freund klarer Worte. Das kommt an – nicht nur bei den Anlegern, sondern auch bei jenen, die für die kritisierten Fonds verantwortlich sind.

Einer, der es ähnlich sieht wie Ralf Lochmüller, ist Peter Schwicht. „Ja, wir müssen das Vertrauen, dass uns unsere Partner und Anleger entgegenbringen, immer wieder neu erarbeiten“, sagt der Deutschland-Chef von JP Morgan Asset Management. „Ja, wir müssen unsere Produktqualität immer wieder auf den Prüfstand stellen und dafür Sorge tragen, unseren Anlegern eine hohe Qualität zu liefern.“ Und dann noch: „Ja, wir müssen besser werden.“

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Anleger zogen zuletzt die Reißleine und kehrten den Produkten den Rücken: Im September flossen aus Publikumsfonds knapp 2,8 Milliarden Euro ab. Vor allem aus weltweit investierenden Fonds verabschiedeten sich die Investoren, wie die Statistik des Fondsverbands BVI zeigt.

Lochmüller stoße „in einen wunden Punkt“, bestätigt auch Max Otte. Es sei schon seit Jahrzehnten bekannt, dass die Fonds in der überwiegenden Zahl der Fälle nicht einmal den Vergleichsindex schlagen würden. „In der Finanzkrise sah es noch schlechter aus“, sagt der Bestseller-Autor und Fondsmanager. „Es ist also dringend eine Verbesserung nötig.“

Die entsprechenden Vorschläge hatte Lochmüller im Interview gleich mitgeliefert. Sein Weg aus der Krise: Eine Qualitätsoffensive müsse her und „made in Germany“ auch im Asset Management gelten. Seine konkreten Vorschläge: eine Teststrecke für Fonds, Forschungs- und Entwicklungsbudgets wie in der Industrie und eine Selbstverpflichtung der Manager, in die eigenen Produkte zu investieren.


Die Zukunft kann nicht getestet werden

Doch hier hört der kollektive Zuspruch auf: Vor allem die Teststrecke – mindestens zwei Jahr lang sollen neue Fonds am Markt getestet werden, bevor sie Anlegern angeboten werden – wird auch kritisch gesehen. Ja, sogar für überflüssig erachtet. Kritiker Nummer eins: Max Otte. „Eine Teststrecke macht nicht unbedingt Sinn, da die Renditen der Vergangenheit nicht mit denen der Zukunft korreliert sind“, kritisiert er. „So etwas würde nur eine Scheinsicherheit vortäuschen.“ Kritiker Nummer zwei: Christoph Bruns. „Fondsmanagement lässt sich nicht in Fabriken und an Fließbändern qualitätvoll erstellen“, sagt der Chef der Fondsboutique Loys. „Die Zukunft kann nicht getestet werden.“

Kritiker Nummer drei: Hermann-Josef Hall. „Unserer Überzeugung nach basiert der Erfolg einer Anlagephilosophie, also der Fondsstrategie, im Wesentlichen auf den Fähigkeiten des Fondsmanagers als der Person, welche die finalen Anlageentscheidungen trifft“, sagt der Experte von Sauren Fonds-Research. „Wenn ein Fondsmanager in der Vergangenheit seine Fähigkeiten bereits unter Beweis gestellt hat und dann einen neuen Fonds auflegt, sehen wir für diesen neu aufgelegten Fonds keine „Teststrecke“ als erforderlich an.“

Das sieht Schwicht ganz anders. Er hält die Forderung nach einer Teststrecke für Fonds für berechtigt. JP Morgan schicke neue Investmentideen bereits seit vielen Jahren auf eine solche Teststrecke. „Echte Strategie-Innovationen durchlaufen bei uns einen vierteiligen Prozess“, sagt er. Zuerst muss die Innovation das sogenannte Backtesting bestehen, dabei werden aus dem Kursverlauf der Vergangenheit Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung gezogen. Besteht der Fonds diesen Test, folgt die Marktsimulation. Der Fonds muss sich in der aktuellen Börsenlage beweisen, allerdings handelt das Fondsmanagement noch nicht mit echtem Geld. Vielmehr wird das Portfolio mittels theoretischer Käufe und Verkäufe dargestellt.

Stimmt die Entwicklung des Musterdepots, kommt die Inkubationsphase. „Der Fonds im Reagenzglas“, beschreibt der JP-Morgan-Experte. „In dieser Phase erhält das Fondsmanagement echtes Geld.“ Mit geringen Summen wird das Konzept ein weiteres Mal getestet. Bewährt sich die Strategie, wird über die Fondsauflegung – Phase vier – nachgedacht. Dieser Prozess erstreckt sich, ähnlich wie auch von Ralf Lochmüller vorgeschlagen, über mindestens zwei Jahre.


Fondsmanagement ist eine zukunftsorientierte Kunst

Auch Achim Küssner ist ein Verfechter der Teststrecke: „Bevor wir einen Fonds neu auflegen, testen wir die Strategie in einem Inkubator mit firmeneigenem Geld. Wir haben zur Zeit rund 200 Millionen Pfund firmeneigenes Seed-Kapital in neu aufgelegte Fonds investiert“, sagt der Geschäftsführer von Schroder Investment Management. Nur wenn die Fondsgesellschaft von dem Ergebnis dieses Tests überzeugt sei, komme das neue Produkt auch auf den Markt. Ähnlich geht Legg Mason Global Asset Management vor.

Reagenzglas, Inkubator – davon möchte Christoph Bruns  nichts hören: „Fondsmanagement ist keine Naturwissenschaft, sondern eine zukunftsorientierte Kunst, die handwerkliches Können erfordert“, sagt der Loys-Manager. Auf offene Ohren treffen die Vorschläge Lochmüllers hingegen beim Fondsverband: „Auch die Fondsindustrie tut gut daran, vor dem Start neuer Produkte deren langfristige Tauglichkeit stärker zu berücksichtigen“, sagt BVI- Hauptgeschäftsführer Thomas Richter. Das gilt nicht nur für die Neuauflage von Produkten, findet Schroder-Chef Küssner. Man müsse den Mut haben, die bestehende Fondspalette „regelmäßig auf Herz und Nieren zu prüfen“. Das könne dann auch bedeuten, sich von Fonds zu verabschieden. Angesichts von 6500 Investmentfonds, zwischen denen Anleger mittlerweile wählen könnten, sicher eine gute Idee.

Dass Portfoliomanager selber ins Risiko gehen sollten, kommt in der Branche ebenfalls gut an. Lob für diese Idee kommt beispielsweise von Hall. „Den Umstand, dass ein Fondsmanager auch einen signifikanten Anteil seines Privatvermögens in dem eigenen Fonds investiert, bewerten wir als positiv“, sagt der Sauren-Experte.

Das Fazit von Max Otte: „Die Vorschläge von Herrn Lochmüller sind teilweise hilfreich.“ Professionelle Standards und Nachwuchswerbung könnten durchaus helfen. Doch der Fondsmanager sieht auch Gefahren in Lochmüllers Qualitätsoffensive. „Letztlich weisen die Vorschläge aber in die falsche Richtung: Sie setzen den Trend zur gefährlichen Überregulierung der Branche fort, ohne wirklich materiell zu wirken, anstelle bei der Wurzel des Problems anzusetzen.“ Sein Vorschlag ist es, bei den Fondsmanagern anzusetzen. „Es ist kein Wunder und kein Geheimnis, dass inhabergeführte Fondsboutiquen oftmals besser performen“, sagt er. „Fondsmanager müssten also keinen Jahresbonus, sondern langfristige Anreize erhalten.“

Es wird sich zeigen, wie die Diskussion weitergeht. Und ob die Branche wirklich in sich geht, um ihre Produkte zu verbessern.

Quelle:  Handelsblatt Online
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