Sparverhalten: Warum Deutsche auch ohne Zinsen sparen

09. August 2013
Egal, wie niedrig die Zinsen auch sein mögen: Das Sparbuch bleibt die beliebteste Sparform - selbst wenn die Preissteigerung die Kaufkraft der Ersparnisse schmälert Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWocheBild vergrößern
Egal, wie niedrig die Zinsen auch sein mögen: Das Sparbuch bleibt die beliebteste Sparform - selbst wenn die Preissteigerung die Kaufkraft der Ersparnisse schmälert Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche
von Andreas Toller

Trotz Mini-Zinsen und inflationsbereinigten Verlusten lassen sich die Deutschen das Sparen nicht vermiesen. Das Sparvermögen nimmt zu und auch der Konsum läuft ungebremst. Das ist sogar rational.

Die Analysten der Postbank haben es für die "Bild"-Zeitung nochmal nachgerechnet: Bereits in diesem Jahr verlieren deutsche Sparer von ihrem auf Bankkonten gehorteten Geld 14 Milliarden Euro. Soviel Kaufkraft schwindet auf Sparbüchern, Tagesgeldkonten und ähnlichen, wenn man von den geradezu lächerlich niedrigen Guthabenzinsen die Inflationsrate von 1,6 Prozent im Jahr abzieht. 2014 soll der Kaufkraftverlust der Postbank-Berechnung zufolge sogar 21 Milliarden Euro betragen. Dazu müsste die Teuerungsrate nur leicht auf immer noch moderate 2,0 Prozent steigen.

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Gäbe es eine Erhöhung der Einkommensteuer in ähnlicher Größenordnung wäre der Aufschrei der Wähler, Gewerkschaften und Interessenverbände riesig. Die „kalte Enteignung“ – so das geflügelte Wort für die Kaufkraftverluste im Niedrigzinsumfeld – vollzieht sich jedoch schleichend, der lautstarke Protest der Sparer bleibt aus. Gemessen an den zugrunde gelegten Bankeinlagen von insgesamt 1750 Milliarden Euro, die deutsche Sparer auf ihren Konten lagern, fallen die 14 oder 21 Milliarden Euro Wertverlust pro Jahr auch noch nicht sonderlich ins Gewicht.

Aber je länger das Ersparte unangetastet bleibt, umso schmerzhafter ist der kumulierte Wertverlust. Bereits seit mehr als einem Jahr erleiden Sparer inflationsbereinigt Kaufkraftverluste mit ihren festverzinsten Spareinlagen. Da die Europäische Zentralbank noch länger an ihrer Niedrigzinspolitik festhalten will, ist hier auch keine schnelle Besserung in Sicht. Die Kaufkraftverluste dürften viele Sparer daher erst realisieren, wenn sie das Geld nach Jahren für größere Ausgaben oder den Lebensunterhalt im Alter benötigen. Dann werden sie feststellen, dass sie für ihr Erspartes nicht mehr so viel bekommen, wie einige Jahre zuvor.

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Sparbuch ist ein Evergreen

Wer mit spitzer Feder rechnet, weiß schon lange, dass sich Sparbuch, Tagesgeld oder Festgeldkonto nicht lohnen. Zwar bestehen keine Verlustrisiken wie bei Aktien oder Anleihen, aber die Zinsen genügen schon seit langem nicht mehr, um die Inflationsrate auszugleichen. Pro Jahr gibt es auf dem Sparbuch nur noch maximal 1,25 Prozent, meist deutlich weniger und bei mancher Bank auch gar nichts mehr. Tages- und Festgeldkonten sind kaum besser. Die – historisch vergleichsweise niedrige – Inflationsrate liegt jedoch bei 1,6 Prozent. Die Europäische Zentralbank hält zudem wie schon die Bundesbank eine Inflationsrate von 2,0 Prozent für eine angemessene Zielgröße, deutlich unter diese Marke wird die Teuerung kaum fallen. Das Sparbuchguthaben verliert somit unter dem Strich an Wert. Trotzdem ist das Sparbuch Umfragen zufolge noch immer die beliebteste Sparform der Deutschen. Können deutsche Sparer also nicht rechnen?

Torsten Schmidt, Projektleiter beim Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen, hält das Verhalten der deutschen Sparer durchaus für rational. Bereits 2010 hat das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen das Spar- und Konsumverhalten der Deutschen im Auftrag des Bundesfinanzministeriums analysiert. Anlass für die Studie von 2010 war die Tatsache, dass der Indikator für das Konsumentenverhalten in der Europäische Union, der sogenannte Konsumklimaindex, nur ein ungenaues Bild von der Konsumentenstimmung in Deutschland liefert und daher keine zuverlässigen Prognosen über die künftigen Konsumausgaben zulässt. „Wir wollten klären, woran das liegt und wie sich die Prognosegenauigkeit verbessern lässt“, erklärt Torsten Schmidt, der das Studienprojekt seinerzeit geleitet hat.

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Kommentare | 3Alle Kommentare
  • 09.08.2013, 09:13 UhrKaufNurAktien

    Hunderttausendfach ist darüber nun ja schon geschrieben worden, warum in D kluge Privatleute die Finger von Aktien lassen. In Deutschland wohnen nun einmal recht kluge Menschen, die nicht auf alles und jedes hereinfallen. Hier hat man in den letzten Jahrhunderten genug Leid erlebt durch Verdrehungen, Lug und Trug.

    Diejenigen, die im Casino ihr Geld verdienen, leben an anderen Orten. Wenn sie verlieren, können sie Flugzeugträger auffahren lassen und die Aktien so auf Kurs bringen. Das können wir nicht. Wir müssen richtig arbeiten, und wir wissen, daß ein höherer Zins grundsätzlich auch ein viel höheres Risiko bedeutet.

    Wer dennoch glaubt, ohne Arbeit und ohne eigene Flugzeugträger reich werden zu können, dem sei der Satz über geschönte Bilanzen aus dem wiwo-Artikel dieser Woche zitiert: „on the left nothing right and on the right nothing left“, denn AGs sind meist über alle Ohren verschuldet (Lasten durch Betriebsrenten etc.).

    Das Geld auf der Bank (heute Euro oder Dollar) ist zwar auch nur Papier, aber es steht unter einer weit besseren Kontrolle als alle anderen Papiere. Die PR-Aussage, daß Aktien einen Firmenbesitz und damit Realwerte darstellen, zielt auf sehr naive Menschen ab, die die Wirtschaft aber braucht, um deren Geld ‚einsammeln’ zu können, wie man es besonders frech formuliert. Selbstverständlich denkt man dabei nicht an eine Rückzahlung des Geldes wie bei der Bank, sondern nur daran, daß das Papier ja an den nächsten (Dummen) weiterverkauft werden kann. Dieses klassische Schneeballsystem nennt sich Wertpapierhandel. Es ist gut für Staat und Wirtschaft, aber schlecht für den Papierkäufer. Insofern soll man niemanden vom Aktienkauf abhalten.

  • 09.08.2013, 09:21 Uhrskyjellyfetty

    Man muss sich schon ein bißchen mehr Mühe geben gute Anlagemöglichkeiten zu finden,als nur wie einst die Zinsen der verschiedenen Banken zu vergleichen.
    Natürlich auch ein wenig Risiko mittragen,dann findet man schon sehr ordentliche Möglichkeiten.

  • 25.10.2013, 19:56 UhrFlinn1

    Im ersten Teil des Artikels, in dem von Zinsen (-) und Inflation (+ = -) die Rede ist, wird die Abgeltungsteuer (-) leider vollkommen außer Acht gelassen.

    Im mittleren Teil des Artikels steht: "Auch das überproportionale Wachstum im Geschäft mit Bausparverträgen spricht für die große Vorsicht deutscher Sparer..." Wenn damit das erste Halbjahr 2013 gemeint ist, so gibt es eine viel einfachere Erklärung:
    Erst zum Ende des ersten Halbjahres 2013 haben die letzten Bausparkassen ihre Ansparzinsen gesenkt. Bis dahin hatten alle Bankinstitute die Zinssätze schon unten. Also blieb dem langfristigen) Sparer nur noch diese Möglichkeit.

    Leider entpuppt sich im letzten Teil des Artikels, dass es sich wie so häufig um gut getarnte Werbung für Aktien handelt. Dazu gibt es schon gute Kommentare. Trotzdem noch eine Anmerkung von mir:
    Warum sollen der Elektriker, der Anstreicher und der Friseur, die schalten, anstreichen und frisieren gelernt haben, eigentlich den Job des Bankers übernehmen? Nämlich - finanzielle Risiken abwägen und das Risiko tragen?

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